Weg frei für türkische Offensive in Syrien

Mit der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump zum Abzug aller US-Soldaten aus Syrien ist der Weg frei für eine neue Offensive der Türkei gegen die syrischen Kurden.

Syrische Kurden verlieren mit US-Abzug ihren wichtigsten Verbündeten
Syrische Kurden verlieren mit US-Abzug ihren wichtigsten Verbündeten
Syrische Kurden verlieren mit US-Abzug ihren wichtigsten Verbündeten – APA/AFP/DELIL SOULEIMAN

Mit der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump zum Abzug aller US-Soldaten aus Syrien ist der Weg frei für eine neue Offensive der Türkei gegen die syrischen Kurden. Die US-Truppen waren bisher der wichtigste Verbündete und beste Schutz für die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die rund ein Drittel des syrischen Territoriums kontrollieren.

Doch ohne die Unterstützung der USA wird den Kurden wohl keine Wahl bleiben, als Machthaber Bashar al-Assad um Schutz zu ersuchen.

Trump habe mit dem Befehl zum Abzug "grünes Licht für eine türkische Offensive" gegeben, sagt der Kurden-Experte Mutlu Civiroglu. Wenn die US-Truppen wirklich abzögen, werde die Türkei umgehend eine Offensive starten. Ankara ist die US-Militärhilfe für die YPG seit jeher ein Dorn im Auge, da die syrische Kurdenmiliz eng mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verbunden ist, die seit 1984 gegen den türkischen Staat kämpft.

Die Türkei ist bereits zwei Mal mit verbündeten syrischen Rebellen gegen die YPG in Nordsyrien vorgegangen, um sie von ihrer Grenze zurückzudrängen. Vergangene Woche kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan an, dass "in einigen Tagen" ein neuer Einsatz gegen die Kurdenmiliz beginnen werde. Der US-Abzug mache nun "den Weg frei für einen blutigen Krieg auf einem großen und dicht besiedelten Gebiet", warnt Civiroglu.

Sinan Ülgen vom Politikinstitut Carnegie Europe vermutet, dass Trumps Entscheidung zum Abzug der Truppen durch ein Telefonat mit Erdogan am vergangenen Freitag beschleunigt wurde. Letztlich habe sie aber wenig mit der Türkei zu tun. "Der wahre Grund ist, dass Trump glaubt, dass die USA kein strategisches Interesse in Syrien haben. Er will den strategischen Fokus der USA auf China und Südostasien ausrichten", sagt Ülgen.

Die YPG dienen im Rahmen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) seit Jahren den USA als Bodentruppen im Kampf gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Unter hohen Verlusten haben sie kurdische Städte wie Kobane befreit, aber auch arabische Städte wie Raqqa erobert. Ausgestattet mit modernen US-Waffen kontrollieren die YPG heute rund 30 Prozent Syriens, darunter auch viele Ortschaften außerhalb der kurdischen Siedlungsgebiete.

"Die Türken haben nun freiere Hand gegen die SDF, doch keine freie Hand", sagt der Regionalexperte Steven Cook vom Council on Foreign Relations in New York. Es sei vorstellbar, dass die syrischen Kurden nun einen Deal mit Machthaber Bashar al-Assad machten, der ihnen gemeinsam erlaube, die Türkei aus dem Land zu werfen, und Assad zugleich ermögliche, seine Kontrolle über das syrische Territorium wiederherzustellen.

Tatsächlich laufen schon länger Verhandlungen zwischen den Kurden und Assad. Der Präsident ist entschlossen, ganz Syrien wieder unter seine Kontrolle zu bringen, während die Kurden ihre hart erkämpfte Autonomie im Nordosten bewahren wollen, wo sie seit 2012 eigene Schulen, eigene Sicherheitskräfte und eine eigene Verwaltung aufgebaut haben. Alles werden sie kaum bewahren können, doch eine gewisse Autonomie wäre denkbar.

Für die Kurden sei der US-Abzug ein harter Schlag, doch hätten sie sich darauf vorbereitet, sagt der Syrienspezialist Joshua Landis. Sie hätten verstanden, dass das Verhältnis zu den USA rein pragmatisch sei, und daher Kontakt nach Damaskus aufgenommen. Die USA sollten sich aber "nicht auf einen Schlag" zurückziehen, rät Landis, sondern eine Vereinbarung aushandeln zugunsten der Kurden mit Garantien von Assad und Russland.

Andernfalls könnte der US-Abzug nur von kurzer Dauer sein. Denn die SDF haben schon gewarnt, dass wenn die Türkei die Kurdengebiete angreife, würden sie den Kampf gegen die IS-Miliz abbrechen. Dann aber könnte sich die Extremistengruppe erneut sammeln und zum Gegenangriff übergehen. Am Ende wären die USA wohl gezwungen, nach Syrien zurückzukehren, um den Kampf gegen die Jihadisten abzuschließen.

(APA)

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