"Wir haben die Siege mit Dankbarkeit erlebt und die Niederlage mit Würde"

Der russische Autor Dmitry Glukhovsky spricht über sein eigenes Erleben der Fußball-WM, über die Sehnsucht der Russen nach Stolz und die politischen Folgen des Großereignisses.

Autor Dmitry Glukhovsky
Autor Dmitry Glukhovsky
Autor Dmitry Glukhovsky – (c) Ksenia Tavrina

DiePresse.com: Vor vier Jahren hat Russland die Krim annektiert, das Land steht unter internationalen Sanktionen, die Frontstellung zum Westen ist verhärtet – gleichzeitig findet die Fußball-WM statt. Wo steht das Land, wohin bewegt es sich hin?

Dmitry Glukhovsky:
Option Nummer eins: Sollte die Lage außer Kontrolle geraten, wird Präsident Wladimir Putin die Macht monopolisieren, auf die Verfassung pfeifen und bis zum Lebensende an der Macht bleiben. Wenn die Lage kontrollierbar bleibt, wird er den Machttransfer vorbereiten und jemanden einsetzen, den er kontrollieren kann. Putin ist kein bereitwilliger Diktator. Er will einfach nicht, dass die Dinge außer Kontrolle geraten. Vor vier Jahren, nach der Krim-Annexion, sah es so aus, als würden wir direkt in die Hölle fahren. Die Intensität der Propaganda war enorm und verstörend. Jetzt hat sich die Lage wieder beruhigt. Putin reagiert, er ergreift selten die Inititative. Er antwortet auf Herausforderungen. In der Ukraine sah er die Herausforderung, dass sie Teil der Nato werden könnte, während sein Land wegen des niedrigen Ölpreises eine schwere Krise erlebte. Er fürchtete die drastische Verschlechterung der Lebensbedingungen und er wollte den Menschen im Austausch dazu etwas bieten – einen symbolischen nationalistischen Sieg. Putin verhinderte die Verbreitung der Maidan-Revolution, diskreditierte sie und brachte sie in Zusammenhang mit Nazismus, er schnappte sich die Krim und hat sich selbst einen dubiosen Platz in der Geschichte gesichert. Er löste mehrere Probleme auf einmal, relativ unblutig. Im Donbass war es blutiger, aber die Einverleibung der Krim war vergleichsweise sauber. Ja, er hat internationale Gesetze gebrochen, ja, er hat die Ukraine vermutlich für immer verloren. Aber er konnte einige Probleme lösen, die ihm wichtiger waren – dass die Ukraine nicht der Nato beitritt, die Russen nicht vom Erfolg der Ukrainer inspiriert werden und die Bürger, deren Lebensstandard plötzlich extrem gesunken war, ebendas vergaßen.

Sprechen wir über die Fußball-WM. Nun ist der Weltcup Putins Show - einerseits. Andererseits kommt es zu vielfältigen Kontakten zwischen Menschen. Welche Dynamiken konnten Sie in den vergangenen Wochen beobachten?

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