Opferschutz im Land des großen Vergessens

Hunderttausende Missbrauchsopfer haben von der jetzigen Regierung nichts zu erwarten. Die zieht es vor, nutzlose Strafverschärfungen für Sexualverbrechen umzusetzen und sich dafür auf die Schultern zu klopfen.

Man muss einer Regierung keineswegs hundert Tage Zeit geben, bevor man sie beurteilt. Selbst Dienstnehmern gesteht man in der Regel nur einen Monat Probezeit zu – im Gegensatz zu Regierungen: die haben wir, wenn es dumm läuft, fünf Jahre am Hals. Am besten lässt eine Regierung sich anhand ihrer vordringlichsten Taten einschätzen.

In diesem Falle: freie Fahrt den Rauchern mit 140 (kleiner Exkurs: Ich schrieb 2001, vom Deutschnationalismus würden Tempo 160 und antisemitische Degenfolklore bleiben – ich lag also bloß um 20 km/h daneben), des Weiteren kann man die Rücknahme der Erweiterung der Freiheitsrechte von Behinderten ebenso aufzählen wie die Ausrüstung der Polizei mit Pferden, dazu noch Pläne für Hartz IV in kleindeutscher Variante sowie die peinliche Annäherung an Orbán und das Kuscheln im Pelz des russischen Bären.

 

Quer durch alle Schichten

Nach Parteien unterscheide ich nicht, geht es doch beiden Regierungspartnern angeblich um Österreich. Im Übrigen gilt für dieses Konglomerat von Politikern ohnehin der Grundsatz der Musketiere: Einer für alle, alle für einen! Ob sich in all dem qualifiziertes Regierungshandwerk äußert, möge jeder für sich selbst beurteilen.

Ich halte die aufgezählten Vorhaben teils für politisch dumm, teils für menschenverachtend, nahm das aber bisher angesichts schweigender ÖVP- und sangesfreudiger FPÖ-Politiker mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Jetzt aber bin ich wütend und empört – und zwar über die Pläne, das eben erst renovierte Sexualstrafrecht nach zwei Jahren erneut zu verschärfen. Denn wieder sind viele Jahre vergangen, in denen man sich praktisch nicht um die Hunderttausenden lebenden Opfer von Missbrauch und Gewalt gekümmert hat.

Die Täter laufen noch immer in großer Zahl unbestraft herum, und den Opfern wurde nur wenig geholfen. Dafür höhere Strafen in der Zukunft. Nur von der Vergangenheit will man wieder einmal nichts wissen – vielleicht die Kernkompetenz einer Regierung, die nur eine verheißungsvolle Zukunft kennt und selbige vollmundig, aber inhaltsleer verspricht.

Tatsache ist, und die Geschichte rund um Toni Sailer ist der Beweis dafür, dass sexuell konnotierte Gewalt und Missbrauch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen quer durch alle Schichten waren. Die Zahl der Delikte zählt seit 1945 wohl nach Millionen, ebenso viele Opfer und ein Haufen Täter.

Nach zwei Weltkriegen, nach Klerikal-Diktatur und Nazi-Regime war Gewalt allgegenwärtig: in den Köpfen und im Alltag. Die Ausübung sexueller Macht über andere war offenbar selbstverständlich und massenhaft, die Anzahl der Verurteilungen in Relation dazu während all der Jahrzehnte bis heute lächerlich gering.

 

„Promis“ als Täter

Die vergangenen Jahre haben uns traurigerweise gelehrt, dass praktisch in jeder geschlossenen Institution, in der über Menschen Macht ausgeübt wird, solche Sachen geschahen und geschehen – von Internaten aller Art und jedes Betreibers über Ski-Ausbildungsstätten bis hin zu Alten- und Pflegeheimen. Erst dieser Tage wurde mir ein Fall aktuellen sexuellen Missbrauchs durch eine unqualifizierte 24-Stunden-Pflege an einem Patienten bekannt, Anzeige erfolgte natürlich keine. Anhand „prominenter“ Fälle wissen wir nun, dass es eine privilegierte Schicht gab, die meinte, sich jedes (Un)Recht herausnehmen zu können, ohne Bestrafung fürchten zu müssen. Höchste Regierungskreise haben bei der Planierung und Vertuschung zusammengearbeitet (Dunkelzahl unbekannt, aber jenseits aller Verschwörungstheorien anzunehmen). Genaue Fragen stellte niemand, man ahnte wohl, dass die Promi-Dichte bei den Tätern durchaus beachtlich sein könnte.

Immerhin waren große Teile der Elite des Landes in Instituten zur Schule gegangen, die heute am Pranger stehen. Sie mussten also gewusst haben, was nächtens oder sonst wann so ablief. Doch ich vergesse: Wir sind das Land des großen Vergessens. Sie haben alle von nichts gewusst. So haben alle niemals und traditionsgemäß von nichts gewusst.

Offenkundig ist, dass bis weit in die 1990er hinein die Gewaltgesellschaften des an Totalitarismen so reichen 20. Jahrhunderts ihre Wirkung (in abnehmender Intensität) in den Köpfen und in der pädagogischen Praxis ebenso entfalteten wie in vielen Familien.

 

Wenig Interesse an Aufklärung

Außer der Unzahl an Opfern hat in Wahrheit bis heute niemand ernsthaft Interesse daran, wissenschaftlich zu klären, wie diese Gewalt weiterwirkte. Schon gar nicht will man aus eventuellen Erkenntnissen politische Schlüsse ziehen. Man hat zwar ab 1986 (Waldheim) versucht, die Vergangenheit „aufzuarbeiten“, beschränkte sich aber auf die Untaten des Nazi-Regimes. Nicht aufgearbeitet wurden die Folgen der systemischen Gewalt und Verrohung der Menschen, die auch nach dem Sieg über dieses System weiterbestanden. Es war eine Gesellschaft, die sich eben erst in einen mörderischen Krieg hat hetzen lassen und dabei zugeschaut und geduldet hat, dass Hunderttausende Mitbürger von einem rassistischen Regime ermordet worden sind. Nicht wenige hatten mit Hand angelegt und tummelten sich nach Kriegsende fröhlich in den „Eliten“.

 

Opfer, denen niemand zuhört

Vermutlich ahnte man noch Jahrzehnte danach, dass ernsthafte Nachforschungen in Sachen Missbrauch nicht nur zu weiteren grauenhaften Ergebnissen führen würden, sondern dass wohl auch „große Fische“ ins Netz gehen würden. Damit war eine Gesellschaft, die es kaum geschafft hat, sich mit der Shoah auseinanderzusetzen, erkennbar überfordert – und sie ist es, suggerieren die Nichtereignisse der vergangenen Jahre, noch immer.

Seit meinem Buch „Fromme Begierden“ (2011) über meine Erfahrungen mit Missbrauch und Gewalt in einem Internat erreichen mich (seit dem „Fall Toni Sailer“ wieder in stark steigendem Ausmaß) Hilferufe von Opfern, denen niemand zuhört, um deren Probleme sich niemand kümmert, die sich von den diversen Kommissionen abgeschasselt und von dieser Republik und ihren Politikern – Staatsakte hin oder her – vergessen fühlen.

Unsere zwei Regierungsparteien fühlen sich angeblich den individuellen Freiheitsrechten verpflichtet. Einer solchen Regierung fehlt nun der Wille, läppische neun Millionen zur Verringerung der Abhängigkeit behinderter Menschen auszugeben. Die Hunderttausenden noch lebenden Missbrauchsopfer haben also von dieser Regierung nichts zu erwarten.

Die zieht es vor, nutzlose Strafverschärfungen für Sexualverbrechen umzusetzen und sich dafür auf die Schultern zu klopfen. Das ist billiger und – traurig, traurig – unter Marketingaspekten auch lohnender. Das Gerede vom Opferschutz sollte man dieser Regierung jedenfalls nicht abnehmen.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Michael Amon
(geboren 1954 in Wien) lebt als freier Autor in Gmunden und Wien. Der Dramatiker, Romancier und Essayist ist außerdem geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Steuerberatungskanzlei. Der vierte Band in seinem Romanzyklus „Bibliothek der Vergeblichkeiten“ (Echomedia Buchverlag) ist unter dem Titel „Der Preis der Herrlichkeit“ im vergangenen Herbst erschienen. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2018)

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