Jungliterat: „Alpbach ist zum Sehnsuchtsort stilisiert worden“

Bergdorf. Der gebürtige Alpbacher Robert Prosser über das Forum als Parallelwelt, das Bild des Anzugträgers und Suff, Bigotterie und Patriarchat.

Robert Prosser
Robert Prosser
Robert Prosser – (c) Katharina Roßboth

Die Presse: Würden Sie heute übers Forum schreiben: in welche Richtung würde es gehen?

Robert Prosser: Dahin, dass die Kultur und die Künstler aus dem Fokus gerückt sind. Bis in die 1960er Jahre hatte es in diesem Sinn eine enorme Strahlkraft, auch eine gewisse Explosivität durch die Menschen, die hier waren.

Fehlt das heute?

Ja. Überspitzt gesagt: Alpbach ist ein Dorf der Denker – meinetwegen. Aber wo sind die Dichter hin? Verschiedenste Künste laufen wie Geisteswissenschaften unter ferner liefen. Die Initiativen abseits des offiziellen Programms, die von Stipendiaten ausgehen, scheinen aber ein gutes Mittel dagegen zu sein.

Über die Gründungszeit schreiben Sie: Alpbach war doch nicht so verschlafen, wie man meinte.

Das Forum ist ja der französischen Besatzungsmacht als demokratisches Projekt verkauft worden – in Alpbach, weil das Dorf vom Nazi-Regime überhaupt nicht berührt gewesen sei. Was nicht stimmt: Bis 1945 gab es ein Lager für vorwiegend ukrainische Kriegsgefangene, mit Nazis, die zu alt für die Front waren, als Wächter. Und es gab auch Widerstand, Bauernsöhne, die nicht einrücken wollten und sich auf einer Alm versteckten.

Hat man den Ort da als etwas gesehen, was es nicht ganz ist?

Er ist sicher zu einem Sehnsuchtsort stilisiert worden: das abgeschiedene Tal. Und das ist bis heute so: So, wie die Forumsteilnehmer in das Bild des Anzugträgers gepresst werden, funktioniert es auch andersrum: die Bauern, die Bergler. Beides fußt auf einem wahren Aspekt, aber so simpel ist es natürlich nicht.

Greift der Geist des Forums irgendwie auf das Dorf über?

Nicht wirklich. Wenn man es mit dem Massentourismus im Winter vergleicht, ist das Forum sicher weitaus sinnvoller, um das Dorf zu beleben. Aber für Einheimische ist es in erster Linie touristisch interessant.

Sehen Sie das als Parallelwelt?

Ich empfinde es schon als eine Art Parallelwelt. Wo sich das Forum und das Dorf derzeit am ehesten verbinden, ist bei den jungen Leuten. Die treffen aufeinander, da ist die gegenseitige Feierlaune hoch. Es muss aber möglich sein, dass die Leute aus der Region die Angebote mehr nützen können.

Bräuchte es so etwas wie Stipendien für die Alpbacher?

Man könnte aus dem Kulturprogramm mehr herausholen. Junge Musiker oder DJs könnten mit der Blasmusik spielen. Dass sich Theatergruppen zusammenfinden. Man könnte mit diesen Bergbauernklischees spielen, das würde sich künstlerisch sehr anbieten.

A propos Bergbauernklischees: Schöpfen Sie für Ihre literarische Arbeit aus Ihrer Heimat?

Schon: Mein erster Roman spielt zwar in Armenien, aber in den Bergen. Und je mehr ich mich eingearbeitet habe, desto klarer ist mir geworden, dass diese Welten gar nicht so unterschiedlich sind.
 
Inwiefern?

Berge, egal ob in Tirol oder im Kaukasus, stellen eine Welt dar, die von Archaik und Gewalt geprägt ist und nichts mit romantischen Idealen zu tun hat. Ältere Alpbacher, die das Buch gelesen haben, haben sich sehr an ihre eigene Jugend erinnert gefühlt. Patriarchale Ordnung, Suff, Bigotterie, der Drang, wegzukommen und doch nicht loslassen zu wollen, eine gewisse Freiheit und Autonomie, die Gemeinschaft, die in einem abgelegenem Tal eng zusammenwächst, mit sich und der Natur, das alles gab's hier in Tirol ja auch, und gibt es vereinzelt noch.

Zur Person

Robert Prosser (30) hat im Klever Verlag bisher drei Bücher veröffentlicht: den Roman Geister und Tattoos (2104) sowie die Prosabände Feuerwerk (2011) und Strom (2009). Prosser hat u.a. 2014 den Reinhard-Priessnitz-Preis erhalten. Er ist gebürtiger Alpbacher und hat in Innsbruck und Wien Kultur- und Sozialanthropologie und Komparatistik studiert. Mehr: robertprosser.at

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