Humanitäres Engagement

Andrea Brem: Eine Pionierin in der Frauenhausbewegung

Andrea Brem hat die Wiener Frauenhäuser mitaufgebaut. Sie will mit ihrer Arbeit den „Kreislauf der Gewalt“ durchbrechen.

(c) Clemens Fabry

Wien. Andrea Brem, nominiert in der Kategorie Humanitäres Engagement, arbeitet in Häusern, die für die meisten Frauen eher einer der letzten Orte sind, an denen sie jemals landen wollen. Die Frauen, die üblicherweise hierher kommen, haben entsetzliche Geschichten hinter sich. Gewalt durch ihre Partner, oft über viele Jahre, bis den Frauen nichts bleibt, als ins Frauenhaus zu flüchten. Brem arbeitet seit 35 Jahren für diese Frauen und ihre Kinder – heute begeht sie, die Geschäftsführerin, mit dem Verein Wiener Frauenhäuser das 40-Jahr-Jubiläum.

Im November 1978 wurde in Wien ein erstes Haus eröffnet, damals war das eine schlichte Wohnung mit Matratzen auf dem Boden, nach ein paar Tagen waren die schon mehr als voll belegt. Heute betreibt der Verein in Wien vier Häuser, statt Matratzenlager sind es heute zweckmäßige, freundliche Zimmer, in denen die Frauen leben. Brem kennt auch anderen Zustände noch, die am Anfang. 1983, mit 20 Jahren, ist sie als Praktikantin während ihres Studiums an der Sozialakademie in ein Frauenhaus gekommen. Nach dem Abschluss als Diplomsozialarbeiterin war sie kurz im Behindertenbereich, wechselte aber zurück zu den Frauen. Seit 2001 ist sie Geschäftsführerin. „Eine Tellerwäscher-Karriere“, sagt sie. Und, bei aller Tragik der Schicksale, eine erfüllende Aufgabe: „Man glaubt es nicht, aber es macht wahnsinnigen Spaß. Das erfreuliche ist, dass es oft gelingt, Frauen aus einer völlig verzweifelten Situation zu holen. Wir haben mit Frauen aus allen Schichten, mit unterschiedlichsten Hintergründen zu tun. Und, mir ist es so wichtig, dass wir hier auch im Sinne der Kinder den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, dass sich Gewalt nicht über Generationen fortsetzt, Kinder nicht später zu Opfern oder Tätern werden“, sagt Brem über die Motivation für ihren Einsatz.

Und, sie begeistere es, dass der Einsatz für die Frauen neben der konkreten Sozialarbeit immer auch politisch sei. Politisch, und damit rechtlich, hat sich seit den Anfangsjahren viel getan. Rechtlich, sagt Brem, war die Situation damals „katastrophal“. Der Mann war Familienoberhaupt, sich zu trennen war schwierig, gerade wenn es Kinder gab, Gewalt blieb weitgehend ungestraft, gegen Vergewaltigung in der Ehe oder Stalking gab es kaum Handhabe. Seither haben die Pionierinnen viel erreicht: In Österreich gibt es 30 Frauenhäuser. In den vier Wiener Häusern, die Platz bieten für 175 Frauen und Kinder, wurden voriges Jahr 624 Frauen und 640 Kinder betreut. Die Zahlen steigen.

Denn bei allem Positiven, der Bedarf bleibt, Gewaltbeziehungen bestehen nach wie vor, und Brem ortet gar eine Art gesellschaftlichen „Backlash“: Frauen- oder Gewaltschutzinitiativen wurden zuletzt finanzielle Mittel gestrichen, auch rechtlich ortet Brem Probleme: Wenn es um Obsorgestreitigkeiten geht und Frauen, die aus Gewaltbeziehungen flüchten, monatelang ihre Kinder nicht sehen können. Oder, wenn sexuelle Gewalt in Beziehungen so gut wie nie bestraft wird. Oder, wenn Frauen nicht ausreichend geschützt werden können – man bedenke die hohe Zahl von Frauenmorden durch Partner. Die Arbeit ist nach 40 Jahren lange nicht getan. (cim)

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