1929: Jazz ist die treulose Geliebte

Musik. „Was ist Jazz?“, fragte Wilhelm Furtwängler, in Wien unter anderem als Konzertdirektor des Musikvereins bekannt. Seine Antwort: Jazz ist keine Musik.

Die nachfolgenden Ausführungen des berühmten Dirigenten werden das lebhafteste Interesse des Publikums hervorrufen.

[23. OKTOBER 1929]
Über das Problem der Jazzmusik habe ich viel nachgedacht und bin zu dem Schluss gelangt, dass ich eigentlich nicht weiß, was Jazz ist. Warum ist die Definition dafür so schwierig? Der Grund ist äußerst einfach. Wenn wir wissen wollen, was ein Gedanke oder eine Sache ist, müssen wir ihnen erst eine entsprechende Existenzdauer zugestehen. Diese Bedingung erfüllt die Jazzmusik bisher noch nicht. Sie ist sehr jung, hat nicht lange genug gelebt.

So viel jedoch mag einleitend vom Jazz gesagt werden, dass etwas dabei nicht stimmt. Die Jazzmusik ist nicht aufrichtig. Es fehlt ihr an Wahrheit des Empfindens. Zugestanden – man könnte die Frage stellen, weshalb sie ernst sein sollte. Für Ernst ist in der Musik kein Platz. Musik ist nicht ernst, sondern heilig im Moment, wo zwei Töne angeschlagen werden. Dennoch muss ich nochmals betonen, dass Jazzmusik unwahr, unaufrichtig ist. Sie ist nichts Ursprüngliches, nichts aus dem eigenen Blut Genährtes, sich selbst Entstammendes. Ihr Urheber ist die Negermusik, so wie die Volksweisen moderne Nationalmusiker befruchten. Der Unterschied jedoch ist der, dass diese Nationalmusiker aufrichtig sind. Jazz ist es nicht. Dennoch missbillige ich Jazz nicht gänzlich. Man sollte Jazzmusik schreiben, aber sozusagen klassische Jazzmusik. Statt der Tanzmusik der Negerweiber nämlich sollte das Rauschen der Palmen in Musik gewandelt werden. Das Wesen dieser Musik sollte erfasst werden, wodurch sie gleichzeitig volkstümlich und erhebend werden würde.

Ein Versuch, Musik zu machen

Über die Jazzmusik von heute lässt sich nicht ernst sprechen. Sie ist nicht Musik, bestenfalls ein Versuch, Musik zu machen. Aufreizend, ein sinnlicher Schauer für die Dauer eines Augenblicks, und dann versinkt sie in vollkommene Vergessenheit. Es sind kreischende, verstümmelte Volksweisen, die Reminiszenzen an ferne Völker erwecken. Etwas von ihrer ursprünglichen Bedeutung, ihrem ursprünglichem Sinn ist auf der Reise verloren gegangen und dieses fehlende Fragment hat sie unverständlich gemacht. Für einen wirklichen Musiker ist sie vollkommen unverdaulich. Sie gleicht dem monotonen Rattern japanischer Trommeln, das uns kaum etwas zu sagen hat, für das uns das Ohr fehlt. Die Japaner verstehen sie, aber diese Musik ist ihnen auch ureigen. Für uns etwas unendlich Fernes, in Nebelschleier Gehülltes.

Meine Ansicht über die Jazzmusik der Zukunft? Nun, sie ist da, ich glaube jedoch nicht, dass sie uns erhalten bleibt. Sie kann nicht bleiben, muss verschwinden. Muss verschwinden, so wie Inflation, Krieg und andere Verirrungen unserer Epoche verschwinden mussten. Es gibt Dinge, die Ewigkeitswert besitzen. Ein Abgrund liegt zwischen diesen Dingen und der Jazzmusik. Wer sich auf Jazzmusik konzentriert, hat vielen Freuden der Musik zu entsagen. Die Philosophie der Jazzmusik heißt Begierde, Materialismus. Wahre Musik hingegen bedeutet Entsagung – die einsame Schönheit der Berge. Wahre Musik predigt die Schönheit des Einsamseins. Das ist die Philosophie der Musik Beethovens, Brahms und Bachs. Selbst Strawinsky predigt dasselbe, obwohl er aus der Einsamkeit in Lärm und Geräusch flieht, kehrt er immer wieder in die Einsamkeit zurück. Einsamkeit ist der immer treue Liebhaber, die wahre Musik; Jazz ist die treulose Geliebte, die bemalte Dirne, sie schenkt nicht Ruhe, lässt die Seele freudlos.

Ein böser Traum

Von einer Entwicklung kann bei Jazzmusik keine Rede sein. Nichts kann sich ohne wahres Fundament, ohne feste Grundlagen entwickeln. Sie wurzelt nicht im Boden, besitzt keine Wurzeln im Erdreich, die ihr Nahrung zuführen. Ihre wahren Wurzeln, die Negermusik, sind längst gestorben. Das Erbe ist verwüstet worden, nichts blieb für die Zukunft, nichts von dauerndem Wert, das eine Entwicklung sichern würde. Sie kann keine Zukunft haben, da sie keine Gegenwart besitzt. Was sie hat, ist eine Pseudogegenwart, eine falsche Manifestation. Ihr ganzes Dasein ist Lüge. Auf Lügen kann keine wahre, lebenskräftige Zukunft aufgebaut werden. Sie hat verheerendes Gift in ihrer Struktur. Quillt über von tödlichen Krankheitssymptomen, ist ein trauriges Zeichen von Entwurzeltsein, jedoch ohne Dauer.

Jazz und wirkliche Musik sind nicht zu vergleichen, sind zwei ganz verschiedene Elemente, und eben dieser Unterschied macht es dem Musiker fast unmöglich, ein Urteil darüber abzugeben. Warum sollte sie aber auch ein Musiker beurteilen und nicht ebenso gut ein Ingenieur oder ein Arzt? Hat sie doch mit wirklicher Musik ebenso viel zu schaffen wie mit dem Theodoliten oder dem Skalpell. Solange Wahrheit und Aufrichtigkeit der Jazzmusik vollkommen mangeln, besteht keine Möglichkeit, sie unter dem Begriff Kunst zu klassifizieren.

Gleich einem bösen Traum wird sie verschwinden, und mit einem Mal werden die Musiker der Welt erwachen und die Menschheit von dieser lästigen Erscheinung befreit finden. Es ist unsinnig anzunehmen, dass musikalisches Empfinden von Jazzmusik irregeleitet werden kann. Die einzige Spur, die sie zurücklassen wird, ist ein Rätsel für die Musikhistoriker der Zukunft, das Rätsel  einer seltsamen, unverständlichen Verirrung. Möglich, dass sie das Rätsel werden psychologisch erklären können, sein wahres Wesen jedoch wird nie ergründet werden, aus dem einfachen Grund, weil die Jazzmusik wesenslos ist.

Wilhelm Furtwängler, geb. 1886 in Berlin, gest. 1954 in Baden-Baden, war Dirigent.

 

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)

Kommentar zu Artikel:

1929: Jazz ist die treulose Geliebte

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen