Seit hundert Jahren Mah-Jongg

Historikerin Marie-Theres Arnbom befasst sich in ihrem jüngsten Buch mit Bad Ischl. Ihre Familie verbringt bis heute ihre Sommerfrische im Salzkammergut.

Marie-Theres Arnbom (hier in Pötzleinsdorf) führt in ihrem neuen Buch auf verschiedenen Wegen durch Bad Ischl.
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Marie-Theres Arnbom (hier in Pötzleinsdorf) führt in ihrem neuen Buch auf verschiedenen Wegen durch Bad Ischl.
Marie-Theres Arnbom (hier in Pötzleinsdorf) führt in ihrem neuen Buch auf verschiedenen Wegen durch Bad Ischl. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Es ist eine frühe Erinnerung von ihr, verbunden mit einem ganz bestimmten Gefühl: Wie ihre Urgroßmutter und ihre Freundinnen zusammensitzen und sich Geschichten erzählen, „ich als Drei- oder Vierjährige sitze daneben und höre zu.“ Seither interessiert sich Marie-Theres Arnbom für Geschichte. Für Bad Ischl sowieso. In St. Gilgen im Salzkammergut verbringt ihre Familie seit hundert Jahren ihre Sommer, und Ischl ist die Metropole dazu. „Als ich klein war, war meine Großtante immer in Ischl im Hotel Post und fragte, was sie aus der Stadt aufs Land uns mitbringen soll.“ Es wurden dann Oblaten vom Zauner und frisches Obst. Umgekehrt gehört der Besuch auf dem Markt in Ischl bis heute zum Wochenritual.

Später führten auch Arnboms Interessen für Operette und jüdische Geschichte sie immer wieder ins Salzkammergut. „Es ist einfach schön, es hat Flair“ – und es gebe auch abseits des Kaisers viel zu erzählen. 40 Villen hat sich Biografieliebhaberin Arnbom für ihr neues Buch vorgenommen, erzählt wird die Geschichte der einstigen Bewohner. „In Ischl kann man lustigen, exzentrischen Leuten aus dem Vollen schöpfen.“

Darunter finden sich naturgemäß nicht nur Bad Ischler. Man kam aus Berlin und Siebenbürgen; ein Linzer Industrieller, der in Indien Hochöfen baute, reiste stets eigens aus Kalkutta an, und auch der König von Siam legte auf seinem Weg von Rom zum Kaiser in Wien eine Station in Bad Ischl ein. Dort spielte die Kurkapelle die siamesische Hymne, dem König wurde eine nachgespielte Bauernhochzeit geboten, komplett mit Schuhplattlern und Ischlern auf Leiterwägen, die sich ihm zu Ehren quasi selbst verkörperten. Der hohe Gast habe sich sehr amüsiert gezeigt, berichteten die Zeitungen. Das, sagt Arnbom, könne sie sich wiederum lebhaft vorstellen. „Er muss gedacht haben, er ist auf einem anderen Stern.“

„Man muss schmutzig werden“

Für ihre Recherche hat sich die Historikerin wieder einmal in Primärquellen vergraben. Um in das Leben von einst einzutauchen, so ihre Überzeugung, müsse man sich bewegen, „geistig und körperlich, man muss mit Menschen sprechen und in Archiven schmutzig werden.“ Mit ihrem Mann, dem Jungmann-&-Neffe-Stoffhändler und Großbürgertumsexperten Georg Gaugusch, reist sie dafür oft quer durch Europa. Für Ischl hat sie Grundbuch und Urkundensammlung, Arisierungs- und Restaurationsakten durchforstet. Letztere seien geradezu skandalös. „Die Restauration hat oft genauso lang gedauert wie die Zeit der Enteignung durch die Nazis.“ Viel habe sie auch aus der Zeitung erfahren: Auf Anno, die Volltextsuche der Nationalbibliothek in historischen Blättern, könne man „nicht oft genug verweisen“.

Apropos Primärquellen: Dass sie die Kurrentschrift lesen kann, hat Arnbom just ihrem Mathematiklehrer zu verdanken, der zwar überaus gescheit und rührend, aber didaktisch eher unfähig gewesen sei. Sie habe sich jedenfalls so fadisiert, dass sie stundenlang die im Lehrbuch abgebildeten Kurrentbuchstaben der Vektoren nachgezeichnet habe. „An der Uni war ich dann die Einzige, die das noch lesen konnte.“

In ihrem jüngsten Buch führt sie nun auf sieben Wegen durch Ischl, es eigne sich daher auch gut für Spaziergänge, „wenn es nicht schüttet, aber auch nicht schön ist, typisches Ischler Wetter halt.“ Die Sommerfrische dort sei seit jeher geruhsam und ritualisiert. „Man saß auf der Veranda oder ging flanieren, spielte Karten und trank Tee.“ Letzter Schrei in den Zwanzigerjahren war das Spiel Mah-Jongg, Fritz Löhner-Beda komponierte sogar einen Schlager dazu. Das im Buch abgebildete Spiel aus 1924 gehört übrigens ihrer Familie. „Zumindest bei uns hat sich die Mode erhalten, bei uns wird es bis heute jeden Abend gespielt.“

Zum Buch:

Marie-Theres Arnbom „Die Villen von Bad Ischl. Wenn Häuser Geschichten erzählen“, Amalthea-Verlag, 272 Seiten, 25 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2017)

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