Wenn der Schmerz aus der Psyche kommt

Bei einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung verursachen psychische Probleme körperlicheSchmerzen.

(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Es fühlt sich an, als würde mir eine riesige Faust den Kopf zerquetschen“, beschreibt Romana B. (65) die Schmerzen, die jahrelang ihr Leben beherrschten. Schmerzen, die sie in die Praxen vieler Ärzte, die freilich wenig mit dem Leiden der Welserin anzufangen wussten, trieben. Körperlich schien alles in Ordnung, ihre Befunde waren unauffällig.

Als wahrscheinliche Ursache ihrer Schmerzen rückte immer mehr das psychische Leid der Pensionistin in den Vordergrund. Denn die Schmerzen traten erstmals zu jener Zeit auf, in der sie nur wenig zu lachen hatte. Ihr Ehemann war mit dem beruflichen Druck nicht zurande gekommen und hatte zu trinken begonnen. Aus einem Frusttrinker war rasch ein starker Alkoholiker geworden. Tag für Tag hatte sie versucht, ihn vom Alkohol wegzubekommen, ihn zu retten. Über sechs Jahre hinweg, vergeblich. „Seine Krankheit hat auch mich krank gemacht“, sagt die Pensionistin.

Die Scheidung 1994 brachte nicht die erhoffte Erlösung. „Er traktierte mich weiterhin“, sagt sie. Selbst sein Tod 2003 ließ sie nicht zur Ruhe kommen, in den Träumen war er immer noch bei ihr. Zu den Schmerzen gesellten sich Bluthochdruck und ein ständiges Gefühl der starken Spannung.

Einer der Ärzte, die Romana B. konsultierte, gab ihrem Problem schließlich einen Namen: anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ASS). Diese ist geprägt durch mindestens sechs Monate dauernde Schmerzen, ohne dass eine körperliche (somatische) Ursache vorliegt, die das Ausmaß der Schmerzen erklären könnte. „Die Bezeichnung ,somatoform‘ besagt, dass die Störungen wie körperlich verursacht aussehen, es nach dem gegenwärtigen Wissensstand aber nicht sind. Die Betroffenen selbst sind allerdings überzeugt, eine körperliche Störung zu haben“, erklärt der Linzer Psychotherapeut Hans Morschitzky.

Auslöser sind psychische Umstände (emotionale Konflikte, psychosoziale Probleme). Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer. Die Störung tritt vermehrt im Alter zwischen 30 und 50 Jahren auf. Die Schmerzen betreffen entweder nur eine Körperregion oder auch gleichzeitig mehrere Regionen (wie Kopf, Schulter, Rücken, Arm, Brust, Bauch oder Beinen). Häufige Begleiterscheinungen sind auch Magen-Darm-Beschwerden, Erschöpfung, Schlafstörungen, Schwindel, Spannung und Unruhe.


Von Arzt zu Arzt. Wird die Diagnose ASS überhaupt jemals gestellt, geschieht dies erst nach durchschnittlich drei bis fünf Jahren. Betroffene machen zuvor in der Regel eine Odyssee von Arzt zu Arzt durch. Der Hausarzt, der keine körperliche Ursache finden kann (es gibt ja keine), verweist an einen Facharzt. Da der Patient auch hier oft keine Hilfe finden kann, begibt er sich auf die Suche nach anderen Experten.

Der Patient wird von einem Facharzt nach dem anderen untersucht, in der Hoffnung, dass endlich eine körperliche Ursache gefunden wird. Immer wieder bekommt man zu hören: „Sie haben nichts.“ Resignation und Enttäuschung über die Ärzte, die keine körperliche Erklärung finden können, machen sich breit. Der Hinweis, dass vielleicht eine psychische Ursache vorliegen könnte, wird oft nicht gern gehört; nach jahrelangen organischen Untersuchungen fällt es schwer, sich eine derartige Ursache vorzustellen.

ASS-Patienten fühlen sich oft hilflos. Denn es gibt keinen greifbaren Grund, keinen kranken Körperteil und keine „vernünftige Erkrankung“, der man die Schmerzen zuschreiben könnte. Zudem müssen sie sich mitunter auch den Verdacht gefallen lassen, dass sie ihr Leid nur simulieren würden. Der Grund: Bei der ASS gibt es keine auffälligen Befunde oder abweichende Laborwerte, und auch die Bildgebung (z.B. Röntgen) zeigt keine Auffälligkeiten. Dennoch gibt es für Fachleute keinen Zweifel, dass die Schmerzen echt sind. „Bei Menschen mit ASS findet man lange Krankenstände, häufige Arztbesuche und Klinikaufenthalte. Somatoforme Störungen sind ein Musterbeispiel dafür, wie wichtig die Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten ist“, sagt Morschitzky.


Seelische Konflikte. Bei der ASS können psychische Probleme die Schmerzen sowohl auslösen als auch verstärken. Seelische Konflikte und anhaltende schwere Belastungen sind charakteristisch. Negative Emotionen werden als körperliche Schmerzen wahrgenommen. Eine Begründung dafür: Das Schmerzempfinden ist im Gehirn in einem Gebiet angesiedelt, das auch Sitz der Gefühle ist. Soziale und körperliche Stress-Schmerzsysteme sind auf neurobiologischer Ebene also eng verknüpft. Bei lang anhaltenden belastenden Situationen kommt es zu einer Aktivierung von körperlichem Schmerz und negativen Gefühlen. Häufig liegen bei der ASS auch traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder jahrelanger Stress im Sinne von starker emotionaler Belastung vor.

Herkömmliche Schmerzmittel sind in der Regel wirkungslos. Antidepressiva dagegen haben sich bei manchen Patienten als durchaus sinnvoll erwiesen. Sie können helfen, eine gewisse Distanz gegenüber den Schmerzen aufzubauen, und führen zu einem besseren Schlaf und verminderter Anspannung.

Bei der Behandlung der ASS steht die Psychotherapie im Vordergrund. Es gilt vor allem, den zugrunde liegenden Konflikt oder die andauernde Belastungssituation aufzuarbeiten. Ziel ist es auch, die Schmerzwahrnehmung zu verändern; zu lernen, dass negative Gefühle oft als körperlicher Schmerz erlebt werden.

Der Grad des Leides lässt sich von den Patienten bewusst steuern. Gegen Schmerzen anzukämpfen, sie abzulehnen oder gar bewusst zu versuchen, sie auszublenden, verstärkt die Schmerzen sogar noch. Hilfreich dagegen ist die Einstellung: Ich habe die Schmerzen nun einmal, sie sind Teil meines Lebens, dennoch kann ich ein gutes Leben führen. Nicht resignieren, sondern aktiv leben und sich einen Alltag schaffen, der neben aller Aktivität auch Raum für Rückzug, Ruhe und Entspannung bietet.

„Menschen mit ASS haben nicht selten eine Persönlichkeitsstruktur mit stark ausgeprägtem Willen. Ein Teil ihres Lebensmottos könnte lauten: Mein Wille geschehe. Diese Lebenshaltung führt zwangsläufig zu Spannungszuständen, die sich auch körperlich manifestieren. Bei diesem Menschentypus beginnt nun mit der Zeit ein zunehmender Teufelskreis, weil er auch den stärker werdenden körperlichen Spannungen und den Schmerzen mit derselben Haltung begegnet. Man will also auch hier seinen Willen durchsetzen, lehnt die Schmerzen ab und steigert mit dieser Haltung die inneren Spannungszustände weiter.“


Abklingen der Symptome. „Erst wenn es gelingt, das gewohnte Bewertungsprogramm – Mein Wille geschehe und sonst nichts – zu erkennen und Stück für Stück davon abzurücken, im Sinne von loslassen und die Dinge sein zu lassen, wie sie sind, kann es zu einem Abklingen der Symptomatik kommen – bis hin zur völligen Beschwerdefreiheit“, sagt Wolfgang Pichler, Psychotherapeut in Wels.

Bei Romana B. war genau das der Fall. Nach der Aufarbeitung ihrer belastenden Vergangenheit und dem Erlernen des inneren Loslassens konnte ihr nach 15 schmerzhaften Jahren letztendlich geholfen werden. Die quälenden Zustände haben sie verlassen, sie ist wieder schmerzfrei. „Es gelang ihr bereits nach wenigen Gesprächen, einige alte Überzeugungen zu verändern und über Bord zu werfen“, sagt Pichler. „Dadurch hat sich ihr Widerstand gegen Ereignisse in ihrem Leben reduziert. Infolgedessen haben sich ihre Spannungszustände vermindert und schließlich ganz aufgelöst.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2014)

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