1971: Weltrekord mit Charme

Hochspringerin Ilona Gusenbauer markierte im Praterstadion eine neue Bestmarke und brachte sich in die Favoritenrolle für die Olympischen Spiele 1972 in München.

1971: Weltrekord mit Charme
1971: Weltrekord mit Charme
1971: Weltrekord mit Charme – (c) Fabry

[7. September 1971] Als der Beifall verrauchte, da griff Ilona Gusenbauer zur Zigarette. Dazu trank sie ein Schalerl Kaffee. Im weißen Minikleid wirkte die frisch gebackene Hochsprung-Weltrekordlerin eher wie ein Fotomodell, das sich beim Sport langweilt.  Die Europameisterin hat im Rahmen des Länderspiels Österreich gegen Schweden im Wiener Praterstadion die Höhe von 1,92 Meter überquert und damit den zehn Jahre alten Weltrekord der Rumänin Iolanda Balas gelöscht. Dass viele darüber staunen, überging sie. Sie genoss den Triumph in vollen Zügen. Zugleich blies sie mit der Zigarette auch die Anspannung weg. Sportliche Askese fordert manchmal einen Seitensprung von Abstinenz.

Mit diesem Sprung wurde aus Ilona Gusenbauer binnen Minuten wieder die Persönlichkeit, die manche Vorurteile einfach ignoriert, weil sie genau weiß, wie weit sie gehen kann. Eine Erscheinung, geformt aus Niederlage und Triumph. Eine Frau, die aus Fehlern klug wurde. Ihr Charme überwältigt sogar sportliche Rivalität. Gunnar Prokop, Gatte der früheren Fünfkampfweltrekordlerin und jetzigen Abgeordneten zum NÖ Landtag, Liese Prokop, aus deren Schatten Ilona Gusenbauer lange nicht herauskam, beantwortete den Rekordsprung mit einem spontanen Kuss.

Bruch mit der Familie Prokop

Im Sommer des Vorjahres noch gingen die Gusenbauers und die Prokops im Streit auseinander. Ein fast lächerlicher Anlass hatte sie entzweit. Ilona Gusenbauer drängte auf den sportlichen Exodus aus dem Südstadtparadies und zur Rückkehr nach Wien. Der Schnitt wurde vollzogen. Mit ihm trennte sich Gusenbauer von schlechten Erinnerungen.

Der Bruch, der großes Aufsehen erregt hatte, machte in Gusenbauer neue Kräfte frei. Mit dem Vereinswechsel änderte sich auch ihr Status. Sie war nicht mehr das fünfte Rad am Wagen, sondern galt als Mittelpunkt. Eine Stellung, die an den Ehrgeiz appellierte. Gusenbauer bewältigte diese schwierige sportliche wie charakterliche Aufgabe mit immer besseren Sprüngen meisterlich. Die Selbstbestätigung wurde zur Triebfeder der zweiten Karriere, die vor wenigen Wochen bei den Europameisterschaften in Helsinki vergoldet wurde und am Samstag in einem großartigen Weltrekord gipfelte.

Doch Gusenbauer will noch höher hinaus. An einem Olympiasieg könnten die Deutschen mitnaschen. Das Talent wurde ihr in Gummersbach in die Wege gelegt, ihre Mutter stammt aus Westfalen. Dort wurde auch Ilona geboren, als zweitältestes von sieben Kindern. Noch im September feiert Gusenbauer den 24. Geburtstag. Was sie sich nach dem Weltrekord wünscht? „Den Führerschein möcht ich machen.“ Sie hat davor mehr Angst als vor einem Weltrekordversuch, bei dem 30.000 Zuschauer jeden Schritt verfolgen.

Wer hätte sich ihren Höhenflug träumen lassen, als vor fünf Jahren eine langbeinige Blondine mit wallender Mähne in Budapest bei der EM ihre ersten internationalen Gehversuche unternahm? Über ihre damalige Unerfahrenheit kann „Ilo“ heute noch lachen. „Sogar den Anlauf hab ich von der falschen Seite ausgemessen.“ Der Teenager schaffte damals die Qualifikation für das Finale. Kaum war man auf Ilona Majdan aufmerksam geworden, da sprang eine gewisse Ilona Gusenbauer ins leichtathletische Europateam. Ihre Ehe mit Roland Gusenbauer wurde zur Plattform eines steilen Aufstieges. Rückschläge blieben nicht aus. Es gab manche Dissonanzen, ehe Erfolge alles in Harmonie auflösten.

Ilona Gusenbauer verstand es, ihr sportliches Leben mit der Familie auf einen Nenner zu bringen. Sie ist zärtliche Mutter, mit der menschlichen Reife kam auch die Ausgeglichenheit. Ihr Gatte analysierte nach dem Weltrekord: „Wenn sie in München verliert, so ist das jetzt kein Unglück.“ Ihr gehört der Weltrekord, sie wurde von der Öffentlichkeit in Beschlag genommen. Ilona Gusenbauer ist ein Begriff. Und damit ein Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.

Josef Metzger, entdeckt von Kurt Jeschko, war später Sport-Chef.

("Die Presse", 165 Jahre Jubiläumsausgabe, 29.06.2013)

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