Wie Stress die Lust am Sex verdirbt

Bei Männern ist der vorzeitige Samenerguss eines der häufigsten sexuellen Probleme, bei der Frau die Lustlosigkeit. Dahinter stecken nicht immer körperliche Beschwerden, sondern oft Stress im Alltag.

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Gelegentlich ist bei jedem von uns das Verlangen nach Sex vermindert, wird dies jedoch zum Dauerzustand, stört das rasch die Beziehung und das eigene Wohlbefinden. Lustlosigkeit ist eines der häufigsten sexuellen Probleme bei der Frau. Hinter der Libidoeinbuße kann eine körperliche Erkrankung stecken, in jüngeren Jahren hat die Sexunlust jedoch meist andere Gründe: Häufig stehen Erfolgsdruck und Stress hinter der fehlenden Freude im Bett. Chronische Beziehungskonflikte und Langeweile in der Partnerschaft sind ebenfalls große Libidoräuber. Auch ein Kinderwunsch kann vielen die Lust auf körperliche Nähe vergällen. „Sex auf Befehl“ begeistert Männer noch weniger als Frauen – obwohl diese insgesamt deutlich häufiger von Lustlosigkeit betroffen sind.

Dazu gibt es auch Zahlen: Bis zu 40 Prozent der Frauen fehlt oft die Freude am Sex. Für 22 Prozent bringt die Situation einen Leidensdruck mit sich, das heißt, sie Empfinden die Lustlosigkeit als echtes Problem. Elia Bragagna wundern diese Zahlen nicht: „Eine Frau soll sexuell attraktiv sein, sie soll im Beruf top, eine gute Mutter und perfekte Hausfrau sein, das erzeugt massiv Druck, das macht Stress“, erklärt die Ärztin, Psycho- und Sexualtherapeutin, die zu den österreichischen Pionieren der Sexualmedizin zählt. Bragagna hat vor einem Jahr in Graz die erste interdisziplinäre sexualmedizinische Praxis gegründet.

„Auch die Medien, die gern suggerieren, dass man Sex am besten rund um die Uhr haben soll, erzeugen damit Frust und in Folge Unlust“, führt sie weiter aus. Wie viel Sex ist denn überhaupt normal? „Wenn zwei damit glücklich sind, einmal im Monat miteinander zu verkehren, ist das normal und gesund. Und wenn man es täglich will, ist das auch okay, die Häufigkeit ist individuell“, erklärt sie. Oft machten allein das Bewusstmachen dieser Tatsache und eine damit einhergehende Lockerheit schon wieder Lust auf die Lust. Auch Entspannung sowie Sexual- oder Paartherapie können helfen.

Lustpille für die Frau

Und die Lustpille für die Frau, die die Libido ankurbeln soll? Die gibt es in Österreich noch gar nicht. Aber auch in den USA, wo dieses als lustfördernd beworbene Antidepressivum bereits auf dem Markt ist, sprechen die Frauen noch nicht so recht darauf an. Wohl deswegen, weil sie die Tablette täglich einnehmen müssen und dafür nur einen kargen Erfolg einheimsen. Für ein halbes Mal bis ein Mal öfter Sex im Monat will kaum eine Frau die Nebenwirkungen des Medikaments – Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit – in Kauf nehmen. Hat die Lustlosigkeit medizinische Gründe – von Schilddrüsenunterfunktion bis Herzleiden ist alles möglich – wäre ein Arztbesuch ratsam. Doch das tun die wenigsten.

„Maximal 20 Prozent sprechen sexuelle Probleme beim Arzt an“, sagt Bragagna. Viele ihrer Patienten würden ihr Problem sehr lange mit sich herumtragen, bevor sie den ersten Schritt zu einem Experten wagten. Andere würden zigmal das Telefon zur Hand nehmen, ehe sie einen Termin vereinbarten. „Aber die meisten sind sehr glücklich, wenn sie endlich über ihr Problem reden können“, sagt Doris Köpp, Allgemeinmedizinern, Sexualmedizinerin und -therapeutin in erwähnter Praxis in Graz, in der auch Allgemein- und Schmerzmediziner sowie Gynäkologen und Urologen tätig sind.

Köpps ältester Patient ist 89. Er hat nach dem Tod seiner Gattin eine um 20 Jahre jüngere Frau kennengelernt und wollte ein Potenzmittel – das er auch bekommen hat. Der jüngste Patient ist gerade einmal 17 Jahre alt und leidet unter einem sehr häufigen männlichen Problem: dem vorzeitigen Samenerguss. Es ist die häufigste sexuelle Funktionsstörung beim Mann, 20 bis 25 Prozent aller Männer sind betroffen.

Hilfe bei vorzeitigem Samenerguss

Wenn das Problem des vorzeitigen Ergusses angeboren ist, helfen bestimmte Medikamente sehr gut. Wenn eine Krankheit oder die Einnahme von Amphetaminen dahintersteckt, kann das Absetzen der Amphetamine oder die Therapie der Grunderkrankung (etwa einer Schilddrüsenerkrankung) das Problem lösen. Ist das Problem psychisch bedingt (Stress, Erfolgsdruck, Versagensängste, Probleme in der Partnerschaft), sind sexual-, paar- oder psychotherapeutische Maßnahmen notwendig. Und wenn das Ganze nur eine „Glaubenssache“ ist? Dann braucht es Aufklärung: „Wenn Männer ejakulieren, bevor die Frau einen Orgasmus hat, glauben viele Männer, dass sie einen vorzeitigen Samenerguss haben. Das stimmt in solchen Fällen aber nicht. Außerdem haben nur rund 14 Prozent der Frauen jedes Mal einen Orgasmus. Aber auch ohne Orgasmus ist Sex für viele Frauen schön“, sagt Bragagna.

Schmerzen beim Verkehr haben, je nachdem, welche Studie man sich ansieht, ein bis 20 Prozent der Frauen. Sie gehen oft jahrelang von Arzt zu Arzt, erfahren, dass sie „nichts haben“, erhalten vielleicht eine Salbe – und leiden weiter. „Häufig wird der Vulvaschmerz durch chronische Hauterkrankungen verursacht, die gut behandelbar sind, wenn man sie erkennt“, sagt Bragagna. Ein weiterer Grund für Schmerzen von Frauen beim Sex sind Lubrikationsstörungen, die mit Feuchtigkeitsmangel zu tun haben – und mit speziellen Präparaten leicht beseitigt werden können. Lösungen gibt es auch für die keineswegs seltenen Erektionsstörungen beim Mann – ob der Auslöser nun Stress ist, ob eine Durchblutungsstörung oder Versagensängste dahinterstecken.

Probleme mit der Potenz, so Bragagna und Köpp, sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn der Penis gilt als Antenne des Herzens. „Drei bis acht Jahre vor einem Herzinfarkt entwickeln Männer eine Erektionsstörung. Mit rechtzeitiger Therapie könnte man beide Probleme aus der Welt schaffen“, sind sich die beiden einig. Denn nicht nur körperliches Wohlbefinden zählt. Laut WHO ist sexuelles Wohlbefinden ein wichtiger Teil der Gesamtgesundheit.

IN KÜRZE

Sexuelle Störungen werden aufgrund ihrer Häufigkeit als Volkskrankheit angesehen.

Sehr häufig: Mindestens 46 Prozent der Frauen und 39 Prozent der Männer leiden im Laufe ihres Lebens an sexuellen Problemen, die länger anhalten.

Lustlosigkeit stellt ein häufiges sexuelles Problem dar.

Bei Männern jedes Alters ist der frühzeitige Samenerguss die häufigste sexuelle Funktionsstörung.

Vorreiterrolle: Als eine der weltweit ersten hat die österreichische Ärztekammer bereits 2011 ein Zertifikat und ein Diplom für Sexualmedizin eingeführt.

Infos: Dr. Elia Bragagna in Wien,
Tel. +43/(0)676/793 94 88, www.eliabragagna.at

Erste interdisziplinäre sexualmedizinische Praxis in Graz, Tel.: +43/(0)316/722 100 100, www.sexmed.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2016)

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