Technologiegespräche

Die Queen und der Brexit – oder: Leben im Zeitalter der Ignoranz

Open Science. Noch nie war es so einfach, an Informationen zu kommen. Trotzdem ist mit „Big Data“ allein noch kein „Big Knowledge“ erreicht.

Queen's speech im Parlament - der blau-gelbe Hut erinnert an die EU-Flagge
Queen's speech im Parlament - der blau-gelbe Hut erinnert an die EU-Flagge
Queen's speech im Parlament - der blau-gelbe Hut erinnert an die EU-Flagge – (c) AFP

„Big Knowledge“, großes Wissen, müsste eigentlich das Schlagwort der Stunde lauten. Immerhin war es noch nie so leicht wie im Zeitalter von Smartphones und Internet, an Informationen zu gelangen. Das gilt für alltägliche Belange, aber auch für die Wissenschaft. „Jedes Jahr sammeln sich mehr Daten an, doch gibt es keinen parallelen Anstieg an echtem öffentlichen Wissen“, bedauerte Jonathan Jeschke, Professor für Ecological Novelty an der freien Universität von Berlin im Rahmen der gestrigen Breakout Session „Open Science, Dark Knowledge“. Zwar „leben wir in einer Zeit der Open Science“, folglich der Möglichkeiten, weit mehr Menschen als bloß einem kleinen Kreis an Eingeweihten den Zugang zu Fachwissen zu verschaffen. Allerdings, so Jeschke, „ist das zugleich auch eine Epoche der Ignoranz“. Kurzum: „Wenige wissen viel, viele wissen wenig.“

Gezielte Falschinformation

Als Gründe dieser Asymmetrie ortet er die Produktion tendenziöser Informationen sowie fehlende Zugänge zu Daten („bis heute riegelt sich China ab“). Weiters würde manches Wissen schlichtweg verloren gehen und zuletzt dürfe man nicht außer Acht lassen, dass so mancher „Spezialjargon“ der breiten Öffentlichkeit schlichtweg zu komplex sei. Daraus ergebe sich eine Lücke zwischen möglichem und tatsächlichem öffentlichen Wissen, „eine Kluft, die wir dunkles Wissen“ nennen.
Als Auswege aus diesem Dilemma schlägt Jeschke vor, „Werkzeuge für die Zusammenführung von Wissen“ zu schaffen und einen internationalen Schiedsgerichtshof für die Forschung anzudenken.

In eine ähnliche Kerbe schlug die Soziologin Linsey McGoey von der Universität von Essex. Sie pochte darauf, jene Akteure ins Visier zu nehmen, die bewusst Falschinformationen verbreiten. Als Beispiel nannte sie das Boulevardblatt „The Sun“, das vor dem Brexit-Votum getitelt hatte, die Queen würde den Austritt Großbritanniens aus der EU befürworten. Der Palast beschwerte sich, die Queen verhalte sich politisch stets neutral (anders als ihr Kleidungsstil: Anlässlich ihrer diesjährigen Rede im Parlament trug sie einen Hut, der stark an die EU-Flagge erinnerte). Konsequenzen hatte all das für die „Sun“ nicht.

„Meistens sind es vermögende Einzelpersonen oder deren Unternehmen wie im Falle der ,Sun‘ der machtvolle Murdoch-Konzern, die Unwahrheiten gezielt verbreiten, die Propaganda betreiben, so wie es nun auch in den USA geschieht“, kritisierte McGoey und forderte den transparenten Umgang mit Informationen ein. „Die Menschen müssen wissen, woher die Information kommt und welche Interessen damit verfolgt werden.“

Nichtwissen als Motor

Der Soziologe Matthias Groß von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena erinnerte indes daran, dass Ignoranz („im Deutschen trifft es das Wort Nichtwissen besser“) auch positive Seiten haben kann. So habe jeder Geheimnisse oder ignoriere nasenbohrende Mitmenschen bewusst. Auf den Bereich der Forschung umgelegt bedeute das: „Nichtwissen ist der Motor der Wissenschaft.“ Denn: „Mit jedem gelösten Problem wird neues Unwissen sichtbar.“ Indem Forscher Hypothesen formulieren, würden sie ihr Unwissen gezielt steuern: „Ignoranz ist die natürliche Kehrseite von Wissen, wir können sie nicht ausrotten, aber wir müssen lernen, damit zu leben.“

(hell)

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