Thomas Chorherr ist tot

Sein Lachen fehlt uns schon

Thomas Chorherr, der längstdienende Chefredakteur der „Presse“, ist am Sonntag nach langem Leiden im Alter von 85 Jahren gestorben. Er hat diese Zeitung geprägt – mit seinem bürgerlichen Ethos, mit seinem Humor und seiner Liebenswürdigkeit.

Chorherr im Jahr 2008
Chorherr im Jahr 2008
Chorherr im Jahr 2008 – Bruckberger / Die Presse

Manchmal glaubt man doch tatsächlich, noch sein Lachen zu hören. Hier in der Redaktion. Bis zuletzt wollte er – wenigstens einmal pro Woche – „unter den Leuten sein“. Umgeben von jungen Kollegen, die den alten Mann beiläufig grüßten und mit ihren Gedanken schon wieder ganz woanders waren. Thomas Chorherr genoss dieses geschäftige Treiben. „Die Presse“, das war Chorherr. Jetzt hat sich das Leben des dienstältesten Chefredakteurs dieser Zeitung vollendet.

Wer zählt die Stationen, die diese Redaktion seit der Auferstehung  nach dem Weltkriege durchlief? Zuerst die noble Universitätsstraße, dann der pulsierende Fleischmarkt, später das hypermoderne Heiligenstädter Pressehaus von Fritz Molden, schließlich das fashionable „Marriott“ am Parkring und jetzt die unprätenziöse Hainburgerstraße: Thomas Chorherr war immer dabei. Seit 1954. Dass er davor als Jusstudent bei der „Weltpresse“, Gott hab sie selig, im Lokalteil begonnen hatte, war keine Jugendsünde. Nein, er hat dort das Handwerk des Lokalreporters erlernt, das er uns – mehr oder weniger erfolgreich – weiterzugeben versuchte. Ein Reporter mit Spürsinn, mit Herz, Humor und Hingabe. Und mit der untrüglichen Nase für „a G'schicht“. Noch bar jeglicher Führungsverantwortung und ledig all der lästigen Administration – das waren seine schönsten Jahre, wie er später eingestand.

Mit dem Motorroller fuhr er von der Lokalredaktion auf die Uni, um sein Jusstudium abzuschließen. Denn eigentlich wollte er in die diplomatische Welt. Zumindest war das sein zweiter Traumberuf. Und tatsächlich, er wurde schließlich Diplomat. Zwar viel später erst. Und auf andre Weise. Diese ausgleichende, versöhnliche und humorvolle Begabung kam ihm dann als Chef einer sehr selbstbewussten Redaktion zugute.

Die diplomatische Welt, sein zweiter Traumberuf

Zunächst freilich hieß es, seinen Platz in der Redaktionshierarchie zu festigen. Kein leichtes Unterfangen bei einem Chef, der Otto Schulmeister hieß. Doch während dieser mit seinen Kommentaren, dunklen Analysen und öffentlichen Auftritten brillierte, erwies sich Chorherr schon bald als der eigentliche Blattmacher, obendrein als der beste Reporter. Seine Sprachenkenntnisse verblüfften: Latein, Griechisch, Französisch - und natürlich Englisch. Als Fulbright-Stipendiat hatte er dazu gehörig Gelegenheit. Doch eines kam ganz nebenbei hinzu: Er verliebte sich in die USA, er reiste zeitlebens immer wieder in die Staaten. Und er nahm „das Land der Freien“ zeitlebens gegen alle Angriffe in Schutz. Und dies, gerade weil er ein rot-weiß-roter Patriot der ganz altmodischen Sorte war. Als „Vierteljude“ nach NS-Lesart die Nazis überlebt zu haben und dann am  Wiederaufbau in Frieden und Freiheit teilhaben zu dürfen, das machte den jungen Chorherr zum glühenden Österreicher.

In den turbulenten Siebzigerjahren war er sicher der vornehmste Inlands-Ressortchef aller heimischen Zeitungen. Keine arroganten Urteile, keine hämischen Kommentare über, kein Kläffen gegen das politische Personal, wie heute üblich. Durch kluge Kritik, aber auch anerkennendes Urteil, wenn es geboten schien, steigerte Chorherr das Ansehen seiner Zeitung. Die Mächtigen mussten „Die Presse“ ernst nehmen. Auch die ideologisch weit Entfernten. In der Ära Kreisky eine heikle Sache, aber der damalige SPÖ-Chef schätzte den Antagonismus. Ja, der Bundeskanzler liebte diese Zeitung. Die Arbeiterzeitung musste schreiben, was die Partei vorgab, aber die bürgerliche „Presse“ zu freundlicher Beurteilung zu gewinnen, das war Kreiskys Meisterstück. Wie lange ist das her!?

Nur ungern ging er von der Kommandobrücke

Als stellvertretender Chefredakteur - gemeinsam mit Ilse Leitenberger – nahm die Verantwortung für dieses große mächtige Schiff weiter zu. Von der Kommandobrücke ging er nur ungern und ganz selten. Dann standen Reisen auf dem Programm. Und als Ernte brachte er immer wieder großartige Reportagen fürs Spectrum mit.

„Presse“-Eigentümer kamen und gingen, das Schiff behielt seinen Kurs bei. Interventionen ließ Chorherr als Chefredakteur gar nicht erst bis in die Redaktion durchsickern. Er hatte einen wahrhaft breiten Buckel. Und mit Humor und Liebenswürdigkeit waren alle Wellen zu glätten. Trotz unverholener Antipathie gegen manche Akteure in der Kulturpolitik, die des Kaisers neue Kleider trugen,   schaffte er es, so gut wie keine „Feinde“ zu haben.

Seine Herausforderung bestand nicht nur im täglichen Journalismus mit all seiner Fehleranfälligkeit, nein: Auch das Handwerkszeug veränderte sich. Diese Zeitung war unter seiner Verantwortung die erste Zeitung Österreichs – 1985/86 –, die von der Schreibmaschine auf Computer umstellte. Eine herkulische Aufgabe,  noch dazu für einen technisch absolut uninteressierten Musensohn wie ihn. Er hatte viele Helfer und Experten in der Redaktion. Ja, wir waren dabei und sind heute noch stolz auf das Geleistete. Die Zeitung aus dem Computer erschien täglich weiter ohne einen einzigen Ausfall. Dazu kam noch eine Totalübersiedelung der „Presse“ aus Heiligenstadt ins neue Verlagshaus am Parkring. Auch dies gelang aus eigener Kraft, ohne irgendwelche „Berater“ oder sonstige  Beutelschneider von außen.

Ein Journalist ohne Fehl und Tadel

Chefredakteur von einem Haufen Größenwahnsinniger zu sein, das war ihm Lust, aber auch ernste Verantwortung. Keine Zeile entging ihm, kein Bildtext. Notfalls griff er blitzschnell ein, ohne lang seine Leute zu fragen, die sich alle als Stars dünkten. Meistens hatte er Recht. Nicht immer.

Professor schließlich und Herausgeber, Gourmet und geschätzter Kommentator, so rundete sich dieses hektische Leben, das schon vor 22 Jahren seinen gesundheitlichen Tribut forderte. Seine Handicaps trug er fröhlich und tiefgläubig. „Bin halt ein altmodischer Katholik“, scherzte er. Und, so fügen wir hinzu, ein bekennender Konservativer der besten Art. Ein liebendes und geliebtes Oberhaupt einer großen Familie, zuletzt ein sehr geduldiger Patient.

Du hast in Deinem irdischen Leben all das erreicht, was du angestrebt hast. Und so groß Deine Freude an Orden, Preisen und Auszeichnungen auch war, so gab es doch noch ein Lob, das Dir über alles ging. Und das lautete: Ein Journalist ohne Fehl und Tadel. Mehr geht nicht.

Adieu, lieber alter Freund. Dein Lachen fehlt uns schon jetzt.

Sein Leben

Thomas Chorherr wurde am 27. November 1932 als Sohn des Kaufmanns Otto Chorherr in Wien geboren.

Chorherr studierte Rechtswissenschaften und arbeitete in den ersten Nachkriegsjahren als Lokaljournalist für das Drei-Parteien-Blatt "Neues Österreich". Er verbrachte ein Studienjahr in den USA und war einige Jahre als Redakteur für die Presseabteilung der "US-Mission for Economic Cooperation" tätig. Später arbeitete er als außenpolitischer Journalist für die Wochenzeitung "Weltpresse".

Ab 1955 arbeitete Chorherr für "Die Presse" und stieg 1970 zu deren innenpolitischem Ressortchef auf. Später wurde er zuerst stellvertretender Chefredakteur und schließlich 1976 Chefredakteur. 1995 wechselte er in die Funktion des Herausgebers (bis 2000).

Jahrelang diente er "Der Presse" als Kolumnist in Form der Gastkolumne "Merk’s Wien".

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