„Ich zeichne nicht wie Walt Disney“

Abdul Dube begleitet die Wirtschaftsgespräche grafisch: Mittels Visual Recording zeichnet er die wichtigsten Ideen der Plenare und Diskussionen auf. Auch privat verlässt er sein Haus nicht ohne Stift und Papier.

Eines stellt Abdul Dube gleich klar: „Ich zeichne nicht wie Walt Disney.“ Wenn er die Technik des Visual Recordings nutzt, um in Echtzeit ein gezeichnetes Protokoll eines Vortrags oder einer Diskussion anzufertigen – wie er es heuer etwa bei „Alpbach in Motion“ und bei den Wirtschaftsgesprächen macht –, geht es ihm nicht darum, detailgetreue Kunstwerke zu schaffen. „Wir zeichnen Ideen.“ Soll heißen: Er extrahiert die Essenz von Aussagen, illustriert sie mit einfachen Formen und bringt Inhalte grafisch miteinander in Verbindung. Am Ende steht meist eine umfangreiche Infografik, garniert mit Zeichnungen und Erklärungen.

„Mein Job ist, die wichtigsten Dinge aufzuzeichnen, damit sich die Leute daran erinnern“, sagt er. Seine Grafiken müssen also nicht für sich selbst sprechen, meist dienen sie als Erinnerungsstütze, um etwa nach einer Pause wieder ins Thema zurückzufinden. Als Nachlese, in der die wichtigsten Aussagen und Zusammenhänge festgehalten sind. Oder als grafischer Guide, mit dessen Hilfe neu Dazugestoßene in ein Thema eingeführt werden können.

Erinnerungsstütze

Schon als Kind habe er in der Schule anders mitgeschrieben als seine Kollegen, sagt Dube. Jeder andere habe linear aufgeschrieben, was der Lehrer sagte, er hingegen habe das Blatt in Bereiche für einzelne Ideen eingeteilt und verschiedene Gedanken mit Pfeilen verbunden. Dube wuchs in Südafrika auf, nach Abschluss der Schule arbeitete er als Handy-Verkäufer, bis es ihm leid tat, arme Leute mit teuren Tarifen abzuzocken. Er widmete sich stattdessen der Kunst und Kultur: Weil er sich die Uni nicht leisten konnte, assistierte er Fotografen, half in Galerien aus, kam schließlich in den Aufsichtsrat des „Visual Art Network“ in Südafrika. Der Liebe wegen zog er vor zehn Jahren nach Dänemark. Hier studierte er an der Design-Schule „Kaospilot“, wo er auch die ersten Lektionen im Visual Recording bekam. Heute setzt er seine grafischen Fähigkeiten überall ein, wo diskutiert wird und Ideen präsentiert werden.

Für Alpbach hat er sich intensiv vorbereitet. Es sei nicht leicht, sich auf einen Redner zu konzentrieren, wenn simultan gedolmetscht wird: „Der Redner spricht vielleicht Deutsch und bewegt sich auch typisch deutsch, ins Ohr spricht mir aber jemand mit einem starken britischen Akzent. Das kann sehr konträr sein.“ Mittlerweile gelinge es ihm, zwischen Gehörtem und Gesehenem zu trennen: Über den Knopf im Ohr bekommt er Informationen, auf dem Podium beobachtet er die Körpersprache der Redner, deren Ausprägungen auch in die Grafik einfließen können: „Das hilft den Leuten auch, sich an die Referenten zu erinnern: Ah, das war der eine, der sich dauernd am Kopf gekratzt hat!“

Einteilungssache

Eine weitere Herausforderung seien Podiumsdiskussionen mit mehreren Rednern: „Ich habe ungefähr 1,20 mal drei Meter Papier pro Diskussion. Damit muss ich auskommen“, sagt Dube. Er muss sich den Platz gut einteilen, damit auch die Ideen des letzten Redners unterkommen. Und das alles unter Zeitdruck: „Wenn ich einen Rechtschreibfehler mache, muss ich weitermachen, wie der Speaker auch.“

Wie geht er mit komplexen Themen um? „Ich muss nicht alles verstehen, um eine Grafik zu machen“, sagt er. Er konzentriere sich dann darauf, Grundideen und die Struktur einer Rede einzufangen. „Wenn ein Redner ankündigt, dass er fünf Punkte machen wird, dann muss ich sicher stellen, dass ich diese fünf Punkte mitbekomme. Dazwischen verbinde ich metaphorisch seine Aussagen: Wenn er die Wirtschaft etwa an einem Stück Käse erklärt, zeichne ich auch ein Stück Käse. Wenn er Wirtschaftsdaten zitiert, schreibe ich die auch auf, damit die Teilnehmer sich am Ende daran erinnern können. Unser Gehirn ist fantastisch – es kann die Lücken selbst füllen.“
Seine Fähigkeit, Dinge grafisch auszudrücken, hat Dube schon in vielen Lebenslagen geholfen: Etwa in Shanghai, als er einem Taxifahrer einen Straßennamen nannte, den dieser aber ob der komplizierten Aussprache nicht richtig deuten konnte. „Dann ist mir eingefallen, dass es am Ende dieser Straße ein Wahrzeichen gab. Ich habe es gezeichnet und er erkannte es sofort. Seitdem Tag verlasse ich das Haus nicht ohne Stift und Papier.“

In Alpbach ist er heuer zum dritten Mal. Dennoch ist es für Dube jedes Mal ein seltsames Gefühl, hier zu sein, er müsse sich manchmal „zwicken“, um zu realisieren, wo er hier gelandet ist: „Es ist unglaublich. Minister und CEOs besprechen eine neue ökonomische Strategie für ganz Europa! OK, konzentriere dich, zeichne, zeichne!“

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