Die geschäftstüchtigen Kinder der postsowjetischen Potentaten

In der Ukraine konnte Janukowitsch junior unlängst eine Bank kaufen. In Usbekistan oder Aserbaidschan kontrollieren die Herrscherclans ganze Wirtschaftssektoren.

(c) AP (Alexander Zemlianichenko)

Moskau. Manchmal kann auch ein Zahnarztstuhl zum Sprungbrett für eine politische Karriere werden. In Turkmenistan etwa, dem Land mit den weltweit viertgrößten Gasvorkommen, die auch Europa gerne anzapfen würde, war der jetzige Präsident Gurbanguly Berdymuchamedow früher Leibzahnarzt seines diktatorischen Vorgängers. Dass er auch dessen unehelicher Sohn sei, wurde nie bestätigt.

Näher an der Europäischen Union wiederum, in der Ukraine, ist der gelernte Zahnarzt Alexander Janukowitsch zwar nicht Präsident geworden, aber seit dem Machtantritt seines Vaters Viktor 2010 vom vorherigen No-Name immerhin zu einem der einflussreichsten Großunternehmer mutiert. Der Präsident möge doch erklären, wie viele Zähne sein Sohn den Ukrainern gerissen habe, damit er im Vorjahr für 30 Millionen Euro die Ukrainische Entwicklungsbank kaufen konnte, ätzte seine Rivalin Julia Timoschenko, noch ehe sie verhaftet wurde.

Oligarchischer Nepotismus

Die Anzahl der Zähne wird nicht entscheidend gewesen sein. Die verwandtschaftlichen Bande haben dazu geführt, dass der 39-jährige Alexander den Pool der bisherigen Oligarchen auf- und neben dem Bausektor sukzessive auch in anderen Sektoren mitmischt, indem er sich Vermögensanteile von anderen Oligarchen holt. Manches läuft über einen Trust aus Liechtenstein.

Dass der einstige EU-Liebling Ukraine mit diesen Machtstrukturen Brüssel brüskiert, will man selbst nicht wahrhaben. Zu verbreitet ist das Machtmodell in den Ländern hinter der EU-Außengrenze. Vor allem weiter östlich, in den südkaukasischen und zentralasiatischen Rohstoffstaaten, hat sich der oligarchische Nepotismus in Reinkultur entwickelt.

In Aserbaidschan etwa, Europas künftigem Gaslieferanten, wo der Familienclan von Präsident Ilham Alijew nicht nur im Gasgeschäft, sondern über seine Frau und Töchter auch in anderen Sektoren das Sagen hat. „Die Verschmelzung von wirtschaftlicher und politischer Macht ist eng“, erklärt ein Banker vor Ort: „Es herrscht ein starkes Clan- und Familienwesen.“

Teures Leben in Genf und Paris

Im öl- und gasreichen Zentralasien läuft es ähnlich. Mit der pikanten Nuance, dass im traditionell paternalistischen Kasachstan und Usbekistan vor allem die Töchter den Ton angeben, weil die Dynasten keine Söhne haben. Stimmt die Loyalität, dürfen daher auch die Schwiegersöhne mitmischen, wie der Kasache Timur Kulibajew, der mit seiner Frau in der „Forbes“-Liste 2011 weltweit auf Platz 938 lag und kurzzeitig jenen Staatsfonds leitete, der alle staatlichen Industriebeteiligungen bündelt.

Die Schwiegersöhne können aber auch schnell in Ungnade fallen, wie das Schicksal Rakhat Alijews zeigt, der lange in Österreich untergetaucht war. Demgegenüber können die Präsidententöchter ganze Wirtschaftssektoren kontrollieren, schreibt Anja Franke-Schwenk, Zentralasien-Expertin der Uni Kiel, in einer Analyse: „Alle drei Töchter des kasachischen Präsidenten sind wirtschaftlich oder politisch äußerst einflussreich, verfügen über ein enormes (ausländisches) Kapital.“

Und in Usbekistan sei die 40-jährige Präsidententochter Gulnara Karimowa zwar am meisten verhasst, aber auch am einflussreichsten. Sie und ihre Schwester leben in Paris und Genf und zählen laut Schweizer Zeitschrift „Bilanz“ auch zu den zehn reichsten Frauen der Schweiz.

Geheimdienst-Connection

Im Gegensatz dazu sind Wladimir Putins Töchter auf keinem Schirm der Kapitalzähler aufgetaucht. Die Dutzenden Milliarden Dollar, die dem russischen Präsidenten als Vermögen zugeschrieben werden, fließen, so dies stimmt, über Finanzstrukturen loyaler Weggefährten aus dem Judoklub und KGB. Auch baut Wladimir Putin keine Familiendynastie auf. Ein Machtmonopol in Wirtschaftssektoren wird dadurch gefestigt, dass Putins Geheimdienst-Karrieristen entweder selbst an den Schaltstellen der Konzerne sitzen oder ihre Kinder dorthin setzen.

Die Liste ist lang. Sergej Ivanov etwa, 32-jähriger Sohn des gleichnamigen Ex-KGB-Mitglieds und jetzigen Verwaltungschefs im Kreml, war von seinem 24. Lebensjahr an Vizepräsident der drittgrößten Bank des Landes, der Gazprombank, ehe er 2011 die zweitgrößte Versicherungsgruppe Sogaz übernahm. Dort ist der Sohn von Putins Cousin seit 2007 Vizechef.

Ein Grund mehr, auszuwandern

Die Angliederung an den Gassektor ist lukrativ. Auch für die Gasfonds genannte größte russische Pensionskasse. In ihr führt Juri Schamalov den Vorsitz, Sohn von Putins Datschennachbarn Nikolaj Schamalov, der die Finanzierung von Putins Palastanlage im Wert von einer Mrd. Dollar nahe Sotschi organisiert hat und Vertreter von Siemens Medical Solutions in St. Petersburg war.

Doch es geht noch steiler. Peter Fradkow, 34-jähriger Sohn des Auslandsgeheimdienst-Chefs, war Vizepräsident des staatlichen Finanzierungsvehikels Vneshekonombank und ist jetzt Chef der Agentur für Exportkredit-Versicherungen. Der jetzige Chef des Sicherheitsrates Nikolaj Patruschew hat seinen älteren Sohn als Chef der viertgrößten Bank des Landes positioniert. Und Putin machte kürzlich Anton Ustinow zu seinem Berater. Ustinow ist Neffe des Ex-Justizministers, der die Renationalisierung des einst größten Ölkonzerns Yukos orchestriert hat.

Die Beziehungen zwischen Staat und Wirtschaft werden weniger durch Geld, als vielmehr durch verwandtschaftliche Verbindungen aufrechterhalten, meint der Wirtschaftspublizist Maxim Blant. Ein Grund dafür, dass laut Umfragen immer mehr junge Menschen auswandern wollen.

Auf einen Blick

Gulnara Karimowa
Die 40-jährige Tochter des usbekischen Präsidenten lebt mittlerweile in Paris und Genf. Sie zählt zu den zehn reichsten Frauen der Schweiz. [Nowosti]

Alexander Janukowitsch Seit sein Vater 2010 Präsident wurde, brummt auch das Geschäft des gelernten Zahnarztes. Er ist einer der einflussreichsten Großunternehmer der Ukraine.

Die Familie Alijew Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew, seine Frau und Töchter kontrollieren nicht nur das Gasgeschäft, sondern auch andere Wirtschaftszweige.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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