Asylkrise: „Universitäten sollen sich einbringen“

Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) will erneut über Studiengebühren diskutieren.

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Reinhold Mitterlehner – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Herr Minister, wie gern mögen Sie denn die Unis?

Reinhold Mitterlehner: Ich mag die Unis sehr gern. Das ist vielleicht überraschend, weil manche den Eindruck gehabt haben, dass ich den Wissenschaftsbereich ungern übernommen habe. Ganz im Gegenteil.

Rektorenchef Heinrich Schmidinger hat vor Kurzem gesagt: „Ich glaube, er mag uns auch irgendwie.“ Und damit eigentlich gemeint, dass die Unis völlig ins Hintertreffen geraten sind.

Im österreichischen Uni-System ist Autonomie der bestimmende Faktor. Als Minister habe ich hauptsächlich die Aufgabe, die Finanzierung und eine gewisse Steuerung sicherzustellen. Und beides machen wir. Öffentlichkeitswirksame Fragen wie Zugang und Studiengebühren werden natürlich diskutiert. Aber ansonsten ist das relativ thematisch eingeengt.

Die Rektoren vermissen eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit Hochschulpolitik.

Wir führen diese Diskussion – vielleicht nicht mit öffentlicher Begleitmusik. Ich bin der Meinung, dass wir mehr Internationalisierung brauchen, auch eine bessere Profilbildung. Sicher auch mehr Kooperation zwischen Unis und Fachhochschulen. Und sicher auch mehr Wettbewerb.

Im „Sommergespräch“ haben Sie kein einziges Mal das Wort Wissenschaft in den Mund genommen.

Die Fragen stellt ja der ORF. Ich hätte mir auch einen größeren Stellenwert für das Thema Wissenschaft gewünscht. Letztes Jahr hatte es diesen. Und da haben wohl Zuschauer reklamiert, dass das zu fad war. Das ist das Problem: dass die Forschung in Österreich nicht den Stellenwert hat, den sie in anderen Ländern hat.

Wäre nicht das auch Ihr Job?

Da müssen alle zusammenhelfen. Das ist auch eine Angelegenheit der Unis. Und ich würde mir ebenso eine stärkere gesellschaftspolitische Positionierung erwarten. Der US-Ökonom Jeffrey Sachs hat in Alpbach gefordert, dass die Unis sich stärker bei der Lösung von globalen Problemen engagieren sollen. Ich finde schon, dass sie sich zu Themen wie Flüchtlingen einbringen könnten.

Was stellen Sie sich da vor?

Einerseits eine Stellungnahme: Dass an Unis seit Jahrhunderten Internationalisierung gelebt wird und dass man das daher auch als Chance sieht. Andererseits konkrete Ansätze, wie man den Migranten einen Zugang zum tertiären Sektor eröffnen kann.

Die Unis klagen, dass die 615Millionen Euro zu wenig seien. Haben sie nicht vielleicht doch recht?

Das ist die Summe, die von den Universitäten selbst genannt worden ist. Und ich finde, in Zeiten wie diesen, wo wir überall Budgets kürzen müssen, ist diese Erhöhung recht viel.

Die Rektoren drohen immer wieder, Studienrichtungen zu streichen. Wäre das so schlimm?

Das hat eben ein gewisses Drohpotenzial. Ich würde es nicht als dramatisch sehen, wenn wir stärker nachfrageorientiert agieren. Man kann nicht immer fortschreiben, was man immer gemacht hat. Im Sinn einer Effizienzsteigerung wird man bei Bereichen, die nicht die entsprechende Nachfrage haben, entsprechende Umstrukturierungen überlegen müssen.

Welche Fächer fallen Ihnen ein?

Ich hätte schon Vorschläge. Aber das liegt in der Uni-Autonomie.

Sie haben heute die Studiengebühren angesprochen.

Ich verstehe nicht, dass man in Österreich eine so negative Einstellung dazu hat. 45 Prozent der Studenten haben Eltern, die selbst studiert haben. Der Vorwurf ist, dass ererbte Bildung dominiert. Wenn ich dann keine Studiengebühren habe, zahlen auch die Arbeiter für diese Leute das Studium. Das ist ja auch sozialpolitisch falsch.

Werden Sie das so auch dem Koalitionspartner unterbreiten?

Sicher werden wir eine Diskussion über Studiengebühren führen müssen, und meiner Meinung nach sind Studienbeiträge auch zumutbar.

Sie haben heute gesagt: „Zugang zu Lehre und Forschung muss für alle gleich sein.“ Wie passt das mit Schranken zusammen?

Der Zugang muss gleich sein, aber nicht beliebig. Ich brauche eine gewisse Steuerung und muss Ungleichheiten identifizieren und das entsprechend konzentriert versuchen zu ändern.

Martin Unger vom IHS sagt, dass die neuen Zugangsschranken ältere, erwerbstätige Studierende abschrecken.

Ja, weil diese bewusster wählen. Ansonsten haben die Schranken nicht zu Veränderung der sozialen Zusammensetzung geführt.

Die Schranken in Medizin sind sozial selektiv. Muss man darüber nicht nachdenken?

Darüber machen wir uns Gedanken, deshalb entwickeln wir ja auch die Strategie, wie man soziale Selektion beim Hochschulzugang abbauen kann. Ich finde es gut, wenn wir da gesamthaft vorgehen.

Gerade Studenten aus bildungsfernen Familien fallen als erste aus dem System. Was wird man da tun?

Ich will hier nicht ein paar punktuelle Maßnahmen ankündigen. Wir haben vor, diese Strategie rasch zu verwirklichen und zu schauen, welche zielgerichteten Anreize und Betreuungsmöglichkeiten wir hier schaffen können.

Für Berufstätige wird ein Status Teilzeitstudierender wieder diskutiert. Kommt das jetzt?

Das ist nicht nur mit einem Rechtsbegriff lösbar. Die entscheidende Frage ist, dass das vollberufliche Studium eine Fiktion ist, die der Praxis nicht standhält. Die meisten haben daneben irgendeine berufliche Tätigkeit. Ich sehe den Schlüssel eher in den Angeboten der Unis. Diese sollen möglichst flexibel sein.

Die ÖH hat sich gewünscht, dass Sie für die Studierenden den Django spielen. Tun Sie das?

Auf wen soll ich schießen (lacht)?Die Frage ist, was sie damit gemeint haben. Wenn Sie sich anschauen, wie schnell wir das Hochschülerschaftsgesetz reformiert haben, wie wir die Frage nach dem Geld einigermaßen zufriedenstellend gelöst haben, dann sprechen die Strukturen für sich. Und ich bin auch weiter für gute Zusammenarbeit offen.

ZUR PERSON

Reinhold Mitterlehner (59) ist seit exakt einem Jahr Parteiobmann der ÖVP. Der Jurist war sowohl in der Wirtschaftskammer (als stellvertretender Generalsekretär) als auch im Wirtschaftsbund tätig. Im Jahr 2008 wurde der gebürtige Oberösterreicher als Wirtschaftsminister angelobt. Fünf Jahre später bekam er zu den Wirtschaftsagenden das Wissenschafts- und Forschungsressort dazu. Seit September 2014 ist Mitterlehner auch Vizekanzler.

Wie kann Österreich besser mit der Flüchtlingskrise umgehen? Diskutieren Sie mit im Themenforum

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2015)

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