„Eine Generation von Egoisten sieht anders aus"

Caritas-Chef Michael Landau und sein Bruder, der Bildungsreformer Daniel Landau, im Gespräch über den Wert von Solidarität, die Visionslosigkeit der Regierung - und den mangelnden gegenseitigen Respekt in der Politik.

Daniel und Michael Landau
Daniel und Michael Landau
Daniel und Michael Landau – (c) Luiza Puiu

Michael und Daniel Landau zur selben Zeit an einen Tisch zu bringen, ist nicht ganz einfach. Die Brüder sind viel beschäftigt. Der ältere, Michael, als Caritas-Direktor; der jüngere, Daniel, als umtriebiger Grünen-naher Bildungsnetzwerker, Restaurantbetreiber und Lehrer. Zwei Tage sind sie dieses Jahr gemeinsam beim Forum in Alpbach. (Daniel zum zweiten Mal, Michael überhaupt zum allerersten Mal), wo sie „Die Presse" zum morgendlichen Interview gebeten hat. Rasch müssen noch Telefonate erledigt und immer wieder vorbeikommende Forumsgäste begrüßt werden. Ein rascher Blick auf die Uhr, bald geht der Zug zurück nach Wien, wo Daniel heute noch ein Vernetzungstreffen hat. Dann trinken die beiden Kaffee - gestern ist es doch etwas später geworden - mit Milch und noch mehr Zucker.

Die Presse: Michael und Daniel Landau gemeinsam beim Frühstück. Gibt es das im echten Leben auch - oder braucht es da schon besondere Anlässe, damit es sich zeitlich ausgeht?

Michael Landau: Wir bemühen uns beide, dass wir uns regelmäßig sehen können, um gemeinsam zu frühstücken oder Mittag zu essen. Ich komme auch am Abend gern zu Daniel in sein Lokal, wenn ich es schaffe. Mir ist das auch wichtig. Ich bin gerne mit Daniel zusammen. Ich sehe das als Geschenk. Denn wie wir wissen, kann Familienleben auch sehr kompliziert sein.
Daniel Landau: Wenig überraschend gebe ich dieses Kompliment zurück. Vieles findet auch am Telefon statt. Wir telefonieren meist täglich. Da passiert auch inhaltlich viel.
Michael Landau: Ich diskutiere mit Daniel viel über die Dinge, die mich bewegen. Oder auch über Bildungsfragen und seine Ideen dazu. Das ist bereichernd. Ich nehme aus den Gesprächen sehr viel mit, ich lerne sehr viel dazu.


Sind Sie bei inhaltlichen Diskussionen da rasch einer Meinung, oder gibt es da harte Auseinandersetzungen?

Daniel Landau: Eigentlich haben wir bei vielen Themen einen überraschend hohen Deckungsgrad in unseren Einschätzungen und Ansichten.


Der katholische Pfarrer und der Grünen-nahe Bildungsreformer, da würde man sich den hohen Deckungsgrad nicht per se erwarten. Was eint Sie?

Daniel Landau: Ich weigere mich, mich auf dem grünen ideologischen Hintergrund auszuruhen. Ich will im Gegenteil in den Bereichen, für die ich kämpfe - Bildung, Soziales - eher das Verbindende zu anderen Parteien und Gruppierungen suchen. Das ist auch das, was Michael und mich eint: die Überzeugung, dass es ganz wichtig ist, sich um ein gutes Miteinander zu bemühen und auch auf die Menschen zu schauen, die - Michael kann sich da besser ausdrücken - an den Rändern der Gesellschaft leben. Uns eint, dass wir, wenn wir Missstände sehen, nicht die Natur haben, einfach wieder wegsehen zu können.
Michael Landau: Mich schmerzt, dass es in Österreich Menschen gibt, die nicht wissen, wie sie ihren Alltag bewältigen sollen und dass ich Signale wahrnehme, die wegführen von einer Gesellschaft, in der man aufeinander achtet. Anderseits habe ich so oft Anlass zu Optimismus - wenn ich an meine praktischen Erfahrungen aus der Caritas-Arbeit und an die vielen Jugendlichen denke, die sich sozial engagieren.


Das Bild, das von der jungen Generation gezeichnet wird, ist gemeinhin ein anderes, weniger positives.

Michael Landau: Eine Generation von Egoisten sieht anders aus. Aber die Grundmelodie „Geiz ist geil", die ist auch da. Und da sind sich, glaube ich, Daniel und ich einig: Wie eine Gesellschaft mit den Menschen umgeht, die an den Rändern leben, dafür ist jeder einzelne mitverantwortlich. Es geht uns als Gesellschaft erst wirklich gut, wenn es auch denen gut geht, die an brüchigen Orten leben. Aus dieser Verantwortung darf sich keiner davonstehlen. Denn wenn wir aufeinander schauen, dann leben wir in einer besseren, lebenswerteren, zukunftstauglicheren Gesellschaft, in der es auch mir selbst besser geht.


Wie kann man den Menschen das vermitteln?

Michael Landau: In unserem Fall hat es, glaube ich, viel mit unserem eigenen Elternhaus zu tun. Der Vati hat sich immer furchtbar ärgern können über Dinge, die er ungerecht fand. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob wir bezüglich der Dinge, der er ungerecht fand, immer einer Meinung waren mit ihm. Aber er hat uns vorgelebt, dass man nicht wegschaut, wenn es einem anderen schlecht geht. Sondern, dass man da hinschaut und was tut.
Daniel Landau: Ich ziehe es mal auf mein Feld, die Bildung: Ich glaube, dass wir es in der Gesellschaft schaffen können und müssen, Win-Win-Situationen herzustellen. Wenn man gelungene Bildung auf einen einzigen Grundsatz herunterbrechen müsste - was sehr schwierig ist -, dann wäre es für mich wohl der, dass Bildung dann gelungen ist, wenn wir es schaffen, wirklich jedes Kind wertschätzend zu fordern und zu fördern. Nur, wenn wir jeden maximal fördern, können wir jeden auch zur Teilhabe ermächtigen. Und das ist ganz entscheidend für eine gelungene Gesellschaft: möglichst viele Menschen zur aktiven Teilhabe zu ermächtigen.
Michael Landau: Das dockt stark an unsere Arbeit bei der Caritas an. Bildung ist eine wesentliche Möglichkeit zu verhindern, dass Armut weitervererbt wird. Das Ziel, dass möglichst alle Menschen auf die Bildungsreise mitgenommen werden, können wir nur erreichen, wenn wir alle Talente, die in unserem Land da sind, nutzbar machen. Das ist auch das Spannende in Alpbach: Hier kommen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Ideen und Talenten zusammen, setzen sich bis spät in die Nacht an einen Tisch und ringen um Perspektiven. Diese gemeinsamen Perspektiven halte ich auch gesamtgesellschaftlich für so wichtig. Da knüpft auch die Botschaft an, die ich in Alpbach gerne vermitteln wollte: „Es gibt gute wirtschaftliche Gründe, auf das Soziale zu achten. Und es gibt gute soziale Gründe, wirtschaftlichem Denken Raum zu geben." Dafür brauchen wir gemeinsame Perspektiven. Und das geht eben nur im inhaltlichen Ringen und im Dialog.


Kann man sich noch darauf verlassen, dass sich die Politik dieser Perspektiven annimmt? Oder müssen wir uns da emanzipieren und uns selbst darum kümmern?

Michael Landau: Wir dürfen diese beiden Komponenten nicht gegeneinander ausspielen. Etwa im Sozialbereich: Die persönliche Verantwortung des Einzelnen entbindet den Staat nicht davon, strukturell Verantwortung zu übernehmen, einen armutssicheren Sozialstaat zu schaffen. Der Sozialstaat ist kein beliebig verschlankbares Anhängsel des Wirtschaftsstandorts. Sondern er ist eine Investition in den Zusammenhalt, in die Zukunft der Gesellschaft.
Daniel Landau: Wenn wir Solidarität fordern, wird es zuallererst unsere Aufgabe sein, alle Menschen auch in die Lage zu versetzen, solidarisch sein zu können.
Michael Landau: Das stimmt. Ich kann zum Beispiel von einer alleinerziehenden Mutter, die selbst kaum über die Runden kommt, nicht auch noch verlangen, sich solidarisch um andere zu kümmern.
Daniel Landau: Aber jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Solidarität, solange man es ihm nicht abgewöhnt. Mein Idealbild ist folgendes: dass wir jene Menschen, die jetzt unsere Solidarität brauchen, dazu befähigen, sich später selbst solidarisch zu verhalten. Dafür braucht es staatliche Strukturen. Das muss die Regierung leisten.
Michael Landau: Gerade heute (der Tag nach dem ÖVP-Machtwechsel, Anm.) sage ich: Jede Umbildung bietet die Chance, sich wieder gemeinsam auf die Suche nach den besten Ideen zu machen und wieder um Perspektiven zu ringen. Und das vermisse ich oft bei der Regierung. Die Politik muss wissen, wo die Reise hingeht und welche Ziele es sind, die die Anstrengung wert wären.
Daniel Landau: In allen politischen Bereichen von der Bildung bis zum Sozialen wäre es wichtig, dass die vielen Ideen, die da aus den verschiedensten Gruppen, Initiativen und Netzwerken kommen, auch gehört werden und die Regierungsarbeit einfließen. Das - nennen wir es: guten Lobbyismus - muss besser gelingen.
Michael Landau: Ich stelle mir oft die Frage: Gelingt es uns, die politische Diskussion so respektvoll zu führen, wie es für den Zusammenhalt auch wichtig wäre? Der Bundespräsident hat das bei der Trauerfeier für Barbara Prammer erwählt: Wie gehen wir mit denen um, die im Land politische Verantwortung übernehmen? Dem Gegenüber mit Respekt zu begegnen, ist wichtig. Nur dann werden wir die Menschen dazu bewegen, sich für das große Ganze zu engagieren.


Welche Perspektive nehmen Sie aus Alpbach mit nach Hause?

Michael Landau: Diese bunten Gesprächsrunden, die oft unerwartete Ergebnisse bringen, zeigen, wie wichtig es ist, bei anderen nicht in erster Linie auf Defizite zu schauen, sondern sich zu fragen, was jeder Einzelne einbringen kann, damit Dinge gelingen.
Daniel Landau: Eine Veranstaltung hat mich besonders positiv gestimmt. Dort wurde eine Studie vorgestellt, die zeigt, dass Jugendliche einen positiven Blick auf die Zukunft haben, noch positiver als andere Bevölkerungsgruppen. Ich finde, das ist eine Frohbotschaft!

Kommentar zu Artikel:

„Eine Generation von Egoisten sieht anders aus"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen