Pharma-Industrie in Transformation

Round Table. Innovation der pharmazeutischen Industrie muss in Europa zuhause sein und darf nicht abwandern. Dieses Ziel stellt in Zeiten der Globalisierung und des Brexit eine große Herausforderung dar.

Martin Munte, Nathalie Moll und Alexander Herzog diskutierten über den Wettbewerb in der Pharmaindustrie.
Martin Munte, Nathalie Moll und Alexander Herzog diskutierten über den Wettbewerb in der Pharmaindustrie.
Martin Munte, Nathalie Moll und Alexander Herzog diskutierten über den Wettbewerb in der Pharmaindustrie. – Richard Tanzer

Der Wettbewerb in der Pharmaindustrie wird globaler. „Was bisher ein Zweikampf zwischen USA und Europa war, wird zum Dreikampf, in dem Asien zu einem starken Mitstreiter heranwächst“, sagte Nathalie Moll, Direktorin von efpia, dem europäischen Dachverband der nationalen Verbände und forschender Pharmaunternehmen (European Federation of Pharmaceutical Industries and Association) mit Sitz in Brüssel.

Die Biochemikerin mit britisch-italienischen Wurzeln war zu Gast beim Round Table von der „Presse“ und Pharmig, der Vertretung der pharmazeutischen Industrie in Österreich mit rund 120 Unternehmen als Mitgliedern. Martin Munte, Pharmig Präsident, und Alexander Herzog, Pharmig Generalsekretär, komplettierten die Diskussionsrunde, die von „Presse“-Redakteur Nikolaus Jilch geleitet wurde.

China Parole bieten

„In Relation zur Landesgröße ist die pharmazeutische Industrie in Österreich riesig“, sagte Alexander Herzog. „Rund 18.000 hochqualifizierte Arbeitskräfte sind direkt in der Pharmaindustrie beschäftigt. Die Pharmabranche zählt hierzulande zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen.“ Auch Nathalie Moll streute Österreich Rosen: „Vor allem im Bereich pharmazeutische Forschung und Entwicklung zählt Österreich zu den Top-Nationen in Europa.“ Damit trage die hier ansässige Pharmaszene aktiv dazu bei, dem stärker werdenden asiatischen Markt die Stirn zu bieten. Allerdings fehle es häufig an Geld, um die guten Forschungsergebnisse in gute Produkte umzusetzen.

A. Herzog, Pharmig Generalsekretär.
A. Herzog, Pharmig Generalsekretär.
A. Herzog, Pharmig Generalsekretär. – Richard Tanzer

Hergestellt werden die innovativen Produkte meist woanders.Schuld daran trage mitunter das Gesundheitssystem, das auf die Veränderungen, die Innovationen mit sich bringen, nicht ausreichend vorbereitet ist. „Österreichs Gesundheitssystem ist hervorragend und gleichzeitig kostenintensiv.“ Es weist eine hohe Spitalslastigkeit auf. Viele der dort durchgeführten Behandlungen könnten auch im niedergelassenen Bereich passieren. Mit einem schlankeren System und neuen Finanzierungsmodellen würde mehr Geld für Innovationen zur Verfügung stehen.

„Ich vermisse die Verbindung zwischen den einzelnen Sektoren“, sagte Martin Munte. „Innovationen müssen breiter gedacht werden und nicht immer nur für den einzelnen Bereich, dem sie Vorteile bringen.“ Er wünsche sich eine Zusammenarbeit der Interessengruppen aus allen Bereichen des Gesundheitswesens und der Industrie, um die Vorteile der Innovation zu nutzen. Munte setzt sich auch für eine gesamtwirtschaftliche Nutzenevaluierung von Innovationen ein, von der letztlich alle Träger profitieren würden.

Pharma im Umbruch

Laut den Experten werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren einige vielversprechende Medikamente verfügbar sein. Laut efpia-Statistik befinden sich mehr als 7000 Arzneimittel in der Pipeline, die zu erheblichen Verbesserungen bei vielen Krankheiten beitragen sollen. Im Zentrum stehen priorisierte Krankheitsbereiche mit hohem Innovationsbedarf.

Deshalb überrascht es wenig, dass sich in der Krebsforschung am meisten tut, aber auch bei neurologischen Störungen, Infektionskrankheiten und immunologischen Störungen laufen die Entwicklungen neuer Arzneimittel auf Hochtouren. Zudem kommen in den nächsten Jahren zahlreiche neue Produkte für Herz-Kreislauf Störungen, psychische Störungen, Diabetes sowie HIV/Aids auf den Markt.

Nathalie Moll, Direktorin von efpia.
Nathalie Moll, Direktorin von efpia.
Nathalie Moll, Direktorin von efpia. – Richard Tanzer

„Wir befinden uns im Moment in einer spannenden Transformation“, sagte Nathalie Moll. „Die Arten der Therapien verändern sich und sind in der Lage, bisher unerfüllte Bedürfnisse zu befriedigen. Sie bringen für Patienten und Gesellschaft deutliche Verbesserungen.

Beispielsweise ermöglichen Gentherapien, dass bestimmte Zellen derart verändert werden können, dass sie Tumorzellen erkennen und zerstören. Bei neuen Zelltherapien bekommt der Patient lebende Zellen verabreicht, die beschädigtes Gewebe reparieren. Zudem werden Kombinationstherapien zum Trend, die die Wirksamkeit verstärken und zu einer Steigerung der Lebensqualität beitragen.

„Die Zeit der Pillen neigt sich dem Ende zu“, prophezeite Moll. „Die Medikamente sind nicht mehr synthetisch, sondern es handelt sich um biologische Produkte.“ Mit den Pillen wurden Symptome behandelt. Wenn man Kopfweh hatte, nahm man eine Tablette. Moderne Migräne- Behandlungen wirken präventiv, sodass der Patient erst gar nicht Kopfweh bekommt. „Es ist ein völlig neuer Zugang der Behandlung und verändert den Wert der gesamten Therapie“, so Moll.

Viele Hausaufgaben

Die Pharmig bemüht sich gegenwärtig darum, die Hintergrundmechanismen zu veranschaulichen und aufzuzeigen, was benötigt wird, um die Pharmaindustrie zu unterstützen. „Jedes neue Produkt, das die pharmazeutische Industrie auf den Markt bringt, reduziert die Gesamtkosten, unabhängig davon, wie teuer dieses Arzneimittel ist“, sagte Pharmig Generalsekretär Alexander Herzog.

Wichtig wird es sein, die Fortschritte der Pharmaforschung als auch die Transformation richtig zu kommunizieren. Damit Innovationen schnellen und effektiven Zugang zum Patienten haben, müssen Politik und Pharmaindustrie an einem Strang ziehen. Den Innovationen müsse eine neue Wertschätzung entgegengebracht werden. Außerdem sind verbessere Regulierungen notwendig. „In Europa ist der Gesundheitssektor der am stärksten regulierte Sektor“, sagte Moll. „Das garantiert zwar eine hohe Qualität, führt aber auch zu Einbußen in der Wettbewerbsfähigkeit.“

Martin Munte, Pharmig Präsident.
Martin Munte, Pharmig Präsident.
Martin Munte, Pharmig Präsident. – Richard Tanzer

Pharmig Präsident Munte wünscht sich Entlastung in der Verwaltung  „Österreich muss den Spagat bewältigen, auf der einen Seite europäisch aufzutreten, sich auf der anderen Seite aber auch abzuheben und sich in der EU als optimaler Standort für Pharmakonzerne und Fachkräfte zu präsentieren, um Innovationen im Land zu halten.“ In der Vergangenheit sei man da nicht laut genug aufgetreten, wie der geplatzte EMA-Deal zeige. Die Europäische Arzneimittel-Agentur suchte nach einem neuen Standort am europäischen Kontinent. Österreich buhlte um den Zuschlag, den letztlich die Niederlande erhielten. Damit sind der heimischen Wirtschaft Geld und Jobs entgangen.

Alexander Herzog merkte an, dass die österreichische Regierung zwar die ersten richtigen Schritte gesetzt habe. „Aber es wäre notwendig, dass sie noch patientenorientierter agieren würde und das dem Patienten auch vermittelt.“ Herzog wünscht sich eine weniger emotionsgeladene, dafür stärker datenbasierte Diskussion im Medikamentensektor. „Am allerwichtigsten ist, jeden möglichen Schritt zu unternehmen, dass Österreich den Status als erstklassiges F&E-Land behält, in dem die Industrie die Hauptaufgaben übernimmt, um Innovationen voranzutreiben und immer mehr innovative Produkte in der Pipeline hat.“

Fragezeichen Brexit

Angesichts des Brexit sind die anstehenden EU-Wahlen für die pharmazeutische Industrie von höchster Bedeutung. Viele Pharmaprodukte kommen aus UK. „Trotz Brexit muss Stabilität gewährleistet sein. Uns geht es in erster Linie um die Patientenversorgung“, sagte Moll. Zwischen England und dem europäischen Festland herrscht ein reger Austausch von Arzneimitteln und Medizinprodukten. Viele davon vertragen keine Unterbrechungen der Lieferkette. Die Industrie hätte ihre Hausaufgaben erledigt und sei auf den schlimmsten Fall vorbereitet. Ein dichtes Partnernetzwerk soll helfen, die Versorgung auch bei Engpässen bestmöglich zu garantieren.

„Aber es gibt viele Faktoren, die nicht in unserer Macht stehen, wie Staus, Streiks usw.“, meinte Martin Munte. „Die europäische Politik muss sich bewusst sein, dass sie jene Sektoren unterstützen muss, die auch die europäische Wirtschaft voranbringt.“

INFORMATION

Der Round Table zum Thema „Transformation“ fand auf Einladung der „Presse“ statt und wurde finanziell unterstützt von Pharmig – Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs.


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