Der Arzt, der Franz Fischlers Leben rettete

Ivo Fischer war bei der Gründung des Europäischen Forums dabei. Er erzählt von 30.000 Zigaretten für Bauern und einem Treffen mit der Queen.

Ivo Fischer
Ivo Fischer
Ivo Fischer – (c) Katharina Roßboth

Eine der dramatischeren Geschichten, die Ivo Fischer (88) erzählt, hat heute mehr mit Alpbach zu tun als damals, als sie sich zutrug. Es geht um Forumspräsident Franz Fischler: Dem rettete Ivo Fischer 1953 als junger Arzt das Leben. „Der Knecht hat den Buben aus Absam ins Spital nach Hall getragen“, erzählt er. Die Diagnose – akute Blinddarmentzündung – war klar, alle anderen Ärzte auf Mittagspause. Woraufhin Fischer erstmals allein einen Blinddarm operierte. „Eine halbe Stunde später, und der Bub wär' hin gewesen“, soll der Primar später gesagt haben. Feingefühl hin oder her: „Ohne Antibiotika waren Blinddarmdurchbrüche früher zu 50 Prozent tödlich“, sagt Fischer. Insofern hat er einen gar nicht so geringen Anteil daran, wie das Forum heute abläuft. Wobei: Als Gründungsmitglied hat er das ohnehin.

Seit 1945 war Fischer jedes Jahr dabei – mit einer Ausnahme. „Aber da habe ich alles via Stream im Internet verfolgt.“ So viel dazu, wie fit der 1,96-Meter-Mann ist. Neben dem Elektroroller, den er seit einer Hüftoperation braucht, steht in der Suite im Böglerhof der aufgeklappte Laptop. Und Fischer erzählt, wie er als Soldat eine Nacht lang Adolf Hitler beschützen musste – und es ihm bei der Erinnerung an die Begegnung bis heute kalt den Rücken hinunterläuft. Wie er mit dem späteren Papst Benedikt XVI. während des Weltkriegs in einer Kompanie diente („Er war der Kleinste, ich war der Längste.“). Und wie er mit nur einem Apfel im Gepäck nach Alpbach marschierte, um sich anzusehen, ob der Ort vielleicht geeignet wäre für die Hochschulwochen, die er mit den Molden-Brüdern plante.

„Endlich miteinander reden“

Dass Ivo Fischer an der Gründung des Forums beteiligt war, ergab sich durch einen Zufall: Gegen Kriegsende habe er bei einer Freundin in Innsbruck die Brüder Fritz und Otto Molden kennengelernt, erzählt der gebürtige Bregenzer. „Wir haben gesagt: Wenn der Krieg zu Ende ist, dann tun wir etwas dafür, damit es so etwas in Europa nie mehr geben kann.“ Fischers Slogan: „Wir müssen in Europa endlich anfangen, miteinander zu sprechen – und aufhören, aufeinander zu schießen.“
Es klingt abenteuerlich, wenn Fischer über die Anfänge des Forums erzählt. Vom Finden des richtigen Orts („Innsbruck ging nicht, das war völlig zerstört – vor lauter Staub knirschte es nach drei Sätzen zwischen den Zähnen.“), bis zur Organisation der Unterkunft für die 84 Studenten, die zu den ersten Hochschulwochen kommen sollten. Gelöst wurde das letztlich so: Der damalige Tiroler Landeschef – zu dem Fischer gute Kontakte hatte – forderte 30.000 Zigaretten an. Die dann als Bezahlung an die Bauern verteilt wurden: zehn bis 15 Zigaretten pro Nacht und Bett.

Berührungsängste habe man damals bewusst hintangestellt, sagt er – auch im Bezug auf Simon Moser, der bekanntlich mit dem rechtsnationalen Lager sympathisierte. „Wir waren der Meinung: Es nützt nichts, wenn nur wir Anti-Nazis zusammensitzen. Wir müssen auch die anderen hereinholen und sie überzeugen. Sie sollen erkennen können, dass so etwas nicht mehr sein darf.“ Was ihm vom ersten Forum in Erinnerung geblieben ist: „Dass es möglich war, mit Menschen aller Richtungen zu reden. Dass man zusammengesessen ist und geredet hat – obwohl man eigentlich verfeindet gewesen wäre.“

Brachte die Pille nach Europa

Wenige Jahre nach der Gründung zog Fischer sich dann ein bisschen zurück. „Ich hatte ja kein offizielles Mandat, aber ich habe immer versucht, meinen Mund aufzumachen, wenn ich es für notwendig gehalten habe.“ (Das habe er auch weiterhin getan, sagt Fischer mit seinem verschmitzten Grinser.) Immer wieder nach Alpbach gekommen sei er wegen der spannenden Persönlichkeiten. „Erwin Schrödinger, Karl Popper: Die auszufragen, das ging ja sonst nirgends.“ Wer ihn am meisten beeindruckt hat? „Mich hat jede Begegnung beeindruckt. Aber ich war von niemanden begeistert. Ich bin schwer zu begeistern.“ Bei dem, was er erlebt hat, ist das vielleicht kein Wunder. Als Feriensekretär des damaligen Kanzlers Leopold Figl (ÖVP) – Fischer war nie Parteimitglied, aber im Cartellverband gut vernetzt – trank er mit dem russischen General in Wien.

In den USA arbeitete er mit Carl Djerassi und Gregory Pincus zusammen, als diese die Pille entwickelten. Die er als junger Gynäkologe 1958 nach Europa brachte – was ihm eine Vorladung bei Papst Paul VI. einbrachte („Für den habe ich in seiner Privatkapelle ministriert.“) Sogar die Queen brachte er zum Lachen. Bei einem gemeinsamen Essen mit ihrem Gynäkologen Sir John Peel, den er einst aus einer unangenehmen Situation gerettet hatte, war sie über seine Tischmanieren amüsiert. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.

Nostalgie hört man bei seinen Erzählungen übrigens kaum – nur einmal, als er über seinen früheren Lieblingsort in Alpbach erzählt: die Rundbank unter einem Baum neben dem Congress Centrum, auf der er viele Stunden in Gesprächen verbracht habe: „Da ist jetzt ein Steinhaufen.“ Franz Fischler, dem er einst das Leben rettete, streut er übrigens Rosen: „Er hat ein gutes Konzept – und ein gutes Gespür.“

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