Aufstieg aus der Familienkiste

Nichts bestimmt die soziale Mobilität so stark wie das, was man von seinen Eltern mitbekommt. Ökonomen sehen dennoch Spielraum für die Politik, um mehr Chancen zu schaffen.

Lernendes Kind
Lernendes Kind
Lernendes Kind – Clemens Fabry

Alan Rusbridger ist ein Säulenheiliger der fortschrittlichen Linken. Der Chefredakteur der englischen Tageszeitung „The Guardian“ wird nicht müde, die ererbten Privilegien der Reichen zu kritisieren. „Sommerparty der Tories lockte Superreiche mit Gesamtvermögen von elf Milliarden Pfund an“, donnerte Rusbridger neulich per Twitter.

Was seine Fans vermutlich nicht wissen: Rusbridger gehört selbst zur britischen Oberschicht. Seine Familie hat im 19. Jahrhundert ein imposantes Vermögen und einflussreiche Stellen am Hofe Königin Victorias angehäuft. Rusbridgers Ururgroßvater hinterließ bei seinem Tod im Jahr 1850 ein Vermögen von 12.000 Pfund. Vier von fünf Briten vererbten damals im Durchschnitt weniger als fünf Pfund.

Wirtschaftliches und gesellschaftliches Vorankommen sind durch vielerlei bedingt: die Stichworte Erbgut, Elternhaus, Schule und Arbeitsmarkt fallen in jeder Debatte über die oft beschworene „Mobilität“. Manches davon kann man beeinflussen: die Güte der schulischen Ausbildung etwa oder die Offenheit des Arbeitsmarktes. Anderem gegenüber ist man machtlos: Ein Kind alkoholkranker Eltern hat vom Moment seiner Empfängnis an einen Nachteil gegenüber den Sprösslingen gesunder Eltern. Linke und Rechte mögen unterschiedliche Ideen haben, wie sich die Chancengleichheit erhöhen lässt. Grundsätzlich sind sie sich aber einig: Man kann durch politische Maßnahmen Aufstieg fördern.

 

Wie der Vater, so der Sohn. Doch was, wenn das nicht stimmt? Wenn soziale Chancen innerhalb der Familie weitergegeben werden, ganz oben in der Gesellschaftspyramide ebenso wie ganz unten? Wenn daran noch so ausgeklügelte Sozial-Ingenieurskunst nichts zu ändern vermag?

Das behauptet Gregory Clark, ein britischer Wirtschaftshistoriker an der University of California, Davis. Er hat anhand von Familiennamen untersucht, wie sich Reichtum und Armut über mehrere Jahrhunderte in England, den USA, Schweden, Indien, Japan, Korea, China, Taiwan und Chile vererben. Sein Ergebnis, heuer im Buch „The Son Also Rises“ (Princeton University Press) zusammengefasst, ist ernüchternd: In all diesen Gesellschaften ist die soziale Mobilität viel geringer, als es herkömmliche Studien, die auf Einkommensstatistiken beruhen, glauben machen.

Familienbande ist stärker als alles, argumentiert Clark. „Entgegen der allgemeinen Annahme haben die Einführung kostenloser staatlicher Bildung Ende des 19. Jahrhunderts, die Verringerung von Nepotismus in der öffentlichen Verwaltung und in privaten Firmen die soziale Mobilität nicht erhöht. Auch gibt es kein Anzeichen dafür, dass modernes Wirtschaftswachstum das getan hat. Die Ausweitung des Wahlrechts auf immer größere Gruppen hatte ebenfalls keine Wirkung. Sogar die steuerliche Umverteilung im 20.Jahrhundert in den USA, dem Vereinigten Königreich und Schweden hatte offensichtlich keinen Einfluss.“ Und er hinterfragt einen Zusammenhang, der in der politischen Debatte stets außer Zweifel steht: „Es gibt kein Anzeichen dafür, dass Ungleichheit mit der Rate sozialer Mobilität verbunden ist.“

Dem würden viele andere Ökonomen laut widersprechen. „Größere Einkommensungleichheit in der Gegenwart führt dazu, dass der familiäre Hintergrund eine größere Rolle dabei spielt, was junge Menschen selbst als Erwachsene erreichen können“, schreibt zum Beispiel Miles Corak (University of Ottawa) in einer 2013 erschienenen Studie für das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Er hat Einkommensungleichheit und die Unterschiede der Einkommen zwischen Vätern und ihren Söhnen in mehreren Staaten in Beziehung zueinander gesetzt. Daraus ergibt sich ein Bild, das in den vergleichsweise egalitären nordischen Gesellschaften hohe Aufstiegschancen für ärmere Kinder zeigt und umgekehrt die geringste soziale Mobilität in den USA und Großbritannien. Natürlich könne man daraus keinen simplen kausalen Zusammenhang schließen, warnt Corak. Das zeigt zum Beispiel der Umstand, dass Australien und Italien ähnlich hohe Einkommensungleichheit, aber unterschiedliche Aufstiegschancen aufweisen.

Kann man also nichts tun, um den Aufstieg von unten zu erleichtern? Doch, schreibt Clark – vor allem, wenn marktwirtschaftlichen Gesellschaften etwas am Leistungsprinzip liegt. Der angeborene soziale Vorsprung der Oberschicht schrumpft zwar nur langsam, aber er währt nicht für immer. Vor allem seit Beginn der industriellen Revolution vererbt sich Reichtum viel seltener als zuvor. „Wenn der Rang in der Gesellschaft großteils das Ergebnis des Erbes von Talent ist, verbunden mit einer Dosis reinen Glücks, wieso sollten wir dann die Belohnung für diese Lotteriegewinner vergrößern wollen?“, mahnt er. Sein Ratschlag an die Politik: Reißt Grenzen zwischen den Klassen und Ethnien ab! „Wenn eine Gesellschaft langfristig die soziale Mobilität erhöhen will, muss sie jene kulturelle Mischung erreichen, die Eheschließungen zwischen sozialen Gruppen ermöglicht“, schreibt er.


Nordische Vorbilder. Will die Politik die Chancen für den Aufstieg aktiv fördern, muss sie es jungen Eltern erleichtern, Beruf und Familie zu vereinen. Das zeigt ein Vergleich amerikanischer und kanadischer Schulkinder aus dem Jahr 2011. In Kanada gibt es bezahlten Karenzurlaub und flexible arbeitsrechtliche Bestimmungen für die Kinderbetreuung, in den USA nicht. Kanadische Kinder sind körperlich und seelisch wesentlich gesünder als amerikanische: eine wichtige Voraussetzung für schulischen und späteren beruflichen Erfolg.

Clark lobt die nordischen Staaten: „Sie scheinen ein gutes Modell dafür anzubieten, wie man ohne große wirtschaftliche Kosten jene Ungleichheiten des Lebens verringert, die aus geerbten sozialen Positionen stammen.“ Eine Studie des norwegischen Ökonomen Bernt Bratsberg aus dem Jahr 2007 bringt das auf den Punkt: In Finnland, Norwegen und Dänemark ist es wie überall vorteilhaft, Sohn eines reichen Vaters zu sein. Aber: Wer dort arme Eltern hat, schafft es viel öfter nach oben als fast überall sonst auf der Welt.

Fakten

Die Messfrage. Wie misst man Aufstiegschancen? Üblicherweise vergleicht man dazu die Einkommen von Söhnen mit jenen ihrer Väter. Diese Zahlen lassen sich aus Statistiken über die Einkommensteuer gewinnen; sie liegen in vielen Staaten vor, sind ziemlich genau und ermöglichen damit gute Schlüsse.

Die Kausalitätsfrage.In fast allen westlichen Staaten kann man seit rund 30 Jahren feststellen, dass die Einkommen und Vermögen immer ungleicher ausfallen. Kann man daraus den Schluss ziehen, dass Ungleichheit die Ursache für geringere Aufstiegschancen ist? Nicht mit Gewissheit; Korrelation bedingt nicht immer Kausalität. Man kann aber sehen, dass dort, wo die Ungleichheit hoch ist, die Aufstiegschancen für Ärmere meist geringer sind als in egalitären Gesellschaften.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2014)

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