Arbeitsmarkt - 2: Gut, aber auch gut frisiert

Beschäftigung. Österreich hat seit Jahren die niedrigste Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union. Doch das gute Ergebnis ist teuer erkauft - und auch gar nicht so niedrig, wie es auf den ersten Blick scheint.

Wirtschaftsflaute
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Nach einem ersten, kurzen Blick in die Statistik wäre die Frage, welche Note Österreich für seinen Arbeitsmarkt bekommt, schnell beantwortet: Das Land hat laut der EU-Statistikbehörde Eurostat eine Arbeitslosenquote von 4,9 Prozent, und damit die niedrigste der EU. Den ersten Platz verteidigt die Republik schon lang. Österreich hat gut ausgebildete Arbeitskräfte, eine steigende Beschäftigung und relativ wenig Langzeitarbeitslose.
Auf den zweiten Blick hat sich der Einser schnell erledigt. Denn die niedrige Arbeitslosigkeit ist erstens teuer erkauft - und zweitens gar nicht so niedrig, wie sie zunächst scheint.

Im EU-Vergleich wird die Arbeitslosigkeit mittels der international gängigen Definition gemessen. Dazu werden Menschen per Telefon befragt, ob sie erwerbstätig sind. Das ist man bereits, wenn man eine Stunde in der Woche bezahlt arbeitet. Demnach gilt jeder geringfügig Beschäftigte als erwerbstätig, auch wenn er in Österreich als arbeitssuchend gemeldet ist. „Arbeitslos" sind überhaupt nur jene, die in den vergangenen zwei Wochen aktiv Arbeit gesucht haben. Wer nicht sucht, zählt nicht. Etwa Frauen, die prinzipiell arbeiten würden, aber keine passende Stelle finden - in der Nähe und mit angemessener Arbeitszeit. Oder Menschen, die mangels Jobaussichten frühpensioniert wurden.

In Österreich war das lange Zeit gängige Praxis. Deshalb arbeiten hierzulande auch nur 45 Prozent der 55- bis 64-Jährigen. Im EU-Schnitt ist es die Hälfte, in Deutschland sind es gar 64 Prozent. Auch das tatsächliche Pensionsantrittsalter liegt in Deutschland bei etwa 63 Jahren, die Österreicher gehen im Durchschnitt mit 58,5 Jahren in Rente. Das ist zwar nett für die Arbeitslosenstatistik, aber langfristig finanziell fatal. Zahlen werden dafür vor allem die Jüngeren. Ein Pluspunkt: Seit heuer ist der Gang in die Frühpension eingeschränkt. Das Alter für die Hacklerpension (abschlagsfreie Frühpension nach 45 Beitragsjahren) wurde hinaufgesetzt und die Kriterien für die Invaliditätspension verschärft.

Die nationale Arbeitslosenquote umfasst alle Menschen, die beim Arbeitsmarktservice (AMS) arbeitslos gemeldet sind - also auch Menschen mit Einstellungszusage oder Arbeitslose, die geringfügig arbeiten. Die nationale Quote betrug im Vorjahr 7,6 Prozent und wird heuer auf zumindest acht Prozent steigen. Aber auch diese Zahl zeigt nicht das ganze Bild. Sie klammert jene aus, die sich nicht beim AMS melden, weil sie ohnehin keinen Anspruch hätten und jene, die nur Teilzeit arbeiten, obwohl sie gerne eine Vollzeitstelle hätten. Wer die Jobsuche resigniert aufgegeben hat, fällt ebenso aus der Statistik.

Arbeitslose werden versteckt

Also etwa Menschen, die bereits Sozialhilfe beziehen. Die liberale österreichische Denkfabrik Agenda Austria hat im Vorjahr ausgerechnet, wie hoch die Arbeitslosigkeit wäre, würde man die „versteckten Arbeitslosen" einberechnen: Demnach hätte die Arbeitslosenquote im Vorjahr nicht 4,9 sondern zehn Prozent betragen und es hätte nicht 250.000 Arbeitslose (internationale Definition) gegeben sondern 465.000. Die Arbeitslosenquote weist übrigens auch keine Teilnehmer von AMS-Schulungen aus, weil diese dem Arbeitsmarkt ja nicht zur Verfügung stehen. Das waren im Vorjahr aber immerhin 74.000 Menschen.

Diese Schulungen sind teuer - aber nicht immer gut. Besonders die Bewerbungstrainings stehen in der Kritik, vor allem Beschäftigungstherapie zu sein. Das AMS hat im Jahr mehr als eine Mrd. Euro für Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung. Teuer ist auch die Ausbildungsgarantie, die es in Österreich für Jugendliche bis 18 Jahre gibt. Wer keine „echte" Lehrstelle findet, bekommt eine „überbetriebliche". Diese richtet der Staat ein bzw. er bezahlt Industriebetriebe dafür, Jugendliche auszubilden. Das kostete zuletzt 123 Mio. Euro, für knapp 12.000 Jugendliche im Vorjahr. Trotzdem hat Österreich zurzeit eine Jugendarbeitslosigkeit von 9,5 Prozent (internationale Definition) und damit weit mehr als Deutschland (7,9 Prozent).

Aber teure Schulungen sind immer noch besser, als die Menschen in die Luft schauen zu lassen. Gerade bei Jugendlichen können sich die Maßnahmen auszahlen. Wenn sie funktionieren, spart der Staat später hohe Kosten für Sozialleistungen. Man muss es sich nur leisten können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2014)

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