Hochschulgespräche

Nowotny: „Wissen generieren, nicht nur konsumieren“

Die emeritierte Universitäts-Professorin Helga Nowotny rät Studierenden zu Auslandserfahrungen und betont die Wichtigkeit der Internationalisierung auf Hochschulen. Einen Trend zu mehr Privatuniversitäten sieht sie in Europa nicht.

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Helga Nowotny – (c) Katharina Rossboth

Die Presse: Wie unterscheiden Sie zwischen Bildung und Ausbildung?

Helga Nowotny: Bildung sollte die Menschen befähigen, auch mit den Ungewissheiten des Lebens fertig zu werden. Ausbildung hingegen sollte sie befähigen, in einem gewissen Rahmen ihre Fähigkeiten voll zum Ausdruck zu bringen. Worauf ich hinaus möchte: Ich sehe einen Unterschied zwischen einem Prozess, mit den Ungewissheiten der Zukunft fertig zu werden, und einem Prozess, der einen befähigt, in einem gewissen Rahmen das Richtige zu tun.

Wie man Ausbildung erwirbt, ist klar. Aber wie kommt man am besten zu Bildung?

Das hängt sehr stark davon ab, ob man das Vertrauen vermittelt bekommt, seine eigene Urteilsfähigkeit zu schärfen und sich auf sein Urteil zu verlassen. Das schließt die Erfahrung ein, aus seinen Fehlern zu lernen.

Das heißt, in erster Linie sind die Eltern gefragt?

Die Eltern, aber auch die Lehrer und später die Professoren an den Universitäten. Man lernt ja durch das, was einem begegnet. Das heißt, zu Bildung gehört das Herausfinden der eigenen Urteilsfähigkeit. Das ist etwas, das junge Menschen in Zukunft sehr stark brauchen werden, um nicht alles zu glauben, was im Internet steht oder sonst leicht zugänglich ist. Sondern um die Fähigkeit zu erwerben, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Die eigene Urteilsfähigkeit beinhaltet auch, sich selbst in die richtige Beziehung zum Rest der Welt zu setzen.

Wie würden Sie die perfekte akademische Karriere beschreiben?

Ich glaube, die gibt es nicht. Aber was ich sagen kann: Bevor ich 18 wurde, waren für mich zwei Jahre besonders prägend. Mit acht habe ich ein Jahr in Vorarlberg verbracht, was mir als Wiener Kind wie eine andere Welt vorkam – mit einer anderen Sprache und einem anderen Umgang, es war eine ländliche Welt mit Tieren und allem, was dazu gehört. Und das zweite Jahr war jenes in den USA, als ich 16 wurde. Ich besuchte als Austauschschülerin eine High School – damals eine große Seltenheit. Das war ein ganz wichtiges Erlebnis für mich. Danach natürlich die Jahre auf der Universität. Auslandssemester durch Erasmus oder andere Programme sind für junge Menschen sehr wichtig. Auch in Bezug auf die wissenschaftliche Einschätzung, denn an einer anderen Universität werden dieselben Gegenstände anders unterrichtet, das eröffnet einem neue Perspektiven – unabhängig davon, was man studiert. Man findet nämlich heraus, dass es nicht nur den einen Weg gibt, um ein Problem zu begreifen, sondern mehrere unterschiedliche.

Ihr Ratschlag lautet also, als Schüler und Student nach Möglichkeit viel Zeit im Ausland zu verbringen?

Ja, wir brauchen eine Internationalisierung, und das ist der erste Schritt dazu. Die Universitäten machen auch vermehrt Anstrengungen in diese Richtung. Die Universitätslandschaft steht vor großen Veränderungen. Auf der einen Seite die Digitalisierung – auch bei der Art und Weise, wie Lehre an der Hochschule funktioniert. Auf der anderen Seite wird es eine größere Differenzierung zwischen den Universitäten geben müssen. Vor allem in Kontinentaleuropa haben wir ja immer noch ein ziemlich einheitliches, am Humboldt'schen Ideal orientiertes System. Jedenfalls sollte die Hochschule auch in 20 Jahren noch fähig sein, Bildung und Ausbildung zu vermitteln.

Haben Sie Zweifel daran? Ist das nicht selbstverständlich?

Es gibt einen starken ökonomischen Druck. Wir haben Gott sei Dank mehr junge Menschen, die studieren können, aber das kostet. Wir erleben ja in Österreich sehr deutlich, dass Ausgaben für Hochschulen nicht zu den Prioritäten des Finanzministers gehören. Wobei ich keine Vertreterin des völlig freien Hochschulzugangs bin. Es braucht eine Selektion, sonst verstopft das System, und davon hat niemand etwas.

Gibt es irgendetwas auf der Welt, das wichtiger ist als Bildung?

Für die Zukunft der Menschheit insgesamt würde ich sagen, es ist das Wichtigste. Vor allem die Bildung in einem umfassenden Sinn – also auch der Anspruch, Wissen zu generieren und nicht nur ein passiver Konsument von Wissen zu sein.

Wird es in Zukunft mehr private und weniger staatliche Universitäten geben?

In Kontinentaleuropa sehe ich keine besonders starke Ausweitung des privaten Sektors. Wir haben hier weder die Bereitschaft noch gibt es eine Tradition, in der Eltern mit sehr hohen Studiengebühren in die Bildung ihrer Kinder investieren.

Geistige Aktivität bis ins hohe Alter hält fit, heißt es. Sie sind das beste Beispiel dafür. Wie können Sie mit 80 nur so fit sein?

Ich glaube, Altern ist ein individueller Prozess. Ich habe in meinem Leben das Privileg gehabt, zum Großteil Dinge machen zu können, die mir selbst Freude bereitet haben. Das macht den Unterschied aus. Viele Menschen haben dieses Privileg nicht.

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