Immer öfter weht in Syrien die schwarze Fahne der al-Qaida

Die Anschläge im syrischen Bürgerkrieg werden ausgereifter, die Rhetorik militanter Gruppen ist verstärkt von einem "Heiligen Krieg" gegen das als "ungläubig" verachtete Regime von Machthaber Assad geprägt.

Symbolbild
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(c) EPA (STR)

Kairo/Wien/Damaskus/M.g./Hd. Syriens Regime will es ja schon immer gewusst haben: Dass eine treibende Kraft hinter dem Aufstand Jihadisten aus dem Dunstkreis des Terrornetzwerks al-Qaida seien. Was in der frühen Phase des Aufstandes im vergangenen Jahr noch eine eher durchsichtige Methode war, die Regimegegner zu diskreditieren, wird nun sukzessive Realität: Sogenannte „Heilige Krieger“ mischen offenbar immer stärker im syrischen Bürgerkrieg mit.

Einen deutlichen Hinweis geben die Flaggen, die in Videos militanter Gruppen zu sehen sind: Immer öfter wird darin die alte syrische Trikolore (schwarz-weiß-grün mit drei roten Sternen) ersetzt durch ein schwarzes Banner, mit der Aufschrift „Es gibt keinen Gott außer Allah“. Immer stärker ist die Rhetorik der Milizen geprägt von einem „Heiligen Krieg“, den es gegen das „ungläubige“ alawitische Regime zu führen gelte.

Die Anschläge werden ausgefeilter, zunehmend auch von Selbstmordattentätern ausgeführt, wie sie für jihadistische Gruppen typisch sind. 35 Autobomben und zehn Selbstmordattentäter zählten die Experten vom Washingtoner „Institute of the Study of War“ in den vergangenen sechs Monaten, von denen mindestens vier al-Qaida zuzuordnen sind. Die Präzision und Wucht von Bombenfallen sind inzwischen so groß, dass sie selbst Panzern gefährlich werden.

Und so wächst international die Befürchtung, dass sich unter die syrischen Rebellen immer mehr al-Qaida-Krieger mischen, die später durch Selbstmordanschläge und Bombenserien jeden Neuanfang nach einem Sturz des Regimes zunichtemachen könnten.

Erst im Juni hatte das „World Jihad Network“ aufgerufen, sich freiwillig für den „Heiligen Krieg“ in Syrien zu melden. Und Iraks al-Qaida-Chef, Abu Bakr al-Baghdadi, widmete immerhin die Hälfte einer 33-minütigen Videobotschaft dem Nachbarland: Den Kämpfern in Syrien bescheinigte der Terrorplaner, sie hätten der Welt eine Lektion erteilt „in puncto Courage, Jihad und Geduld“.

 

„Krieg im Namen Gottes“

Seit Februar kursiert im Internet ein Video mit maskierten Männern, die vor zwei schwarzen al-Qaida-Fahnen ihre Kalaschnikows schwingen: „Wir stellen Selbstmordkommandos auf, um Krieg im Namen Gottes zu führen“, deklamiert ein Sprecher in klassischem Arabisch, wie bei Botschaften des Terrornetzwerks üblich.

Der oppositionelle Syrische Nationalrat und die „Freie Syrische Armee“ (FSA) bestreiten eine zunehmende Präsenz von Terrorkämpfern an ihrer Seite: „Immer wieder hören wir von al-Qaida in Syrien, das Assad-Regime redet davon, die irakische Regierung redet davon, aber es gibt keine Beweise“, erklärte Samir Nachar von der Führungsspitze des Nationalrats. Ein lokaler Kommandeur der FSA gibt gegenüber der „New York Times“ hingegen zu, Jihadisten zur Kooperation eingeladen zu haben.

 

Erfahrung aus Kampf im Irak

„Wir sind hundertprozentig sicher, auf unseren Fahndungslisten stehen dieselben Namen wie bei den Syrern – besonders seit den vergangenen drei Monaten“, sagte Izzat al-Shahbandar, ein enger Mitarbeiter von Iraks Premier Nuri al-Maliki. Und so könnte das neue Know-how für schwere Anschläge zurückgehen auf syrische Gotteskrieger, die nach jahrelangem Kampf gegen die US-Armee in ihre Heimat zurückgekehrt sind oder irakische Terroristen die jetzt ins Nachbarland wechseln.

Nicht jede der in Syrien aktiven Extremistengruppen muss eine direkte Verbindung zu al-Qaida haben. Eines haben diese Gruppen aber jedenfalls: Einen bevorzugten Zugang zu finanzieller Unterstützung aus Golfstaaten wie Saudiarabien oder Katar. Und das macht sie für andere oppositionelle Gruppen und auch für die „Freie Syrische Armee“ gegenwärtig zu einem nützlichen Bündnispartner.

Auf einen Blick

Das Terrornetzwerk al-Qaida und verwandte jihadistische Gruppen rufen verstärkt zu einem „Heiligen Krieg“ gegen Syriens Assad-Regime auf. Es wird befürchtet, dass vor allem aus dem Irak zahlreiche Kämpfer über die kaum zu kontrollierende Grenze einsickern, die reiche Erfahrung in Guerillakampf und Bombenbau haben. Dass die Anschläge immer ausgefeilter werden – kürzlich attackierte ein Selbstmordattentäter ein Treffen von Sicherheitschefs und Ministern – kann ein Anzeichen sein, dass dies bereits passiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2012)

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