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170 Jahre "Die Presse"

Dossier Gegründet als Tageszeitung in den bewegten Zeiten zur Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde „Die Presse“ durch professionellen Journalismus mit hohem Anspruch in ganz Europa groß. Heute stellt sich „Die Presse“ als Medienmarke den Herausforderungen einer Gesellschaft in Transformation und bedient sich dabei jener Stärke, die sie seit über 170 Jahren ausmacht: des unabhängigen Qualitätsjournalismus.
Ein Dossier von Günther Haller

Ganz Österreich erzählt dieser Tage Geschichte. In diesem Erinnerungs- und Jubiläumsjahr 2018 gedenken wir vieler Zeitenwenden. Mit dem hundertjährigen Republiksjubiläum als identitätsstiftendem Anlass an der Spitze; dem Jahr 1938, das zuerst für Österreich, dann für Europa und auch für die Welt dramatisch war; und 1968 mit einer weniger bedrohlichen gesellschaftlichen Revolution, die aber in ihren Ausläufern in allen Bereichen bis heute nachwirkt. Nur um die allergrößten 8er- Anlässe zu nennen. Den Weg zur Republik und die Wiener Moderne haben wir auch in der Reihe der „Presse“-Geschichte- Magazine lebendig nachgezeichnet.

Doch während viele Geschichte gleichsam aus zweiter Hand erzählen (müssen), war „Die Presse“ immer schon da und dabei. Also gut, nicht wirklich immer, aber immerhin seit 1848. Deshalb feiern auch wir als Zeitung, Medienmarke und Verlag im 8er-Gedenkjahr 170. Geburtstag. Und tun dies auch mit einem Magazin, aus dem wir in diesem Dossier ein paar Gustostücke präsentieren. Für das Geschichte-Magazin öffnen Günther Haller und Tina Stani gemeinsam mit Art Director Matthias Eberhart und den Autoren Wolfgang Böhm, Oliver Grimm, Judith Hecht, Andreas Tanzer, Wilhelm Sinkovicz, Anna- Maria Wallner und Karl Woisetschläger wieder einmal das „Presse“-Archiv und lassen Sie und uns staunen. Über die bewegte Geschichte der „Presse“, in deren Aufs und Abs sich auch die Geschicke Österreichs spiegeln. Über die vielen schillernden Persönlichkeiten, die für diese Zeitung arbeiteten und für sie schrieben. Von Sigmund Freud bis Arthur Schnitzler. Von Karl Marx bis Stefan Zweig. Von Theodor Herzl bis Georg Büchner. Um nur einige zu nennen. Ja, in der Redaktion dieser Zeitung wurden nicht nur Geschichten geschrieben, sondern auch Geschichte. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber anders als Historiker, die oft erst im Nachhinein bewerten, einordnen und auswählen, tut dies eine Tageszeitung als Zeitgenosse eben jeden Tag. Wie die Zeitung die Zeit spiegelt, zeigt auch die Geschichte der „Presse“. Die dramatische Geburtsstunde in den Revolutionskämpfen 1848, ihr früher ökonomischer Überlebenskampf, der Aufstieg der „Neuen Freien Presse“ zum Leitmedium Mitteleuropas, der fatale Verfall parallel zu Monarchie und Republik, die Anpassung und dann das Aus während des Nationalsozialismus, die mühsame Neugründung nach Kriegsende, das publizistische Wiedererstarken als relevantes Qualitätsmedium bis hin zum heutigen Umbruch der Medienbranche.

Während viele Zeitungsmarken die digitale Revolution nicht überlebt haben, erfindet sich „Die Presse“ zum x-ten Mal neu. Und auch wieder nicht: Denn das Handwerk Journalismus, das in der Redaktion der „Presse“ seit 170 Jahren von Journalistengeneration zu Journalistengeneration weitergegeben wird, 2018 ebenso Bestand hat, wie es schon bei der Gründung 1848 Bestand hatte. Penible Recherche, Check und Gegencheck, Trennung von Bericht und Kommentar, exzellente Journalisten mit Integrität und Grundsätzen, das alles führt zu Vertrauen in Informationen. Vertrauen, das sich nicht in ein paar Jahren herstellen lässt, sehr wohl aber über Jahrzehnte, ja inzwischen tatsächlich fast zwei Jahrhunderte. Da lässt sich so manche Neuerung auf dem Medienmarkt etwas gelassener verfolgen.

Erfahren Sie also mehr über Ihre Tageszeitung, vieles, das Sie so nicht mehr gewusst haben, manches, das Sie vielleicht so zum ersten Mal lesen. Wir schreiben in der „Presse“ inzwischen weiter Geschichte, wie wir es immer schon, nein, seit 170 Jahren tun.

Das Magazin mit allen Texten aus 170 Jahren Geschichte der Zeitung können Sie hier erwerben:


122 Seiten, 8,90 Euro (6,90 für Abonnenten)

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Gründung

Die Geburt des österreichischen Zeitungslesers

1848. Flugblätter, Barrikaden, Freiheitskampf, fast jeden Tag eine neue Zeitung, am 3. Juli erstmals „Die Presse“. Was für ein Jahr!

Von Günther Haller

Dass das Umsturzjahr 1848 auf dem Gebiet des Pressewesens am 1. Jänner mit dem Erscheinen der „Wiener Allgemeinen Damenzeitung für Frauenleben und Häuslichkeit“ begann, ist interessant, aber als Vorbote revolutionärer Umwälzungen darf man dies wohl nicht deuten. Schade, dass das Blatt nur so ein kurzes Leben hatte, es ging bereits Ende März wieder ein. Die Gründe sind nicht schwer zu erraten: In diesem Monat war plötzlich vieles anders, nicht nur in der Zeitungslandschaft. Mode, Häuslichkeit und Kunst schwanden vorübergehend aus dem Fokus der Aufmerksamkeit: Am 13. März war nämlich plötzlich Revolution ausgebrochen in Wien und sie setzte überraschend schnell ihre Forderungen durch. Studenten und Bürger hatten mit ihren Petitionen nach Pressefreiheit und Konstitution die Sitzung der niederösterreichischen Stände unterbrochen, Handwerker und Arbeiter strömten dazu, es kam zu anfeuernden Reden und Tumulten, das Militär wurde eingesetzt, es gab Tote und Verwundete. Es brannten Fabriken und Mauthäuser in den Vororten, jene, weil die Arbeiter die verhassten Maschinen zerstörten, diese, weil hier die Verzehrsteuer eingehoben wurde, die das Leben in der Stadt verteuerte.

Das Umsturzjahr 1848
Das Umsturzjahr 1848
Das Umsturzjahr 1848 – APA / Käfer

Was verband die Unmutigen auf der Straße? Die Arbeiter werden die Pressefreiheit nicht als primäres Anliegen gesehen, die Studenten wenig Ahnung gehabt haben vom Elend der Proletarier in den Textilmanufakturen der Vorstadt. Galt die Stoßrichtung etwa der Monarchie? Nein, das Volk sah zu seinem Kaiser auf. Am Thron saß seit 18 Jahren der Sohn vom „guten Kaiser Franz“, dem man nicht erst nach etlichen Misserfolgen, sondern schon vom ersten Tag an Regierungsunfähigkeit attestierte. Eine Unzahl volkstümlicher Anekdoten kursierte rund um Ferdinand den Gütigen, mal unterstellten sie ihm Trottelei, mal Bauernschläue. Doch keiner hat je behauptet, dass er wirklich regierte.

Finsterling in der Staatskanzlei

Also war doch der jahrzehntelange Drahtzieher und Finsterling in der österreichischen Staatskanzlei,  Clemens Fürst von Metternich, der Bad Guy, der den Hass auf sich zog? Seine sagenumwitterte Geheimpolizei mit ihrem omnipräsenten Spitzelwesen, ihren Zensurregeln und Überwachungsmethoden war also schuld, dass man am 13. März auf der Straße lauthals seinen Rücktritt forderte. Allgegenwärtiger Geheimdienst? 1848 wurden die Spitzel der Hofpolizeistelle entlassen und meldeten sich arbeitslos, insgesamt 27 an der Zahl. Da war die Fama wohl mächtiger als die Wirklichkeit. Auch die Zensur war nicht so schlagkräftig, dass sie eine völlige geistig-politische Bevormundung geschafft hätte. Sie war bürokratisch, schwerfällig und wurde wegen ihrer leichten Hintergehbarkeit verspottet. Metternich verteidigte sie mit dem Hinweis, Frechheiten würden die gute Sitte und den Anstand verderben, zugleich gab er augenzwinkernd zu, dass die Schreibtischleute in der Zensurstelle reichlich borniert waren.

Wurde eine Schrift verboten, wurde sie in der Gesellschaft erst recht zum Thema. Auch Metternich wusste von „denen Zeitungsschreibern“ trotz aller Verachtung durchaus Gebrauch zu machen. Doch ein Organ der öffentlichen Meinung gab es vor der Revolution in Wien nicht, sondern nur Werkzeuge zur künstlichen Erzeugung einer öffentlichen Meinung. Ausländische Zeitungen waren unter der Hand erhältlich und wurden weitergegeben. Am 14. März, dem Tag nach Metternichs Sturz, boten die Buchhandlungen die verbotenen Werke zum Verkauf an, sie lagen bereits unter der Theke.

Dass man in den Zeitungen über das Alltagselend gar nichts lesen konnte, war nicht Schuld der Redakteure, sondern der bürokratischen Hemmnisse. Das Blatt drohte eingestellt zu werden, wenn es mehr schrieb als die Wiener Theaterneuigkeiten, seltsame vermischte Meldungen oder Society-Tratsch. Kein Wort daher über die Missernte im Jahr 1847, den besonders harten Winter danach, den Hunger, die Unruhen in Europa. Die Zeitungen taten so, als gebe es das alles nicht, keine Wohnungsnot, keine täglichen Diebstähle wegen des Hungers, kein Wort über die gesetzlichen Bestimmungen zur Kinderarbeit, die von den Fabriksherren ignoriert wurden. Die Journalisten muckten nicht auf, eher noch die Dichter. Sie hießen zum Beispiel Johann Nestroy und scherten sich nicht allzu viel um die Zensur. Sie fanden mit ihren Tricks durch das Gestrüpp der Reglements, in dem sich die Zeitungsschreiber elendiglich verfingen. In den Wiener Theatern wurde jede Anspielung auf die Freiheit beklatscht. Der Zensurkordon wurde brüchig und zum Ferment eines politischen Gärungsprozesses. Die Intelligenz begann sich zu regen. Selbst Franz Grillparzer, dem keiner Loyalität gegenüber dem Staatsganzen absprechen konnte, unterzeichnete eine Schriftstellerpetition, die die Handhabung der Zensur kritisierte.

Ein allergnädigstes Press-Gesetz

Und plötzlich brach das alles auf. Ein junger Arzt, Adolf Fischhof, war Teil der aufgeregten Menge am 13. März 1848 im Hof des Landhauses, er fühlte sich inspiriert, sich laut zu Wort zu melden, „Meine Herren!“, rief er, und wurde von Umstehenden auf die Schulter genommen. Seine Rede wurde legendär, sie enthielt den Schlüsselsatz: „Vor allem verlangen wir Pressefreiheit!“ Sei sie erst gewährt, ergebe sich alles andere von selbst. Eine Regierung, die vor dem Druck der öffentlichen Meinung zurückweicht und damit Blutvergießen unnötig macht, das erschien dem Redner als ideale Patentlösung. Die „Press-Freiheit“ galt als Ausgangspunkt für weitere Reformen. Der Wiener Gewerbeverein, Studenten und Bürger forderten in einer Massenpetition ausdrücklich die Aufhebung der Zensur.

So geben wir ihnen halt die Pressefreiheit! Kaiserliches Patent vom März 1848.
So geben wir ihnen halt die Pressefreiheit! Kaiserliches Patent vom März 1848.
So geben wir ihnen halt die Pressefreiheit! Kaiserliches Patent vom März 1848. – Wikimedia Commons

Das gelang auch: „Seine k. k. apostolische Majestät haben die Aufhebung der Censur und die alsbaldige Veröffentlichung eines Preßgesetzes allergnädigst zu beschließen geruht“ wurde am 14. März 1848 in Wien angeschlagen. Das schuf einige Unruhe, denn: Das Wort Press-Freiheit kam gar nicht vor. So wurde am Tag danach ein kaiserliches Patent nachgeschoben mit der eindeutigen Formulierung der Einführung der Pressefreiheit. Der Josefsplatz war von einer unübersehbaren Menschenmenge besetzt, man warf Hüte in die Luft, erinnerte daran, dass Josef II. einst an einem 13. März geboren worden war und verlas Kundmachungen. Ein guter Kletterer verpasste der Reiterstatue des Kaisers eine Standarte mit der Aufschrift „Press-Freiheit von 1780“. Nun, man hatte sich nur um ein Jahr geirrt, es war 1781, als Josef II., damals ohne äußeren Zwang, die Zensur lockerte: Er benötigte Zeitungen und Flugschriften als Mitstreiter seiner Reformen.

Regierung am Galgen

Nun konnte der bewegteste und turbulenteste Abschnitt der österreichischen, der Wiener Pressegeschichte beginnen. Wurde die Publizistik des Vormärz verglichen mit einem „künstlich eingedämmten Mühlgraben“, entwickelte sie sich nun zu einem „ungestüm dahinrasenden Wildbach, der einer heftigen Wetterstunde seinen Ursprung verdankt, heute jeder Grenze spottet und morgen wieder – verronnen ist“ (Ernst Viktor Zenker). Die Aufhebung der Zensur wurde mit der totalen Presse- und Meinungsfreiheit gleichgesetzt, und man begann dies ausgiebig zu nützen, wobei die zügellose Praxis den Sinn des neuen Gesetzes zu großzügig auslegte. Schmähungen und Beleidigungen des Landesfürsten, seiner Familie, der Verwaltung und der Beamten, natürlich auch der Religion waren nicht erlaubt, wie man am 1. April kundmachte. Schon ab dem 19. März erschienen die Blätter der neuen, der zensurfreien Ära. Nach einer Statistik von 1877 gab es 1848 in Wien insgesamt 217 verschiedene Presseerzeugnisse, ihr Hauptcharakteristikum: die Kurzlebigkeit. 34 Zeitungen waren „Eintagsfliegen“, weitere 26 stellten binnen einer Woche ihr Erscheinen ein. Nur 13 Zeitungen überlebten das Revolutionsjahr, nur eine der Neugründungen hat sich bis heute gehalten.

Am meisten diskutiert wurden die freisinnigen und radikalen Publikationen, von manchen mussten bis zu 15.000 Exemplare pro Tag gedruckt werden. „An unseren lieben Mitbürger – auch Kaiser genannt!“, las man da – eine unerhörte Wortmeldung. Oder ein Bildtext zu einer Zeichnung, die die Regierung am Galgen zeigte: „Das Ministerium hat die höchste Stelle der Volkstümlichkeit erreicht.“ An der Spitze der Extremen standen die „Constitution“, der „Freimüthige“, der „Studenten-Courier“, der „Radicale“, der „Wiener Krakeeler“ und das Spott- und Karikaturenblatt „Wiener Charivari“. Sie setzten sich für einen völligen politischen Umsturz ein, aber auch sie konnten die mehrheitlich positive Einstellung zur Monarchie nicht übertönen.

Der erste Zeitungskrieg

An einem Strang zogen die Zeitungen wahrlich nicht. Der Zeitungskrieg der radikalen Journalistik versus die schwarz-gelben kaisertreuen Publikationen hielt die Leser in Atem. Sie polemisierten in Wort und Bild gegeneinander, mit beißender und überzogener Kritik. Die Emanzipationsbestrebungen der Frauen im Sommer 1848 wurden mit derben Zerrbildern dargestellt, Frauen auf den Barrikaden, Frauen, die in die Nationalgarde eintreten wollten – ihnen wurde stets ein erotisches Motiv, nämlich die Nähe zu den jugendlichen Studenten, unterstellt. Die liberale Presse wollte Fortschritt, Reformen, erlaubte sich aber auch Kritik an den Eskapaden der Revolutionäre.

Gestützt auf die breite Volksbewegung hatte das Bürgertum in den drei Märztagen der Regierung einiges abgetrotzt, es war aber nicht bereit, die Konsequenzen der Revolution weiterzutragen und mit den alten Mächten zu brechen. Es stellte sich immer mehr ein Unbehagen ein, in die Volksbewegung der Revolution hineingedrängt worden zu sein und sich mit ungewollten Partnern, dem Proletariat, verbündet zu haben. Die populären Hans-Jörgelbriefe vertraten diesen Wunsch nach baldiger Rückkehr zu Ruhe und Ordnung: „Die Leut solln wohl bedenken, dass wir in drei Tagen an die äußerste Gränze gelangt sein, für dös andere Nazionen Jahre und Jahre lang gekämpft und Ströme von Bürgerblut vergossen hab’n. Wir stehn an der äußersten Gränze, ein Schritt weiter und wir kummen in das Reich des Entsetzens, in die Anarchie.“

„Was Händ hat, dös schreibt …“, sagte man nun. Viele, zu viele fühlten sich zum Verfassen von Flugschriften berufen. Über Nacht war durch die neue Pressefreiheit und das Verschwinden des Zensurwesens die Herstellung gedruckter Informationen mit aktuellem Inhalt möglich geworden, auch die Gründung und Herstellung einer Zeitung. „Hunderte von Weibern der untersten Volksklasse angehörig, verbreiteten die Produkte des Geistes und der Presse, durch alle Stadt- und Vorstadttheile, ja sogar bis in die Provinzen. In ganzen waren diese Flugblätter sehr theuer, diese Weiber verkauften sogar die Plakate der Behörden um theures Geld“, klagte Revolutionschronist Friedrich Unterreiter über die Straßenkolportage, den sogenannten „Kleinhandel der Literatur“, die „Gassenliteratur.“ Die Kolporteurinnen waren zumeist Obstverkäuferinnen, die keinen Verkaufsstand besaßen, sondern auf dem Straßenpflaster saßen, neben sich die Obstkörbe. Sie wurden „Fratschlerinnen“ genannt, ihre Tonlage: schlagfertig-wienerisch bis hin zu derb-ordinär. Im Lauf des Jahres wurden sie immer verächtlicher gezeichnet und mit ihnen die Blätter mit ihrem „radikalen“ und „wühlerischen“ Inhalt. „Das Volk soll solche Schriften zurückweisen“, mahnte der Schriftsteller Ignaz Franz Castelli.

Die Zeitung im Obstkorb

Nochmals Zeitzeuge Unterreiter: „Am Graben und am Stephansplatze saßen der Reihe nach zwanzig und vierzig Weiber und boten schreiend ihre geistreiche (?) Waare feil. Das waren die reichen Weiber, denn sie führten alle neuen Artikel zugleich und legten auf Bänken und in breiten Obstkörben diese Blätter zur Schau. Eine geringere, d. h. ärmere Klasse dieser, hausirte von Gasse zu Gasse, durchstrich ihre Waare anpreisend Gast- und Kaffeehäuser, ja sogar in die Verkaufsgewölbe und Wohnungen boten sie ihre Verkaufsartikel. Es war für Wien ganz neu, und Alles kaufte, selbst solche die zu materiell als je etwas zu lesen, kauften und begannen zu lesen und sich mit der neuen Zeit zu verständigen. Mägde betrogen am Markt ihre Herrschaft, um täglich etwas Neues zu lesen zu haben. Die neuesten Blätter am Vormittage wurden Roccocco durch die neu gebornen Nachmittags und Abends.“

Obstverkäuferinnen fanden ein Nebengeschäft.
Obstverkäuferinnen fanden ein Nebengeschäft.
Obstverkäuferinnen fanden ein Nebengeschäft. – austria-forum.org

So viel Verrohung, Missgriffe und Untergriffe also im Zeitungswesen der Zeit, dabei hatte doch die Forderung nach der Pressefreiheit eines intendiert: Die Erzieherrolle in der Bildung einer öffentlichen Meinung. Doch es dauerte, bis sich die Journalistik ihrer politischen Aufgabe bewusst wurde. Der Wandel vollzog sich im April 1848. Die „Allgemeine Oesterreichische Zeitung“ von Ernst von Schwarzer sammelte einige gute und seriöse Journalisten in ihren Reihen, sie engagierten sich sozialpolitisch, vertraten ein demokratisch-sozialistisches Programm, sprachen für die Arbeiter, die sich nicht artikulieren konnten und empfahlen unentwegt Mittel und Wege zur Besserung der materiellen Lage und sozialen Gleichstellung der Arbeiter. Sie zwangen dadurch die regierungstreuen Blätter, auch die Arbeits- und Arbeiterverhältnisse anzuschneiden. Selbstverständlich schrieben diese zum Teil berühmten Schriftsteller und Publizisten unentgeltlich, bezahlt wurden nur die zahlreichen Auslandskorrespondenten. Ein anderer Teil der Presse, der sich gerne der „loyale“ nannte, konnte seine Schadenfreude über den Stimmungswandel im Bürgertum, das sich geschockt zeigte über die Abreise des Kaisers aus Wien, nicht ganz verbergen, und zog gegen die verhassten Zugeständnisse im März und Mai zu Felde.

Es kam der Sommer 1848, Siegesjubel und Wutgeschrei der politischen Lager standen einander gegenüber, Strömung und Gegenströmung der Revolution, und die Journalistik wucherte, aber nicht mehr so wie im März. Die Schreib- und Leseepidemie von damals wurde ein nüchternes Geschäft, aus der amateurhaften Leidenschaft eine Profession. Die Zeitung „Gerad’aus“ wurde nicht wie anfangs durch Kolporteure verbreitet, sondern mit einem Karren als wandelndes Büro, das durch die Straßen zog und zu einem Spottpreis von einem Kreuzer verkauft wurde. Das Manöver glückte, der „Gerad’aus“ war bald ein populäres Blatt mit einer Auflage von 15.000 Exemplaren.

Der ehrgeizige Selfmademan

Am 3. Juli kam zu den die neue Freiheit wahrlich nützenden Journalen noch eines auf den Markt, eines, das die Taufe schon vor der Geburt erlebt hatte. „Die Presse“ hatte nämlich einen Vorläufer in Frankreich, „La Presse“ hieß das 1836 gegründete Blatt, es war politisch gesehen konservativ, aber progressiv in Produktion, Vertrieb und der optimalen Ausnützung des Inseratengeschäfts. Ein fester Abonnentenstamm verhalf dem Gründer, Émile de Girardin, zu Unabhängigkeit von den politischen Parteien. Hier erschienen als Vorabdruck mehrere Romane von Honoré de Balzac, hier publizierten Victor Hugo und Alexandre Dumas, Eugène Scribe und Théophile Gautier, und in der Redaktion saß auch eine Frau, Delphine de Girardin, die Ehefrau des Gründers. Ein Weltblatt aus Paris.

August Zang, der geborene Verleger
August Zang, der geborene Verleger
August Zang, der geborene Verleger – Presse Archiv
August Zang, ein Wiener Selfmademan, den es nach Paris verschlagen hatte und der dort eine Bäckerei führte, las das Blatt gerne. Er besaß eigentlich selbst keine feste politische Haltung, doch was er bewunderte: Girardin war durch seine Zeitung zu Geld und gesellschaftlichem Prestige gekommen, er hatte Zugang zu den erlauchtesten Kreisen der Stadt, seine Frau unterhielt einen Salon. Geld besaß Zang durch seine Bäckerei, aber die Sache mit dem Prestige fehlte in seiner Biografie. Er hatte nun keine ruhige Minute mehr: Wie macht man eine Zeitung, wie wird sie gedruckt, wie vermarktet? Das alles interessierte ihn jetzt genauso brennend wie zehn Jahre zuvor die Einrichtung der Backstuben. Als im März 1848 die Nachrichten von den revolutionären Ereignissen in Wien auch nach Paris drangen, bereitete Zang seine Rückkehr nach Wien vor. Er hatte große Pläne. So wie Girardin in Paris wollte er der König der Presseszene in Wien werden. Es ging ihm um nicht mehr und nicht weniger, als die erfolgreichste Zeitung Wiens zu machen – und es gelang. Er benannte seine Zeitungsgründung nach dem französischen Vorbild und stellte Leopold Landsteiner als Chefredakteur an, einen welterfahrenen, distinguierten Journalisten, der ebenfalls lange in Frankreich gelebt hatte und als einer der wenigen in Wien imstande war, eine Zeitung auch ordentlich zu redigieren. Nicht zuletzt galt er als „ehrenwerther politischer Charakter, eine Eigenschaft, die fast allen hiesigen Journalisten abgeht“.

Eine Spekulation mit Erfolg

Zangs größte und erfolgreichste Spekulation konnte beginnen. Er beschloss, ohne sich zunächst in der Öffentlichkeit ideologisch festzulegen, seine Zeitung in dem zwischen Radikalismus und Reaktion eingekeilten konservativ-liberalen Lager anzusiedeln, das kein Sprachrohr besaß. Zang und Landsteiner waren keiner Partei und keinem Lager verpflichtet, sie standen kühl und unbeeindruckt über den rasch wechselnden Strömungen. Doch Zang musste sich neben einer ideologischen Platzierung zwischen den Flügeln noch einiges einfallen lassen, um zu überleben. Er musste in Niveau und Professionalität die Konkurrenz überragen, herauskommen musste die erste Zeitung großen Stils in Österreich.

Zang wurde natürlich sofort angefeindet, nicht mit antisemitischen Pamphleten, die damals stark verbreitet waren – Zang war nicht jüdisch –, sondern wegen seiner Geschäftstüchtigkeit. Denn er beherrschte die Mittel, eine Zeitung zu etablieren, in kürzester Zeit auf vollendete Weise. „Die Presse“ hatte bald 15.000 Leser, obwohl die gehobene Sprache und seriöse Aufmachung viele überforderte. Man sah sich sogar gezwungen, das hohe Sprachniveau zu rechtfertigen. Nicht Blasiertheit, sondern eine pädagogische Tendenz sei der Grund: „Der Volksfreund zeigt sich nicht darin, dass er die literarischen Handschuhe auszieht, sich Schwielen an die Feder schreibt, die zu exponierenden Begriffe in den vulgärsten Ausdrücken hinstellt.“ Angesprochen werden sollten Leser, die die hemdsärmelige und plumpe Art, wie die ideologischen Konflikte in der Revolutionspublizistik ausgetragen wurden, satt hatten und gewillt waren, sich auf das Experiment „Presse“ einzulassen.

Wenn die konservative Linie Gewinn brachte, war das dem unideologisch denkenden Zang auch recht. So betonten seine Redakteure schon am Anfang Aspekte der wirtschaftlichen Freiheit und traten bereits früh für einen ökonomischen Liberalismus ein. Der Hauptvorwurf von radikalrepublikanischer Seite folgte auf dem Fuß: „Die Presse“ sei schwarz-gelb, reaktionär und kriecherisch und werde durch geheime Geldquellen von Regierungsseite am Leben gehalten: „Hütet Euch! Kauft ja nicht das Tageblatt ‚Die Presse‘ “, warnte ein Flugblatt Mitte Juli: „Dieses Blatt hat nicht die Absicht, das Volk zu belehren, nein, es will die Sache der Reaction verfechten, es ist und will schwarzgelb sein … Würdige Bewohner Wiens! Lasst Euch durch das große Format dieser Zeitung nicht verlocken, sie zu kaufen! Dieses ist kein Blatt für Euch, kein Blatt zur Aufklärung des Volkes. Es ist eine Censur! Ihre Basis ist Reaction, und ihr infernalischer aristokratischer Gestank dampft aus dem Riesenkreuzer-Folio.“ Eine wahre Hassorgie also. Manche Wiener Kaffeehäuser wagten es gar nicht, „Die Presse“ aufzulegen.

Journal der Demokratie

August Zang musste mit Vorwürfen dieser Art rechnen und den Verdacht der Reaktion abwehren. Er nannte seine Zeitung daher ein „Journal der reinen Demokratie“, stellte auf jede Titelseite das Motto „Gleiches Recht für Alle“ und verkündete programmatisch im ersten Leitartikel: „Wir sind Demokraten im eigentlichen Sinn des Wortes, wir lieben das Volk, aber wir achten es auch, wir sind der Überzeugung, dass die große Pflicht der Presse darin besteht, die Geister in das öffentliche Leben einzuführen, dem Bürger des erneuerten Staates unparteiisch strenge die Wahrheit zu zeigen und zu sagen, und durch Belehrung aller Klassen eine Art geistiger Gleichheit anzustreben, ohne welche die Gleichheit vor dem Gesetze, dieser heiligste Grundsatz unserer Zeit, fast immer Täuschung wird.“

Vision eines Zeichners von 1848: Wie man 100 Jahre später Zeitung lesen werde
Vision eines Zeichners von 1848: Wie man 100 Jahre später Zeitung lesen werde
Vision eines Zeichners von 1848: Wie man 100 Jahre später Zeitung lesen werde – Austrian Archives / Imago / Picture Desk

Für die Gegner Zangs war es vom ersten Tag an klar, dass ihm die Zeitung nicht Herzenssache, sondern „purblankes Geschäft“ war. „Meine Zeitung ist ein Kramladen, ich verkaufe Publizität“, soll er gesagt haben. Freilich war der kommerzielle Erfolg der „Presse“ nicht vorhersehbar. Aber es gab da einige Tricks: Zang bot zu einem sensationell niedrigen Verkaufspreis von einem Kreuzer eine Zeitung im Folioformat mit jeweils drei Spalten auf jeder der vier Seiten, unerhört günstige Abonnementbedingungen mit Hauszustellung und eine seriös-konservative Aufmachung ohne Konzessionen gegenüber der marktschreierischen Konkurrenz. Auf die Höhe der Auflage war man freilich auf Gedeih und Verderb angewiesen. Zudem schreckte Zang auch vor gnadenloser Ausbeutung seiner Mitarbeiter nicht zurück.

Zang begann in den Kreisen der „haute Finance“ zu verkehren und pflegte vertrauten Umgang mit Vertretern der Regierung. Man versuchte sicher, ihn zu kaufen, aber das hatte er nicht nötig: Die Zeitung warf Gewinne ab, weil er sie wie einen modernen Industriebetrieb führte, in dem kein überflüssiger Aufwand das Budget belasten sollte. In positivem Gegensatz zum Geschäftsinteresse stand seine Förderung des Feuilletons. Er erwies sich auch in diesem Zusammenhang als epochemachend, als er das Feuilleton nicht mehr wie üblich im Blattinneren unterbrachte, sondern es auf die Titelseite stellte, „unter dem Strich“, wie man sagte, also im unteren Teil der Titelseite. Er gewann dafür einen beachtlichen Mitarbeiterstab aus der jüdischen Intelligenz Wiens, Eduard Bauernschmid, Max Friedländer, Eduard Hanslick, Heinrich Landesmann, der das erste Feuilleton unter dem Pseudonym Hieronymus Lorm schrieb und programmatisch den Anspruch dieses Genres zu fassen suchte.

Die Wirtschaft soll inserieren

Natürlich sei „Die Presse“ unter allen Journalen besonders geeignet, „eine wirksame Publizität ins Leben zu rufen“, wegen des großen Leserkreises „in den wohlhabenden, konsumierenden Schichten der Gesellschaft“, so hörte die Zeitung nicht auf zu trommeln. Beim Keilen von Inseraten zeigte man eine Mischung von geschäftsmäßiger Nüchternheit und marktschreierischer Aufdringlichkeit. Man machte die Wirtschaftstreibenden darauf aufmerksam, dass in England, Frankreich und den USA bereits Millionen in „Ankündigungen“ investiert werden. Auch in Österreich sei es, wenn die Revolution sich beruhigt habe, dringend angebracht, „alle Mittel zur Wiederbelebung des Geschäfts in Anwendung zu bringen“, so die ehrlich um die Wirtschaft besorgte Zeitung. Und sie brachte ein bemerkenswertes Beispiel von elastischer Anzeigenpolitik hervor: Wie sehr sei doch, so der redaktionelle Artikel, die Brennholzkalamität und die Holzverteuerung in der Wienerstadt zu beklagen. Es sei viel zu wenig bekannt, dass die städtische Gasanstalt zu billigem Preis mit Koks Abhilfe leisten könne. Die zweispaltigen Koksinserate in der Folge waren schwer zu übersehen.

Ab dem Spätsommer 1848 erlahmten die revolutionären Kräfte zusehends, das alte Regierungslager erstarkte, das Gründungsfieber der Zeitungen kam zum Erliegen. Die antirevolutionären Kräfte sammelten sich. Im Karikaturenblatt „Wiener Charivari“ erschien am 5. September 1848 eine Abbildung, auf der Journalisten eine riesige Tafel in die Höhe halten mit der Aufschrift „Strafe für Pressfrechheit“. Einige von ihnen hatten bereits die Hände erhoben. Ihnen gegenüber feuerte eine Gruppe Soldaten in militärischer Formation eine Salve ab. Der prophetische Bildtext: „Schießt sie todt, die Hunde, es sind Journalisten!“ Nach der Niederschlagung der Revolution durch die kaiserlichen Truppen unter tatkräftiger Unterstützung kroatischer Hilfsverbände war Wien in doppeltem Wortsinn „entsetzt.“ Sämtliche Zeitungen mit Ausnahme der offiziellen „Wiener Zeitung“ wurden ab sofort suspendiert, viele jüdische Publizisten gingen ins Exil. Am 23. November wurden die Journalisten Julius A. Becher und Hermann Jellinek wegen Hochverrats, Majestätsbeleidigung und öffentlicher Aufreizung im Stadtgraben Wiens erschossen. Es waren die ersten Journalisten Österreichs, die durch Rachejustiz ihr Leben verloren.

„Die Presse“ verboten

Auch die „Presse“, deren Ton immer kühner, ironischer und selbstbewusster geworden war, hatte sich Feinde geschaffen. Sie wurde am 29. Oktober 1848 vorübergehend verboten und am 8. Dezember gänzlich eingestellt. Sie übersiedelte zu Weihnachten 1849 nach Brünn, das außerhalb des Verbotsrayons lag, und erschien dort ab 27. Dezember (fast) täglich wieder, ein außerordentliches Bravourstück. Doch die Schikanen machten ihr zu schaffen, erst ab September 1851 erschien sie wieder in Wien. Trotz der geistigen Knebelung durch den Neoabsolutismus wurde sie das einflussreichste Journal der Monarchie. Bis die „Neue Freie Presse“ auf den Markt kam. Öffentliche Meinung und Presse bildeten fortan eine untrennbare Symbiose, zumindest im städtischen Raum. Das Revolutionsjahr hatte den Durchbruch zu einem modernen österreichischen Tageszeitungswesen gebracht, mit einem ausgeprägten politischen Selbstverständnis und Rollenbewusstsein von Zeitungsherausgebern und Journalisten. Die Verbesserungen in Zeitungsproduktion und -vertrieb machten es erstmals jenen Menschen, für die zuvor eine Zeitung unerschwinglich gewesen wäre, möglich, sich über das aktuelle Tagesgeschehen auf dem Laufenden zu halten.

 

Neue Freie Presse

Das Weltblatt aus Wien, Fichtegasse Nummer 11

Die Zeitung des alten Österreich. „Die Presse“ war eine Gründung von 1848, aus ihr entstand die „Neue Freie Presse“, die die Mutterzeitung bald überstrahlte. Sie wurde die Zeitung der bürgerlich-liberalen Elite des Landes.

von Günther Haller

Was war das eigentliche Zentrum des alten Österreich? Die Hofburg doch wohl, das Parlament schon weniger, es war oft geschlossen. Oder waren es die tausenden Kaffeehäuser des Landes, in denen eine bürgerliche Elite Meinungen austauschen und in den dort aufliegenden Zeitungen die Welt erleben konnte? Das bürgerliche Österreich zog es nicht in die fernen Länder des Kontinents, es begab sich auf eine Reise ins Innere, in das Kaffeehaus, und holte sich dort die Welt vom Zeitungsständer. Und dies vor allem in Form der „Neuen Freien Presse“ (NFP). Sie war unbestritten von 1864 bis 1918 das bedeutendste Blatt Österreichs.

Ihr Stern überstrahlte die „Presse“ von 1848, aus ihr ist sie hervorgegangen, die besten Journalisten wechselten in das neugegründete Konkurrenzblatt, die Mutterzeitung verblasste. Eine besondere Frechheit: Die Neue sah genauso aus wie die „Presse“, die bald nur mehr vom alternden Kaiser Franz Joseph gelesen wurde, der prinzipiell nicht viel von Innovationen hielt.

Man sollte sie nicht zum Feind haben

Max Friedländer und Michael Etienne gründeten nach einem Zerwürfnis mit Zang die "Neue Freie Presse".
Max Friedländer und Michael Etienne gründeten nach einem Zerwürfnis mit Zang die "Neue Freie Presse".
Max Friedländer und Michael Etienne gründeten nach einem Zerwürfnis mit Zang die "Neue Freie Presse". – Presse Archiv

Bald wurde die Zeitung mächtig, es war nicht angebracht, sie sich zum Feind zu machen. Dazu musste schon eine ordentliche Portion Masochismus gehören, wie sie nur Karl Kraus besaß. Die materielle Basis wurde in den fetten Jahren der Gründerzeit gelegt, hier passte auch die politische Situation für das liberale Blatt, das sich ein nobles Ringstraßenpalais in der Wiener Fichtegasse zulegte, einen richtigen Arbeitspalast.

So konnte sich die „Neue Freie Presse“ alles am publizistischen Markt leisten, was gut und teuer war. Die besten Auslandskorrespondenten, die besten Feuilletonisten wurden angestellt. Welcher Autor konnte es sich erlauben, nicht im Kulturteil dieser Zeitung aufzuscheinen? Welcher angesehene Bürger konnte es wagen, nicht „Abonnent der Neuen Freien Presse“ auf seiner Visitenkarte stehen zu haben? Dabei war die Auflage gar nicht so groß, kaum über 50.000. Doch die Leser gehörten zur einflussreichen bürgerlichen Schicht im Raum der gesamten Donaumonarchie und in den Hauptstädten des Auslandes. Die tägliche Zeitungslektüre wurde hier geradezu sakral inszeniert. Familie und Dienstboten hatten zu schweigen, wenn der Patriarch las.

Eine Macht in der Finanzwelt

Die Macht der Zeitung in der Finanzwelt war unübersehbar und unheimlich. Da ließ sie manchmal Sauberkeit vermissen. Auch der Einfluss in der Kunst- und Kulturwelt war groß, allzu groß. Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal schrieben regelmäßig Texte für das Feuilleton. Kein Buch, kein Theater- oder Musikstück war ein Erfolg, wenn es nicht von der NFP abgesegnet wurde. So kann eine Zeitung, wenn sie „zu gut“ ist, auch Schaden anrichten. Zum Beispiel indem sie Themen, die ihr nicht passen, wie den Sozialismus und den Zionismus, jahrelang völlig totschweigt und damit inexistent zu machen versucht.

Der große (Börsen-)Krach vom 9. Mai 1873 beendete die Wachstumsjahre der Gründerzeit.
Der große (Börsen-)Krach vom 9. Mai 1873 beendete die Wachstumsjahre der Gründerzeit.
Der große (Börsen-)Krach vom 9. Mai 1873 beendete die Wachstumsjahre der Gründerzeit. – AKG Images / Picture Desk

Durch die Zerstückelung der Donaumonarchie 1918 verlor die Zeitung viel von ihrer politischen und wirtschaftlichen Basis. Die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre zwang die jüdische Eigentümerfamilie Benedikt, sich von der NFP zu trennen. Für die nun zum Regierungsblatt gewordene Zeitung gab es nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich 1938 kein Weiterleben mehr: Hitler sah sie als „Judenblatt“ und verlangte die Einstellung. So ging der große Presse-Tanker Österreichs unter.

Das Erbe

Was hat die „Presse“, die Neugründung von 1946, von ihrer großen Vorgängerzeitung bewahren können? Nicht den Namen, das war rechtlich nicht möglich, auch die Firma als solche war erloschen, aber die „Presse“ setzte ihren ganzen Ehrgeiz ein, um viel vom Inhalt zu übernehmen: Das große Format, die umfangreiche Auslandsberichterstattung, den Wirtschaftsteil, der viel Platz bekommt und den alten Namen, „Economist“, trägt und last but not least die Pflege eines kultivierten Feuilletons.

Das war möglich, weil große Journalisten der Zeit vor 1938 wieder den Weg zu „ihrer“ Zeitung fanden, neue kamen hinzu. Österreich hatte als Kleinstaat nicht mehr die Bedeutung der großen Monarchiezeit. Fast trotzig setzt die „Presse“ ihre internationale Perspektive durch und beginnt, ein Terrain der Unabhängigkeit in der Zweiten Republik abzustecken und die Spitzenposition unter den österreichischen Qualitätszeitungen auszubauen. Das ist ihr Erbe.

Die Presse

Eine Zeitung spielt sich frei

Von der Besatzungszeit ins Onlinezeitalter. „Die Presse“ und die Zweite Republik.

Von Günther Haller

Ab dem 15. April 1945 gab es wieder Zeitungen in Österreich, anfangs mit einem Propagandaprodukt der sowjetischen Besatzer, der „Österreichischen Zeitung“, ab dem 23. April erschien das „Neue Österreich“, ein „Organ der demokratischen Einigung“, das von den vier alliierten Besatzungsmächten bewilligt und überwacht wurde. Hier hieß es im Leitartikel bereits: „Es lebe die Republik Österreich!“ Seit August informierten die Parteien ihre Anhänger auch direkt, es gab die „Arbeiter-Zeitung“ wieder, für die ÖVP das „Kleine Volksblatt“, für die Kommunisten die „Volksstimme.“ Man konnte inserieren, die Journalisten mussten ihre Artikel so verpacken, dass jedermann sie verstand und der Alliierte Rat keinen Einspruch dagegen erhob.

Auch die ehemaligen Redaktionsmitglieder der „Neuen Freien Presse“ fanden zum Teil ihren Weg zurück nach Wien, an prominentester Stelle Ernst Molden, in den dreißiger Jahren stellvertretender Chefredakteur der NFP. Er glaubte fest daran, dass das Blatt in entsprechend veränderter Form in einer wiederauferstehenden Republik Österreich seinen Platz finden könnte. Ein idealistisches Projekt zweifellos: Wie sollte in dem Dreiparteienstaat, im vierfach besetzten Land, bei Verarmung und Demolierung der „bürgerlichen Gesellschaft“ eine Zeitung vom Format der NFP gesellschaftliche Resonanz finden? Moldens Startbedingungen waren denkbar schlecht. Ein Teil der alten Garde war in alle Winde zerstreut, durch die NS-Rassenpolitik war die geistige Elite Österreichs beträchtlich dezimiert worden, von herzlichen Einladungen an die jüdischen Redakteure war man im offiziellen Nachkriegsösterreich weit entfernt. Milan Dubrović, der als Journalist in der NS-Zeit weiterarbeitete, auf die Frage, ob sich die „Presse“ bemüht habe, ehemalige Journalisten der „Neuen Freien Presse“ aus dem Exil zurückzuholen: „Jene, die zurückkommen wollten, sind bzw. wären alle aufgenommen worden, aber es wollte eigentlich keiner mehr zurück.“

„Diese widerlichen Wanzen“

Täglich war Ernst Molden in der Stadt unterwegs, um Kontakte zu knüpfen, er sprach über die Möglichkeiten der Geldbeschaffung, etwa mit Friedrich von Maurig, Direktor der Schoellerbank, der später tatsächlich finanzielle Geburtshilfe für „Die Presse“ leistete, und dem nachmaligen VdU-Politiker Herbert Kraus, einem Kollegen vom „Südost-Echo“. Moldens Sohn Fritz nannte später weitere Namen von Industriebossen, die geholfen hatten: Franz Josef Mayer-Gunthof, der Direktor der Vöslauer Kammgarnfabrik, Hans Lauda, Vorstandsvorsitzender der Veitscher Magnesitwerke.  

Die Politiker waren schwer zu gewinnen für das Projekt. Für Julius Raab „waren wir widerliche Wanzen“, er glaubte, „wir bringen die neue Form der angelsächsischen Demokratie in dieses Land, weil wir frei geschrieben haben – das hat denen nicht gepasst“ (Fritz Molden). SPÖ-Innenminister Helmer bedauerte mit den Worten „mir haben nur für demokratische Parteien a Papier.“ Gegen Unabhängige, Konservativ-Liberale wusste man sich gut zu wehren, die geringen Papiervorräte sollten den eigenen Parteizeitungen zugute kommen, für andere war kein Papier da. Waren eben harte Zeiten. Zeitungen wurden in diesen Kreisen als Sprachrohre verstanden – nicht nur in der Besatzungszeit, das hielt sich in Österreich noch viele Jahre danach. Am 24. Mai versicherte ÖVP-Generalsekretär Hurdes, doch noch die von ihm geplante Zeitung zu fördern. Es war die Rede von einer „dem Niveau nach der ‚Neuen Freien Presse‘ entsprechenden, aber dem Geist nach in vielem von ihr verschiedenen, christlichen großen Tageszeitung, etwa der ‚Neuen Zürcher Zeitung‘ ähnlich, was Rang und inneres Format betrifft.“

Bald stellte sich heraus: Der Traditionsname „Neue Freie Presse“ blieb dem neuen Blatt verwehrt, der Zeitungstitel war 1938 zu einem NS-Verlag übergewechselt und galt daher jetzt als „Deutsches Eigentum“ und konnte von den Besatzungsmächten beansprucht werden. War der Verzicht schmerzlich? Otto Schulmeister, der damals zu Ernst Molden stieß, sagte dazu: „Eigentlich nicht, weil wir froh waren, überhaupt da zu sein.“ „Da“ war die Zeitung erstmals am 26. Jänner 1946. Kein Konkurrenzblatt meldete das, man hatte andere Sorgen und nahm wohl an, dass es sich hier um eine Eintagsfliege handelte.

Vier Chefredakteure:  Schulmeister, Dubrović, Molden, Chorherr (von links).
Vier Chefredakteure:  Schulmeister, Dubrović, Molden, Chorherr (von links).
Vier Chefredakteure: Schulmeister, Dubrović, Molden, Chorherr (von links). – Hofmeister

Auch das Wochenblatt, das unter dem traditionsreichen Namen von 1848, also als „Die Presse“, erschien, wies nicht einmal darauf hin, dass es sich als Nachfolgerin der „Neuen Freien Presse“ verstanden wissen wollte. Mit keinem Wort. Ernst Moldens Leitartikel in der Nummer 1 wäre eine Gelegenheit dazu gewesen, doch er schrieb über „Wir und die Weltpolitik.“ Es kann keine Rede davon sein, dass hier eine unmittelbare Nachfolgerin der „Neuen Freien Presse“ am Markt war. Trotzdem schimpfte man in Kreisen, die die Zeitung verhindern wollten, vom „Judenblatt‘l.“ Da entsprach es schon eher der historischen Wahrheit, dass (nach einer Untersuchung von Michaela Lindinger) 67,8 % der „Presse“-Journalisten der Anfangsjahre auch in der Zeit zwischen 1938 und 1945 ihren Beruf ausgeübt hatten.

„Durchhalten, durchhalten!“

„Für uns alle war es eine gute, harte Erziehung“, sagte Schulmeister. „Durchhalten, durchhalten, auch nein sagen können. Und wenn man uns erpressen will, dann die Öffentlichkeit zur Hilfe! Man wollte uns vergewaltigen, dass wir nach ihrer Pfeife tanzen. Ich glaube, da war auch ich schon ein Einpeitscher, dass wir uns das nicht gefallen ließen: Wir bleiben eine Zeitung, die nicht bloß schreibt, was ein paar Leute von ihr wollen. Und das war unser Erfolg, gewiss auch weil wir Glück hatten.“ Man will „zum Nutzen von Volk und Staat“ ein österreichisches und europäisches Blatt sein, niemandem als dieser selbstgestellten Aufgabe unterworfen. Das ließ in seinem ganzen Selbstbewusstsein im damaligen Wien aufhorchen. Von der ersten Nummer an weigerte sich die „Presse“, ein Lokalblatt zu sein. Die Menschen waren mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt, fast trotzig setzte die „Presse“ ihre internationale Perspektive im Blatt durch, die Wirtschaft lag danieder, doch dem schon früher so genannten „Economist“ wird breiter Raum gewidmet, das liberale Bürgertum im Land  musste sich erst regenerieren, doch die Zeitung bot wie in den glorreichen früheren Zeiten ein Feuilleton an. Und: Die Parteien begannen, sich das Land aufzuteilen, aber die Zeitung legte Wert auf ihre Unabhängigkeit.

Im Unterschied zu anderen war man wegen der Papierkontingentierung eine Wochenzeitung, musste daher auf tagesaktuelle Berichterstattung verzichten. Berichte vom Nürnberger Prozess oder von den Geschehnissen in Wien fanden viel zu wenig Platz. Worauf man aber nicht verzichtete, war ein gründlicher Überblick über die internationale Politik. Zu den Freunden der Zeitung – dafür waren die Aktivitäten der Familie Molden im Widerstand verantwortlich – gehörte Außenminister Karl Gruber. Er schrieb gleich in der zweiten Ausgabe und danach immer wieder. Zu den natürlichen Gegnern zählten die Parteizeitungen, auch die Besatzungsmächte fanden keinen rechten Gefallen an dem Produkt. Einzelgänger waren unerwünscht. Die Leserschicht im Anfangsjahr? Sie ist kaum analysierbar, immerhin gab es eine. So begannen die Journalisten in ihrer Redaktion in der Wollzeile daran zu denken, die Wochen- in eine Tageszeitung umzuwandeln. Sie glaubten an eine neue Ära einer unabhängigen, bürgerlich-liberalen „Presse“.

Drei aus der Redaktion stammten noch von der alten „Neuen Freien Presse“, Ernst Molden, Richard Charmatz, Eugen Kahn, dazugestoßen waren Milan Dubrović, Heinz Marchhart, Heinrich Kralik, Emanuel Häusler vom alten „Neuen Wiener Tagblatt“, dazu Hans Mauthe, Arnold Wasserbauer, Oskar Stanglauer, Walter Urbanek, Rudolf Holzer, Rudolf Weys, Erwin Mittag, Josef Lamprecht, Benno Fleischmann, Otto Schulmeister, Kurt Jeschko und Fritz Molden.

Totschweigen der NS-Zeit

Auch Ernst Benedikt, der ehemalige Eigentümer und Herausgeber der NFP, der nach Stockholm emigriert war und dort zum erfolgreichen Maler avancierte, wurde nun Schweden-Korrespondent der Zeitung. Chefredakteur Milan Dubrović: „Für seine Berichte hatten wir ihm besonders hohe Honorare gezahlt. Da er formell Besitzansprüche an die ‚Presse‘ hatte, einigte man sich darauf, dass er kommt, wenn es bei uns besser ist.“ In der Tat kam Ernst Benedikt als 80-jähriger Mann 1962 nach Wien, von Besitzansprüchen konnte natürlich keine Rede sein, die „Presse“ hatte mit der NFP rechtlich nichts zu tun. Ansonsten arbeitete kein Jude mehr im ehemaligen „Judenblatt.“

Die Themen der Zeitung waren der Wiederaufbau, Oper und Burgtheater, der Weg zum Staatsvertrag, alles, nur nicht die Zeit des Nationalsozialismus. Der Journalist Kurt Frischler: „Wir jungen Journalisten kümmerten uns – seltsamerweise, muss ich heute sagen – überhaupt nicht um die politische Vergangenheit unserer Kollegen. Mir ist keine Debatte bekannt, die zwischen ‚ehemaligen Nazis‘ und Kollegen entstanden wäre.“ Es gab so viele andere Themen, man stocherte nicht in kaum verheilten Wunden und stellte keine unangenehmen Fragen. Die Zeitung war da im Mainstream.  

Wiens „Fleet Street“  lag in den 1950er-Jahren am Fleischmarkt
Wiens „Fleet Street“  lag in den 1950er-Jahren am Fleischmarkt
Wiens „Fleet Street“ lag in den 1950er-Jahren am Fleischmarkt – Presse Archiv

Fritz Molden rettete die „Presse“ nach dem frühen Tod des Vaters 1953. Da war die Zeitung bereits fünf Jahre lang eine wirkliche Tageszeitung, seit dem Oktober 1948. Hundert Jahre nach der Gründung der ersten „Presse“ also. Ein geschäftlicher Erfolg? Finanziell schleuderte die „Presse“ so dahin. „Wir waren oft nicht sicher, ob wir monatlich das Gehalt bekommen.“ (Milan Dubrović) Als Wochenzeitung erging es ihr nicht gar so schlecht, da war sie fast ausschließlich Abonnementzeitung, die schwierigen Zeiten kamen erst, als sie als Tageszeitung zu erscheinen begann (gleichzeitig wurde die Wochenausgabe beibehalten, als „Wochen-Presse“). Nun war man auch auf den Trafikverkauf angewiesen. Berichtete die Zeitung über russische Übergriffe in der Bestatzungszone, trauten sich die Trafiken im russischen Sektor nicht mehr, sie zu verkaufen.

Fast pleite

Bis Ende 1949 war das Kapital aufgebraucht, man hatte nur 13.000 bis 14.000 Stück pro Tag verkauft. Fritz Molden rettete die Zeitung, man sagte später „mit CIA-Geldern“, er stellte das richtig: „Ich habe mir von amerikanischen Freunden Geld geborgt, das kam über die Schweiz herein. 1,2 Millionen Schilling, viel Geld in Österreich, lächerlich wenig in Dollar. Fünf Leute waren das, auf jeden kamen 10.000 Dollar. Einer davon war mein damaliger Schwiegervater Allan Dulles.“ Die CIA war damals erst im Gründungsstadium. Mit diesem Geld übernahm Fritz Molden 1950 die Verlagsleitung, die „Presse“ erfing sich, zum maßlosen Erstaunen der Geldgeber konnte Molden die Schulden begleichen.

Trotz des Geldmangels bemühte sich die „Presse“ darum, Friedrich Torberg die Rückkehr aus dem Exil nach Wien zu finanzieren. Milan Dubrović: „Das war sehr mühsam, wir haben damals in der ‚Presse‘ auch kein Geld gehabt. Die einzige Geldquelle war die Schoellerbank. Um Torberg möglichst bald zurückzukriegen, haben wir einige Inserate der ‚Air France‘ eingeschaltet, die dafür Freikarten für Torberg ausstellte. So kam er dann 1951 nach Wien.“ Sein erster Weg führt ihn natürlich ins Kaffeehaus, dort, im „Herrenhof“, inszenierte Dubrović einen großen Empfang für ihn und der Ober begrüßte ihn, als wäre er erst am Tag zuvor dagewesen: „Guten Morgen, Herr Torberg, ‚Die Presse‘ und einen kleinen Schwarzen wie immer?“

Obwohl die „Presse“ noch jung an Jahren war, bezog sie Mitte der fünfziger Jahre bereits das dritte Domizil. Begonnen hatte es in der Wollzeile 11, in Räumen oberhalb der Firma Morawa, die nächste Station ist die Universitätsstraße 5 gewesen, das Haus hieß Palais Reitzes, es entstammte wie der alte Zeitungspalast in der Fichtegasse der Ringstraßenära und wirkte durch seine hohen Schleiflacktüren und großen Zimmer geradezu nobel und hochherrschaftlich. Von hier ging es am 1. Oktober 1956 in die „Fleetstreet“, wie man damals sagte, gemeint war die frühere Steyrermühl-Druckerei in einem Jugendstilgebäude am Fleischmarkt Nummer 5, das schon vor und während des Krieges als Verlagshaus gedient hatte und in dem nun Fritz Molden sein Zeitungsimperium aufbaute.

Thomas Chorherr, „frisch gefangen“ bei der „Presse“, erinnert sich an dieses sein erstes „Pressehaus“: „Es waren vorerst drei Dinge, die den jungen Reporter faszinierten: Im Haus war auch die Setzerei untergebracht, im Erdgeschoß die riesige Druckmaschine, und die Manuskripte wurden per Rohrpost zum Setzen geschickt. Auch die Auslieferung der Zeitungen erfolgte damals vom Fleischmarkt aus – eine Arbeitsweise, die heute unvorstellbar wäre; das Verkehrschaos würde den gesamten ersten Bezirk lahmlegen.“ Nach Blattschluss trafen sich die Kollegen aus den Redaktionen von „Kronen Zeitung“, „Bildtelegraph“, „Express“, „Presse“ und „Wochen-Presse“ im Stambul, einem Espresso vis-à-vis.

Der junge Zeitungslord

Molden gelang es damals, die Dominanz der beiden Großparteien ÖVP und SPÖ im Druckereibereich zu brechen, doch die parteipolitischen Interventionen vor allem durch ÖVP-Bundeskanzler Julius Raab machten ihm zu schaffen: „Raab wollte mit allen Mitteln den Aufdeckungsjournalismus Moldens (so im Zusammenhang mit der Affäre Fritz Polcar und Parteispenden des Stahlbankrotteurs Haselgruber) unterbinden“ (Oliver Rathkolb) und drohte ihm mit der Verweigerung von Krediten durch ÖVP-nahe Banken. Zunehmend geriet Molden so in finanzielle Schwierigkeiten. 

Am Höhepunkt seiner Verlegerkarriere war Fritz Molden damals, mit 34 Jahren, der wichtigste und größte Zeitungsherausgeber des Landes, seine Zeitungen sollen kurzfristig einen Marktanteil von 28 Prozent gehalten haben. Er war zu dieser Zeit auch politisch engagiert und trat für die Autonomiebewegung in Südtirol ein, bis zum Jahr 1960 verhandelte er als Mitglied des Politischen Komitees des Befreiungsausschusses Südtirol mit Österreichern und Amerikanern. Als der Befreiungskampf von rechtsradikalen Kräften vereinnahmt wurde, beendete Molden sein Engagement. 1965 musste er die „Presse“ abgeben, Eigentümer wurde die „Presse Verlagsgesellschaft m. b. H.“ Ein Wiener Rechtsanwalt erwarb im Auftrag der Bundeswirtschaftskammer 80 Prozent der Anteile. Im Mai 1970 verkaufte Molden dann auch das Pressehaus in der Muthgasse.

„Hochrangige Quelle“

Sein Platz in der Qualitätspresse Österreichs war drei Jahrzehnte lang unumstritten: Otto Schulmeister, Chefredakteur der „Presse“ von 1961–1976, beeinflusste als publizistische Leitfigur den öffentlichen Diskurs, das strahlte weit über die Auflagenreichweite seiner Zeitung hinaus. Zugleich war er wegen seiner Biografie eine der umstrittensten Personen in diesem Land: Aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft und seiner Tätigkeit als Wehrmachtspropagandist in NS-Zeitungen schien ihm 1945 der Einstieg in den Journalismus verwehrt. Dokumentiert ist, dass er noch 1944 im Belgrader „Donaukurier“ Parolen für den Endsieg ausgegeben hatte, gemeinsam mit der späteren stellvertretenden „Presse“-Chefredakteurin Ilse Leitenberger. Dennoch wurde er 1946 bei der „Presse“-Neugründung als außenpolitischer Redakteur angestellt. 2009 deckte der Historiker Siegfried Beer, der bereits Fritz Molden als bezahlten Agenten zu enttarnen versucht hatte, CIA-Kontakte Otto Schulmeisters auf, zumindest hatte seit 1949 ein CIA-Akt über Schulmeister bestanden, in dem er als „hochrangige Quelle“ bezeichnet wurde.

1965 wurde mit dem Rundfunk-Volksbegehren ein medialer Umschwung eingeleitet. Allmählich ging das bunte österreichische Journalistenleben der Nachkriegsjahre zu Ende. Schulmeister war noch übrig von der heroischen Zeit der Anfänge, doch für die Jüngeren waren nostalgische Reminiszenzen wie „Damals am Fleischmarkt“ entbehrlich, man thronte ab 1963 am Donaukanal im „Pressehaus“ in der Muthgasse, im 14. Stock, und eine neue Generation begann das Handwerk zu erlernen. Gewisse Grundeinstellungen waren bei der „Presse“ über die Jahrzehnte gleich geblieben: Sie litt unter knappen ökonomischen Bedingungen, leistete sich aber trotzdem eine im Vergleich zu den Konkurrenzzeitungen umfangreiche Kulturberichterstattung, ließ nicht ab von der Pflege eines für die damalige Zeit großen Wirtschaftsressorts und eines ansehnlichen Korrespondentennetzes. Und in der Auswahl der Redakteure zeigte sie eine ideologische Spannbreite, die ihr kein Außenstehender zutraute. Ein leitender Redakteur wurde von der „Volksstimme“ abgeworben. Die Zeiten von 1861 und 1862 mit Marx lassen grüßen!

Der Medienkanzler

Im redaktionellen Alltag hielt sich Schulmeister an die Devise: „Eine Redaktion ohne Intrigen ist wie ein Theater ohne Schauspieler.“ Er bezog Lustgewinn aus Kontroverse und Diskurs: „Eine politische Kultur lebt davon, dass man mit Temperament, Intelligenz und Erfahrung einem anderen widerspricht.“ So hielt er es auch noch als er Herausgeber wurde und Thomas Chorherr auf den Chefredakteurssessel folgte. Hatte er es bereits leichter? Figls und Raabs Nachfolger lernten, mit der „Presse“ zu leben. Die Zeitumstände hatten sich verändert, und die Bundeskanzler Alfons Gorbach und Josef Klaus hatten erkannt: Der „Transport“ ihrer Politik war nur über Journalisten möglich. Doch immer noch beschränkten sich die Kontakte zwischen der „Presse“-Redaktion und den Kanzlern auf Audienzen für die Chefredaktion.

Die Medienrevolution, die Bruno Kreisky einleitete, war fast ein „Kulturschock.“ Er verwöhnte die „bürgerlichen Redaktionen“ geradezu, Exklusivmeldungen wurden verstreut, Kritik von der „Presse“ steckte der SPÖ-Kanzler souverän weg. Viele Journalisten gingen ihm auf den Leim, drängten sich zum Pressefoyer am Dienstag ins Bundeskanzleramt. Denn es war klar, dass sie für die Zeitung des nächsten Tages einen „Aufmacher“ präsentieren konnten, mit saftigen Kreisky-Zitaten.

Fast ein Kulturschock:  Bruno Kreisky sprach mit den Journalisten wie kein Kanzler zuvor.
Fast ein Kulturschock:  Bruno Kreisky sprach mit den Journalisten wie kein Kanzler zuvor.
Fast ein Kulturschock: Bruno Kreisky sprach mit den Journalisten wie kein Kanzler zuvor. – Votava / Imagno / Picturedesk

Im November 1974 erhielt die „Presse“ ein Redaktionsstatut, ausgehandelt zwischen Eigentümer und Redaktion. Die grundsätzliche Haltung der Zeitung, „in Unabhängigkeit von den politischen Parteien bürgerlich-liberale Auffassungen auf gehobenem Niveau“ zu vertreten, wurde hier fixiert, kein Redakteur darf gezwungen werden, den Standespflichten, seinem Gewissen oder den Grundsätzen seiner Zeitung zuwiderzuhandeln. Zum ersten Mal wurde 1976 mit Thomas Chorherr ein Chefredakteur in geheimer Wahl gewählt, nicht ernannt. Er stand für Kontinuität, blieb viele Jahre in diesem Amt. Viel hat er mit Schulmeister gemeinsam, vor allem eine Abneigung gegen Opportunismus und ein Bekenntnis zu einer konservativ-bürgerlichen Lebensauffassung. Zugleich hat Chorherr im Alltag einen unverwüstlichen, mit Humor gewürzten Optimismus als Antrieb, die Situation auf dem enger werdenden Qualitätssegment im österreichischen Zeitungsmarkt zu bewältigen.

Österreichische Lösung

Unter ihm vollzieht die „Presse“ die bis dahin größte technische Umwälzung ihrer Geschichte: Den Sprung ins elektronische Zeitalter, den Umstieg vom Bleisatz auf Lichtsatz hatte sie schon hinter sich, 1985 baute sie ein Redaktionssystem auf, in dem vom Schreiben und Redigieren bis zum Umbruch der kompletten Seite alles auf dem Computerbildschirm geschieht. Auch in der Eigentümerstruktur tut sich etwas. Trotz des zunehmenden Einsatzes von deutschem Kapital im österreichischen Medienmarkt gelingt eine österreichische Lösung: 1991 übernimmt der Grazer Styria-Verlag 51 Prozent der Anteile der Presse-Verlagsgesellschaft m. b. H. und sorgt damit für wirtschaftliche Stabilität.

Chefredakteur-Ringelspiel

Das Ringelspiel auf dem Sessel des „Presse“-Chefredakteurs dreht sich 1995 besonders rasant. Thomas Chorherr tritt nach 19-jähriger Amtszeit aus gesundheitlichen Gründen als Chefredakteur ab. Sein Nachfolger ist eine Überraschung: Michael Maier, der Wiener Stammleserschaft weitgehend unbekannt und daher kritisch beäugt, stammt aus Kärnten, ein Jurist mit zusätzlich abgeschlossenem Musikstudium (er entspannt sich beim Orgelspiel in Wiener Kirchen), ein Blattmacher von hohen Graden. Und doch nicht recht glücklich in Wien. Bei seinem frühen Abgang nach nur zehn Monaten wird das deutlich: In einem viel Wirbel verursachenden Beitrag im Spectrum („Wien – oder: Wo das Messer am besten sitzt“), einer Thomas-Bernhard’schen-Tirade, beschreibt er seinen Frust im „Hochamt“ des „Presse“-Chefredakteurs. Er habe sich nicht an Taktik, Kalkül und Berechnung verkaufen wollen und die Wiener „Gemütlichkeit“ habe sich überhaupt als die abscheulichste Form der Brutalität erweisen. Na, dann eben nicht.

Bundespräsident Thomas Klestil (M.), Wolfgang Schüssel und FPOE-Parteiobmann Jörg Haider am 3. Februar 2000
Bundespräsident Thomas Klestil (M.), Wolfgang Schüssel und FPOE-Parteiobmann Jörg Haider am 3. Februar 2000
Bundespräsident Thomas Klestil (M.), Wolfgang Schüssel und FPOE-Parteiobmann Jörg Haider am 3. Februar 2000 – APA/Schneider Harald

Maier macht Karriere bei deutschen Medien, wo bekanntlich die Messer nicht so locker sitzen, sein Nachfolger wird Andreas Unterberger, langgedientes Redaktionsmitglied, einer, der schon als Schüler die „Presse“ täglich aufgesogen hat und für den es nach dem Studium wohl kaum eine andere denkbare Lebensperspektive gegeben hat, als genau auf diesem Sessel zu landen. Man sagt ihm eine besondere Affinität zum konservativen Stammleserpublikum der Zeitung nach. Er profiliert sich als Chronist der Wende 2000, tritt für Schwarz-Blau als legitime Regierungsvariante ein, die Lähmung der Politik durch Rot-Schwarz in den Jahren zuvor ist ihm ein Gräuel. Und er versteht es, die Reichweite und Auflage der „Presse“ in die Höhe zu treiben.

Zwischen Tradition und Innovation

Eine halbe Stunde pro Monat (!) waren die amerikanischen Internet-Nutzer im Jahr 1996 online. Vor allem verbrachte man seine Zeit damals mit Warten. Es dauerte 30 Sekunden, bis eine Website vollständig geladen war. „Die Presse“ hatte damals einen Rückstand aufzuholen, der Konkurrent „Standard“ war bereits im Netz vertreten. Am 21. September 1996 erschien die erste Internetausgabe der „Presse“. Peter Krotky, der Initiator der Online-Ausgabe, hat sein Ziel nach viel Überzeugungsarbeit endlich erreicht. Er blieb bis 1999 die einzige Person, die im gesamten Unternehmen mit den Internet-Aktivitäten des Verlags befasst war.

Am 3. Juli 1998 feiert die „Presse“ den 150. Jahrestag ihrer Gründung im Revolutionsjahr 1848, die traditionsbewusste Zeitung lässt keine Gelegenheit aus, daran zu erinnern. Es gibt eine kulturgeschichtliche Ausstellung im Wien Museum und einen dicken Schmöker über die 150-jährige Geschichte. Höhepunkt ist ein Festakt im Schloss Belvedere in Wien. Julius Kainz und Andreas Unterberger begrüßen Prominenz aus Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft, die der alten Dame Glückwünsche bringen, nicht immer ohne Ironie wie bei Robert Menasses Festrede auf „das alte Flaggschiff der österreichischen Printmedien.“ Im Dezember 1999 erwirbt die Styria Verlagsgesellschaft, schon seit 1991 zu 51 Prozent Mehrheitseigentümer der „Presse“, auch den Minderheitsanteil. Damit ist die Verlagsgesellschaft zu hundert Prozent im Eigentum der Styria Medien AG.

Bereits seit 2002 waren die „Presse“-Leser durch die Umstellung der Blattarchitektur auf Layout-Reformen vorbereitet worden. Man muss da behutsam vorgehen: Deutlich anders aussehen, aber für die angestammten Leser wiedererkennbar bleiben, heißt die Devise. Nun gelingt diese Gratwanderung zwischen Tradition und Innovation ganz gut. Kaum jemanden stört es, dass das Format der Zeitung – bedingt durch neue Druckmaschinen – 2003 kaum merklich auf das halbe Rheinische Format reduziert wird. Aber jeder registriert sofort: Die neue durchgehend vierfarbige „Presse“ wirkt leichtfüßiger, luftiger, mondäner, jünger, sie erinnert in der übersichtlichen Gestaltung der Seiten stark an eine Wochenzeitung. Die Anpassung an das Rezeptionsverhalten der Internet-User ist offenkundig: Navigations- und Infoelemente erlauben den schnellen Überblick, die Anordnung der sechs Bücher von der aktuellen Politik bis zum neuen, eher reflektierenden Feuilletonteil informiert rasch und strukturiert über das Tagesgeschehen für den eiligen Leser. Lieblingskind der Zeitung ist das neue Feuilleton, in deutschen Edelpostillen durchaus üblich, aber hierorts bisher einzigartig, eine tägliche Bühne, ein intellektuelles Diskussionsforum für Themen aus Politik, Kunst, Kultur und Wissenschaft. Nicht selten taucht das Hauptthema des politischen Teils im Feuilleton noch einmal auf, in neuer, manchmal auch schräger Beleuchtung.

Alt und Neu stoßen 2004 in der „Presse“ aufeinander. Mit Andreas Unterberger und Michael Fleischhacker, der für den Relaunch verantwortlich zeichnete, steht ein kontrastreiches, spannungsgeladenes Führungsduo an der Spitze, das konservative Bewahrungshaltung und experimentierfreudige Provokationslust in Balance zu halten vermag. Solange es gut geht, entsteht daraus produktive Dynamik. Styria-Chef Horst Pirker will im Marktsegment junger und liberaler Leserschichten stärker punkten, also fällt im Sommer seine Entscheidung gegen Unterberger.

Verzahnung von Print und Online

Ab 2007 setzt die Presse auf eine verstärkte Verzahnung von Print und Online, beide werden als Komplementärmedien gesehen: Online bringt die schnelle Nachricht, Print wird noch mehr als bisher zum Erklärmedium. Hinter dem Konzept steht eine grundsätzliche Problematik für den Print-Journalismus: Sollen die Grundnachrichten den schnelleren Medien wie dem Internet überlassen werden, das Printprodukt sich auf die Hintergrundberichterstattung konzentrieren? Online-Produkte sind im interaktiven Kontakt mit dem Leser, bei Schnelligkeit, Originaldokumenten, Kleinanzeigen den behäbigeren Printmedien überlegen. In der Tradition von Qualitätszeitungen ist aber der Vollständigkeitsanspruch verankert, ohne sie wird man News-Häppchen aus dem Internet nicht wirklich verstehen. Eine spannende Diskussion. Ist sie schon entschieden?

Längst vergangene Zeit: Die selbstbewussten Setzer und Metteure
Längst vergangene Zeit: Die selbstbewussten Setzer und Metteure
Längst vergangene Zeit: Die selbstbewussten Setzer und Metteure – Presse Archiv

Möglich wird die Neuorganisation intern durch die Übersiedlung in die Hainburgerstraße im 3. Wiener Bezirk und die Gründung eines Newsrooms. Nach Wollzeile, Universitätsstraße, Fleischmarkt, Pressehaus Muthgasse, Marriott am Pakring ist es das sechste Domizil. „Die Presse“ plakatiert landauf landab Michael Fleischhacker als Testimonial für ihre aktuelle Kampagne. Die Werbesprüche dürften von ihm persönlich sein: „Auf uns kann man sich weiterhin nicht verlassen. Wenn Sie damit rechnen, dass wir so schreiben, wie Sie denken, dass wir schreiben, sollten Sie uns vielleicht wieder einmal lesen.“

Es spricht einiges dafür, dass das Jahr 2009 neben 1848 einer der Ankerpunkte der „Presse“-Geschichte ist. Der Verlag hat das Krisengerede satt, krempelt die Ärmel hoch und reagiert antizyklisch-offensiv: Ohne Scheu vor den ominösen Iden des März präsentiert man just am 15. Österreichs erste Qualitätssonntagszeitung. „Die Presse am Sonntag“ ist geboren. Das Baby entwickelt sich gut. Die Leser merken mit jeder Ausgabe mehr, wie hier eine bewährte Zeitungsidee in eine Wochenzeitung transferiert und mit Lesevergnügen angereichert wird. Eine Erfolgsgeschichte. Die Sonntagsausgabe wird der Liebling der Leser, neben dem schon traditionellen Schaufenster mit seiner einzigartigen Mischung aus Lifestyle, Kultur und Programm und dem gedankenschweren Spectrum. Das Wagnis, im Krisenjahr 2009 mit einem neuen Produkt auf den Markt zu gehen, hat sich gelohnt. Die Auflage steigt kontinuierlich, die Chefredakteure Rainer Nowak und Christian Ultsch verfolgen ein einfach klingendes Konzept: Geschichten über Menschen erzählen.

Krise und digitaler Neustart

Begonnen hat die Geschichte der Zeitung mit der  Revolution im Jahr 1848, der Sturmwind der Wirtschaftskrise, der 2012 auch durch die Räume der „Presse“ in der Hainburger Straße fegt, ist nicht von schlechten Eltern. Management und Chefredaktion wechseln. Ein neuer Geschäftsführer verordnet eine Schlankheitskur, Fleischhacker, der die Zeitung von einer rein wirtschaftsliberalen zu einer auch gesellschaftsliberalen Adresse für Querdenker und Wechselwähler gemacht hat, geht. Ihm folgt Innenpolitik-Ressortleiter Rainer Nowak, der seine Qualitäten als Blattmacher mit der Sonntagszeitung gezeigt hat.

Sein Credo als neuer Chef: Sich von keiner Partei vereinnahmen lassen, aber klar Partei ergreifen. Das wird von den Lesern in Zeiten der zunehmenden Polarisierungstendenzen in der Gesellschaft geschätzt. Als Politikanalytiker ist Nowak omnipräsent. Intern verdonnert er seine Redakteure dazu, möglichst viele Kanäle zu bespielen.

Unter ihm wird das Medium „Presse“ auf dem digitalen Markt breit aufgestellt. Der Redaktionsablauf wird den digitalen Erfordernissen angepasst, die Redaktion arbeitet nun nicht mehr auf einen Produktionsschluss (18 Uhr) hin, sondern informiert ihre Leser und User (fast) rund um die Uhr mit exklusiven Inhalten.

Dafür zeigen sich sämtliche Plattformen seit Anfang 2017 in einem neuen Design mit moderner Technologie im Hintergrund. Sämtliche Online-Inhalte waren bis dahin kostenlos gewesen, das wurde ab dem 30. Jänner 2017 mit der Einführung von Premium-Inhalten geändert. Handverlesene Texte, in denen besonders viel Energie, Zeit, Expertise und Rechercheaufwand stecken, werden als „premium“ definiert: Man kann den Inhalt in dieser Weise sonst nirgends lesen. Das Modell der tiefgründigen Analyse wird also von der Zeitung übernommen und nicht verdrängt durch den Bedarf nach möglichst schneller Information rund um die Uhr.

Die Magazinreihe „Die Presse“-Geschichte, gegründet im Jahr des Ringstraßenjubiläums 2015, wird ein Erfolg, neun Bände erscheinen innerhalb von drei Jahren. Vier bis fünf Bücher, von Journalisten der „Presse“ verfasst, erscheinen pro Jahr im Molden-Verlag. Er gehört zum Styria-Buchverlag und erinnert an einen nicht ganz unbekannten Ahnherrn der „Presse.“

Keiner kann sich erinnern, dass Nowak je das Wort „Zeitungskrise“ in einer Redaktionskonferenz zugelassen hätte.

diepresse.com

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Seit 2017 kann man „Die Presse“ auch nur digital abonnieren. Gut 20 Jahre nach dem Start der Webseite diepresse.com gibt es mit „Presse Premium“ ein eigenes Online-Bezahlabo. Ein Schritt näher zur Zeitung der Zukunft.

Von Anna-Maria Wallner

Wenn die Medienbranche in die Zukunft blickt, wird sie schnell trübselig, um nicht zu sagen: depressiv. Dabei stellt sie einfach die falschen Fragen. Es sollte nicht heißen: „Wird die Tageszeitung überleben?“ Sondern  eher: „Wie wird die Zeitung der Zukunft aussehen?“ Anstatt Trübsal zu blasen, hat sich „Die Presse“ in ihrer jüngeren Geschichte auf die Suche nach Antworten gemacht. Herausgekommen ist ein am österreichischen Markt völlig neuartiges Produkt. Seit 2017 bietet sie mit „Presse Premium“ als erste überregionale Tageszeitung des Landes ein reines Digitalabo um 10 Euro an. Mit sieben Klicks auf der Webseite der „Presse“ ist man „Premium“-Abonnent. Damit bekommt man einerseits den digitalen Zugang zum kompletten Inhalt der gedruckten Zeitung und zusätzliche Inhalte, die nur für dieses Produkt verfasst werden. So entstand ein Zusatzangebot für alle digitalaffinen Leser, die die Marke der „Presse“ schätzen, aber nicht mehr klassisch gedruckt lesen wollen. Weil sie viel reisen, also gar nicht jeden Morgen in ein und derselben Wohnung aufwachen, in der sie ihre Zeitung von der Fußmatte pflücken können. Oder weil sie in der Bahn oder im Bus keine umständlich zu faltende Papierzeitung lesen wollen. Oder weil ihnen schlicht die Zeit fehlt, in erster Linie während der Woche.

Die Veränderungen und Entwicklungen in der Medienbranche im vergangenen Jahrzehnt waren vor allem von einbrechenden Werbeerlösen und sinkenden Abonnements geprägt. Viele Medienhäuser suchten (und suchen) ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell für ihre digitalen Kanäle. Das Problem ist nur: Im deutschsprachigen Raum hatten sich die Verlage bei der Einführung des Internets dazu entschlossen, die Inhalte, die sie auf Papier gedruckt verkauften, online zu verschenken. 20 Jahre später probieren nun Verlage in der Schweiz und in Deutschland nach dem Vorbild US-amerikanischer, britischer und schwedischer Medienhäuser, sogenannte Paywalls einzuführen. Nur, wie sollten Leser sich für etwas begeistern und auch noch Geld ausgeben, das auf Deutsch wenig anziehend als „Bezahlschranke“ bezeichnet wird?

Bei der „Presse“ wollte man einen anderen Weg gehen und führte ein ganz neues digitales Abo ein. Keine Paywall, die den Leser komplett vom kostenlosen Zugriff auf die Webseite ausschließt, sondern ein eigenständiges Abonnement für die Nutzung bestimmter „Presse“-Artikel. Das war das Ergebnis einer komplexen, aber gemessen an der Geschichte der Zeitung relativ kurzen Entwicklungsphase, die Online-Chefredakteur Manuel Reinartz maßgeblich verantwortet hatte.

Der Grundgedanke bei der Entwicklung des neuen Produkts war, die Qualitätsstandards der „Presse“ einfach auf den Web-Kanal umzulegen. Es geht nicht um die Jagd nach Reichweite und schnelle Klicks, sondern darum, die gewohnte „Presse“-Qualität anzubieten. Das Trägermedium – ob Papier, Tablet oder Smartphone – soll für den Journalisten, der den Text verfasst ebenso in den Hintergrund treten wie für den Leser. Abgesehen davon, dass die Reportagen und Leitartikel, die Interviews und Analysen natürlich auf jedem Medium angenehm lesbar sein müssen. Daher war die technische Umsetzung dieses neuen Produktes nicht zu unterschätzen. Bisher waren Verlagssysteme nicht auf Bezahlung in Echtzeit ausgelegt. Das war für das Printabo-Geschäft ursprünglich auch nicht notwendig. Online sieht das anders aus. Wer ein digitales Abo kauft, will in der Sekunde nach der Eingabe seiner Zahlungsdaten auch Zugang haben. Außerdem müssen sämtliche Systeme – Print, Online und App – miteinander zum „Reden“ gebracht werden. Mit einem besonderen Farbschema soll der Leser darauf außerdem darauf hingewiesen werden, welche Texte er weiterhin frei lesen kann (weiß) und für welche Stücke er zahlen muss (blau hinterlegt).

Qualität kostet, auch im Netz

Seit März 2017 gibt es das neue digitale „Premium“-Abo. Und obwohl es zu Beginn von manchen Kollegen aus der Branche fast belächelt wurde, weil es ungewohnt war, in den sozialen Netzwerken plötzlich nur mehr die ersten Zeilen eines Textes frei lesen zu können, hat es sich rasch etabliert. Zum Stichtag 1. Mai 2018 hat „Die Presse“ 13.500 aktive, zahlende Digitalabonnenten. Noch erhalten uns diese Abos nicht, aber sie sind eine wichtige zusätzliche Einnahmequelle für die „Presse“ geworden. Erstmals seit einigen Jahren kann man davon sprechen, dass die Abogesamtzahlen im Laufe eines Jahres signifikant gestiegen, nicht gesunken sind.

Vor der „Presse“ hatte sich nur der österreichische Digitalableger der „Neuen Zürcher Zeitung“ namens NZZ.at an ein Bezahlmodell für das Netz gewagt. Ausgerechnet wenige Wochen nach dem „Premium“-Start der „Presse“ gab das Schweizer Verlagshaus bekannt, sein Projekt nach gut zwei Jahren und kolportierten bis zu 4.000 zahlenden Abonnenten einzustellen. An solchen Projekten, die auch scheitern können, zeigt sich, wie schwer es ist, die Gratiskultur im Internet aufzubrechen. Trotz der immer mehr aufkommenden Abomodelle für Unterhaltung – von Spotify bis Netflix und Amazon Prime – ist es noch immer nicht selbstverständlich, für Information im Internet zu bezahlen.

Wer das ändern will, braucht also einen langen Atem und Mut. Gute Geschichten. Und ein bisschen Glück. Im Fall von „Presse Premium“ hatten sicher auch das spannende Wahljahr 2017 und einige Skandale, die die Zeitung mit aufdecken konnte (Stichwort: Tal Silberstein oder Peter Pilz) zu einem ersten Hoch des Produktes beigetragen. Letztlich will „Die Presse“ mit ihrem Digitalabo dasselbe  erreichen wie mit der gedruckten Zeitung: ihre loyalen Leser ansprechen, die wissen, was sie auf der Webseite bekommen und bereit sind, dafür zu bezahlen. Dazu kommt, dass den Lesern durch die technischen Möglichkeiten im Internet heute noch viel maßgeschneiderter als früher genau jene Informationen geliefert werden können, die sie suchen. Die „Presse“-Community kann zudem im digitalen Raum leichter interagieren.

Eine Erlösquelle, die wächst

Im Jahr 2018, 170 Jahre nach der Gründung der „Presse“, 21 Jahre nach dem Start der Webseite lässt sich jedenfalls sagen, dass wir eine Erlösquelle gefunden haben, die etwas völlig Überraschendes tut: Sie wächst täglich. Die Krönung jeder „Premium“-Geschichte ist, wenn sie einen Leser zum Abschluss eines Abos verleitet. Täglich werden in der Redaktion die „Premium“-Stücke ausgeschickt, die Abobestellungen ausgelöst haben. Und das motiviert die Autoren.

Somit hat „Die Presse“ ihr seit Jahrzehnten bestehendes Abomodell einfach auf einen neuen Vertriebskanal erweitert. Die Zustellung fällt weg, dafür bietet die Webseite die Möglichkeit, den Lesern in Echtzeit aktuelle Informationen und Neuigkeiten zu bestimmten Ereignissen zu liefern. Dabei ist längst klar, dass man für Nachrichten, die jedes Medium ausspielt, kein zusätzliches Geld verlangen kann. Darum geht es bei „Presse Premium“ auch nicht. Zahlen muss man nur für jene Inhalte, die schon bisher auf Papier gedruckt Geld gekostet haben. Oder reine Digitalstücke mit einer ähnlichen Qualität. Das Jahr 2017 war für „Die Presse“ und ihre Eigentümerin, die Styria Media Group, ein Meilenstein. Es wurde zwar sicher nicht die letztgültige Antwort auf die Frage gefunden, wie die Zeitung der Zukunft aussieht. Aber fürs Erste wurde eine Idee umgesetzt, wie die Zeitung der Gegenwart mit den aktuellen Mitteln der Technik aussehen kann. Und eigentlich wurde damit auch eine Antwort auf die eingangs erwähnte Gretchenfrage der Branche gefunden: Die Tageszeitung wird überleben. Solange sie sich immer wieder neu erfindet.

Das Hoch-Amt

Sechs Chefredakteure, sechs Porträts

Günther Haller, fast 35 Jahre bei der „Presse“, wirft einen abgeklärten Blick zurück auf die Chefs seines Arbeitslebens.

Von Günther Haller

APA

DER APOKALYPTIKER

Otto Schulmeister

Ab 1948 gab es wieder täglich eine „Presse.“ Einer wollte von Anfang an dabei sein: Otto Schulmeister, geboren 1916 in Wien. Er kam aus dem christlich- humanistischen Lager, seine nach eigenen Worten „verwirrte, langandauernde Jugend war mit einer politischen Entziehungskur“ 1945 beendet. Er gehörte zu jenen Intellektuellen der Zweiten Republik, die durch das gesprochene und geschriebene Wort wirken wollten. 43 Jahre seines Lebens widmete er der „Presse“, ab 1961 als Chefredakteur, 1976 bis 1989 als ihr Herausgeber. In dieser Zeit spielte er eine zentrale Rolle in der österreichischen Publizistik, durch seine Leitartikel, durch seine Bücher, durch seine Fernsehauftritte. Er galt als einer der gebildetsten Journalisten des Landes, wurde als lebenslanger Feind aller „linken“ Strömungen eine Galionsfigur des Kalten Krieges und steuerte die Zeitung auf einen konservativen, amerikafreundlichen Kurs. Gelegentlich schickte er seine Redakteure zur Horizonterweiterung „in den Ostblock“, um ihnen ahnungslose politische Schwadroniererei über die Schwächen der westlichen Demokratie abzugewöhnen. So war Schulmeister ein wesentlicher Proponent des Antikommunismus. Im Fernsehen machte sein polternder Empörungsgestus Furore, mit der er seine Aversion gegen kleingeistiges Denken ausdrückte. In den engen Grenzen seines Landes sah er sich als politisch Heimatloser, er warf dem politischen System vor, die Zukunft des Landes an die Wand zu fahren und damit der Jugend die Perspektive zu rauben. Die Diagnose, dass wir uns alle in einem großen Endspiel befinden, der apokalyptische Blick auf die Welt, der Vorwurf der konsumorientierten Identitätslosigkeit, verschafften ihm den Spottnamen „Kassandra vom Dienst“ und „Retter des Abendlandes“. Kalt ließ er keinen, selbst politische Gegner respektierten ihn.

Bruckberger

DER BILDUNGSBÜRGER

Thomas Chorherr

Ein Neuling war Schulmeisters Nachfolger 1976 nicht gerade. Thomas Chorherr, geboren 1932, wollte eigentlich Jurist, dann Diplomat werden und wurde zu dem Vollblutjournalisten der Zweiten Republik. Bis heute trägt er diese Berufsbezeichnung stolz wie sonst keiner: „Journalist“. 1955 heuerte er bei der „Presse“ als Lokalreporter an: Bis heute erinnert er sich genau an die Staatsvertragsunterzeichnung, das befreiende Wir-Erlebnis für die Österreicher, an die Heimkehrertransporte, die ihn zu Tränen rührten, auch an den ersten Opernball, über den er eine große Reportage schrieb. Er leitete das Blatt bis Ende Februar 1995, wurde so der längstdienende Chefredakteur. Mit Schulmeister hat er viel gemeinsam: Die Liebe zum humanistischen Bildungsgut, die gerne zur Schau gestellt wird, lateinische und griechische Zitate miteingeschlossen („Ich bin ein Bildungsbürger“), das Bekenntnis zum Bürgerlichen als bewusste Lebensauffassung. Im Umgang mit seinen Redakteuren unterscheidet sich Chorherr von seinem polternden Vorgänger: Er kennt auch cholerische Anfälle, hat aber einen unverwüstlichen Optimismus als Antrieb, der ihn auch sein körperliches Handicap im Alter durchstehen lässt, er ist konziliant und humorvoll. Egal ob Leopold Figl, Julius Raab, Bruno Kreisky, Helmut Zilk, Hans Dichand oder Gerd Bacher: Chorherr war mit ihnen allen befreundet. So ist jedes von Chorherrs Büchern ein Zeitdokument zur Geschichte der Zweiten Republik. Zum 80. Geburtstag hat ein Kollege den noch immer schreibenden Chorherr einen „nachdenklichen, abgeklärten Publizisten“ genannt. Dem ist zu widersprechen: Nachdenklich wird stimmen, abgeklärt ist der ewige Journalist bei weitem noch nicht: Wenn ihn etwas in den Zeitläufen ärgert, kann er mit seiner Wortgewalt noch immer ordentlich zuschlagen.

Fabry

DER AUFRÜHRER

Michael Maier

Chorherr diente der „Presse“ lange, Michael Maier nur kurz, im März 1995 wurde er Chefredakteur, bereits zehn Monate später lockte ihn die deutsche Medienszene über die Grenzen. Dass einem 36-jähriger Kärntner das Traditionsblatt anvertraut wurde, löste anfangs Befremden aus, er war erst zwei Jahre zuvor von der „Kärntner Kirchenzeitung“ nach Wien zur „Presse“ gekommen und für das Medienressort verantwortlich. Doch bald entdeckte man in dem unkonventionellen Macher den brillanten Schreiber, der die „Presse“ in Stil und Inhalt zu modernisieren begann. Mag sein, dass die Medienkenner ihm mehr Rosen streuten als das bürgerliche Stammpublikum der Zeitung. Doch Maier ließ ihm nicht viel Zeit, sich an den Wirbelwind, der die Redaktion durchlüftete, zu gewöhnen. Hielt er die Verhältnisse in dem Land nicht mehr aus? Sein letzter Leitartikel weist darauf hin: „Es scheint in Österreich immer noch nicht selbstverständlich, dass Journalisten eine von gesellschaftlichen ‚Verpflichtungen’ unabhängige Aufgabe wahrzunehmen haben.“ Vielleicht sei dieses Land zu klein für eine ausgeprägte Medienkultur, eine, in der Mut, Charakter und Widerstand maßgebliche Parameter sein sollten, aber es nach Maier nicht sind. Aufregung verursachte dann sein nachgereichter Essay im Spectrum der „Presse“ vom 5. Jänner 1996.Titel: „Wo das Messer am besten sitzt.“ In Wien natürlich, in der Stadt der Intrigenwirtschaft und Hofschranzen. „Dass man in Wien ohne Prahlerei und Blendwerk nicht weit kommt, habe ich auch in meiner Zeit als Chefredakteur dieser Zeitung oft und oft erlebt. Mein Name und dieser Job sind ja eigentlich unvereinbar. Was heißt überhaupt Job! Es ist ein Amt, ein Hochamt nachgerade, Chefredakteur der ‚Presse‘ zu sein.“ Michael Maier ging nach Deutschland und machte dort Karriere als Medienmanager. Nach Österreich hat es ihn nicht mehr gezogen.

Bruckberger

DER PERFEKTIONIST

Andreas Unterberger

Kann es sein, dass jemand schon in der Schulzeit weiß, wo er hinwill, nämlich an die Spitze der „Presse“? Bei Andreas Unterberger ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen. Er lebte einen großen Teil seines Lebens für diese Zeitung, jeden Tag, bis spät in die Nacht hinein. Unterberger war ein „Presse“-Produkt, und die Zeitung wurde sein Produkt. Als Mittelschüler war die „Presse“ seine „Leibzeitung“, nach dem Studium ging er in die Lehrredaktion, es begann eine „monogame Karriere“ (Gerd Bacher) für diese Zeitung, als Leiter der Außenpolitik, 1995 bis 2004 als Chefredakteur. Er war ein Schulmeister- Fan, diese Tradition trug er fort, als einer, der diese Zeitung als unverzichtbare Institution sah, ihr zu dienen: eine patriotische Verantwortung. Wenn er in einer Rede sagte, dass er die Zeitung liebte, nahm man ihm das ab. Im persönlichen Umgang durfte man ihm seinen skeptischen Grant nicht übelnehmen. Es war nicht so gemeint, er mochte seine Leute. Natürlich wurde wenig gelobt, aber viel getadelt. Unterberger führte die Redaktion wie ein Abt sein Kloster, der Strenge verlangte, Sachlichkeit und Disziplin. Ein großes und breitgefächertes Faktenwissen, wie er selbst es besaß, erwartete er auch von den anderen. Ironie und Pointengeilheit verachtete er. Er hasste den „Einser-Schmäh“ à la Thomas Bernhard: Wer das Land als dümmlich oder faschistoid bezeichne, promoviere zum Intellektuellen. Als wir damals zur „Lichtermeer“- Demonstration gingen, strafte er unsere Euphorie mit einer nüchternen Gegenanalyse ab. Seine Kommentare wurden im Lauf der Jahre immer schärfer, als es gegen die EUSanktionen ging, gegen den amtierenden Bundespräsidenten, für die Möglichkeit einer schwarz-blauen Regierung. Doch als „Chronist der Wende“ bezeichnet zu werden, ärgerte ihn. Er sah sich nicht als Bannerträger für ein Lager außer dem der „Presse.“

N. Helling

DER ÜBERFLIEGER

Michael Fleischhacker

Wo er hinkam, war er der Jüngste: Mit 21 in der „Kleinen Zeitung“, mit 35 als Chefredakteur der „Presse“. Acht Jahre lang war sein Talent zum Blattmachen unübersehbar, überhaupt gilt für die ganze Person: Unauffälligkeit ist nicht seine Stärke, wo er auftaucht, ist er präsent, hyperpräsent. Was sein Vorgänger bei der „Presse“ nicht mochte, diesen Grundton des Spöttischen und eine mit Zynismus durchtränkte Aggressionsbereitschaft, er praktizierte es mit Leidenschaft. Die Leitung der Zeitung legte er an wie ein spannendes Spiel. Für die Verjüngung des Blattes wurde er gerufen, das zog er nun durch, arbeitswütig, neugierig, vielseitig, offen nach allen Seiten. Manchem erging es wie dem Hasen im Märchen vom Hasen und dem Igel: Bei der Verfertigung von Gedanken glaubte man sich am Ziel angekommen, doch fle war schon längst dort. Meist wurde der Spott durch Witz besiegt. Vielleicht war er überzeugt, dass Teamarbeit nicht der richtige Weg zum Erfolg ist, wenn einer an der Spitze steht, der alles besser kann. Schließlich war er Langstreckenläufer, nicht Fußballer. Doch er lernte dazu. Was der Zeitung guttat: Kreativität ist Fleischhackers hervorstechende Eigenschaft neben seiner enormen Sprachgewandtheit, als Begriffserfinder und Satzzuspitzer ist er schwer zu übertreffen, am besten ist er dann, wenn heiliger Zorn ihn packt. Dann reichen die verbalen Eruptionen in seinen Leitartikeln an Thomas Bernhard heran, dann konnte er Blitze schleudern wie Gottvater Zeus, sah er sich doch ohnehin immer auf der anderen Seite des Establishments. Das ist für Journalisten ohnehin ein guter Ort, sogar wenn sie an der Spitze der „Presse“ stehen. Die Zweite Republik erklärte Fleischhacker schon einmal für beendet, auch die Printmedien sagte er tot. Andreas Khol rechnete zu Fleischhackers 40er mit dem bald einsetzenden Abschleifprozess. Da kann er lange warten.

D. Novotny

DER PROFI

Rainer Nowak

Irgendwann haben wir alle aufgehört mitzuzählen, wie oft Rainer Nowak mit seinem „Presse“-Team die Auszeichnung „Redaktion des Jahres“ erhielt, wie oft er selbst damit geschmückt wurde. Kein Wunder, könnte man sagen. Jemand, der aus einer Vollblut-Journalistenfamilie kommt, trägt das in den Genen. Doch bekanntlich will man gerade in solchen Familien dem Nachwuchs diesen Wunschberuf Journalismus ausreden. Doch nicht Journalist zu werden, das war nicht durchzusetzen – zumal er Anneliese Rohrer als Ressortchefin kennenlernte: „Sie war meine große Lehrerin. Und wer unter ihr gelernt hat, der hat Blut geleckt.“ 2012 trat der 1972 in Innsbruck geborene Nowak die Nachfolge Fleischhackers an. Vorher hatte der Vielschreiber fast alle Ressorts durchlaufen und wurde einer der Väter der Erfolgsgeschichte „Presse am Sonntag“, ganz nebenbei entdeckte er als sein Hobby die Gastrokritik. Nowaks Medienpräsenz ist unübersehbar, am Wahlabend, bei Diskussionen, er bespielt alle Kanäle. Im Nationalratswahljahr 2017 amüsiert der brillante Formulierer die Leser täglich mit einem Frühmorgens- Newsletter. Es wird ein Riesenerfolg. „Die Presse“ wird unter ihm breit aufgestellt, er treibt die digitale Evolution des Mediums voran, unter ihm werden alle digitalen Dienste überarbeitet und ein Bezahl-Modell für handverlesene Premium-Artikel in der Onlineausgabe gewagt, mit dem viele neue Digitalabonnenten gewonnen werden. Das Papier wird nicht vergessen: Er begründet die Magazinreihe „Geschichte“ und eine Buchedition im Molden-Verlag. Die „radikale Boulevardisierung“ und die „Verrohung bei den sozialen Medien“ sind ihm ein Gräuel. Nowak agiert in bewusster Distanz zu allen Parteien, seine Unabhängigkeit ist unbestritten. Zeitungskrise? „Wir müssen unseren Job machen.“ Sich von niemandem vereinnahmen zu lassen, sei auch eine Form von Eitelkeit. Und darin kann man ihm nichts beibringen.

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