Die Frau im Islam muss nicht stumm sein

Diskussion. Die muslimische Frau – Politiker, Medien, der Stammtisch scheinen sie zu kennen. Das Bild der Frau im Islam ist dabei freilich nicht homogen. Eine Forscherin und eine junge Muslima diskutieren in Alpbach darüber.

(c) REUTERS (Suhaib Salem)

Die Koran-Sure 4:34. In ihren vielfältigen Auslegungen und Übersetzungen sagt sie doch immer eines: dass der Mann für die Frau sorge, finanziell über ihr stehe und dass er ihr eine Lektion erteilen müsse, wenn sie ihm widerspreche. Was auch übersetzt wird mit: Er kann sie schlagen.

Die Passage soll heute Nachmittag als Ausgangspunkt für das traditionelle Diskussionspicknick des Club Alpbach Südtirol Alto Adige dienen. „Frauenrechte im Islam“ ist der Titel der Veranstaltung; als Gesprächspartnerinnen geladen sind zwei Frauen mit starken Verbindungen zu Bozen – und zur muslimischen Welt. Siham Harfi, Studentin der Politikwissenschaft und Präsidentin der Muslimischen Jugend in Bozen, kommt dafür nach Alpbach; ihr gleich tut es Kerstin Wonisch. Die Grazer Juristin und Religionswissenschaftlerin forscht in Bozen bei Eurac Research zu Minderheitenrechten im Islam. Und sagt: „Es gibt nicht ,die eine‘ Muslima, genauso wenig, wie es ,den einen‘ Islam gibt.“

Erfolge im Familienrecht

Damit referenziert Wonisch freilich das im Westen existierende Klischee der ergebenen, stummen, unfreien islamischen Frau, die nicht zur Arbeit geht, sondern die Familie betreut; die Kopftuch trägt und ohne ihren Ehemann sowieso keine Entscheidungen trifft – was sich wiederum zu einem gewissen Grad aus der Sure 4:34 ableiten ließe. Dass dieses Bild nicht allumfassend gültig sein kann, ist offensichtlich. Wonisch untermauert das mit Beispielen aus Jordanien, dem Libanon, aus Marokko oder Tunesien: In all diesen Ländern gab es in den vergangenen Monaten Änderungen des Familien-, Scheidungs- oder Erbrechts zugunsten der Frau. Was Wonisch auf das Engagement der Frauen in den Ländern zurückführt. „Es verändert sich etwas“, sagt sie, „langsam, aber doch.“

Mit westlichem Feminismus sei die Arbeit der muslimischen Frauenrechtsbewegung nicht zu vergleichen. Und das sei ganz und gar nicht schlecht, findet die Forscherin: „Der islamische Feminismus muss aus der Tradition herauskommen.“ Wenn man von der Scharia inspirierte Gesetze durch Gesetze, die die Gleichberechtigung von Frau und Mann fördern, einfach ersetzen würde, würden die Änderungen von der Bevölkerung nicht angenommen werden.

Was neben der konkreten Gesetzeslage in islamisch geprägten Ländern beim Picknick ebenfalls diskutiert werden soll: die weibliche Sexualität im Islam. Aber auch das Erstarken von fundamentalistischen Richtungen der Religion, die ein wesentlich konservativeres Bild der Frau implementieren. „Der Gesichtsschleier“, sagt Wonisch, „ist auch in nordafrikanischen Staaten wieder viel häufiger zu sehen.“
[NSUNA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2017)

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