Türkei greift Ziele in Syrien an

Nach dem tödlichen Granatenbeschuss einer türkischen Grenzstadt übt Ankara Vergeltung. Erdogan: "Unsere Streitkräfte haben das Feuer erwidert."

Tote Tuerkei SyrienKaempfe schwappen
Tote Tuerkei SyrienKaempfe schwappen
Das türkische Grenzdorf nach dem Granaten-Einschlag (c) Reuters

Istanbul/Damaskus. Die türkische Zurückhaltung, was den Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien anbelangt, ist seit Mittwoch Geschichte: Nachdem am Nachmittag fünf Zivilisten in der südosttürkischen Grenzstadt Akcakale beim Einschlag syrischer Artilleriegeschosse ums Leben kamen, nahmen türkischen Einheiten am Abend mehrere Ziele in Syrien unter Beschuss.

„Unsere Streitkräfte haben das Feuer erwidert", sagte Premierminister Recep Tayyip Erdoğan: „Die Türkei wird solche Provokationen des syrischen Regimes, die unsere nationale Sicherheit bedrohen, niemals ungestraft lassen."
Akcakale liegt nur wenige hundert Meter von der syrischen Grenze entfernt. In unmittelbarer Grenznähe wird auf syrischer Seite seit Wochen gekämpft, im September hatten Rebellen dort einen Grenzposten unter ihre Kontrolle gebracht. Seitdem schlugen hin und wieder Geschosse auf der türkischen Seite der Grenze ein, was bisher aber keine ernsteren Folgen hatte. Die türkischen Behörden gingen davon aus, dass es sich dabei um Querschläger handelte.

Ankara glaubt an Absicht

Türkische Militärs und Politiker kamen bei einer ersten Untersuchung des Vorfalls in Akcakale zu dem Schluss, dass es sich nicht um einen Zufall handelte. Auf die Frage, ob Ankara davon ausgehe, dass die Zivilisten bei einem gezielten Beschuss ums Leben kamen, antwortete ein hochrangiger türkischer Diplomat auf Anfrage der „Presse": „Ja." Syriens Regierung wiederum drückte am späten Abend der türkischen Bevölkerung ihr Beileid aus. Man wolle untersuchen, wer genau die Granate abgeschossen habe. Schon im April hatte es im türkisch-syrischen Grenzgebiet Tote gegeben. Damals schossen syrische Truppen über die Grenze auf Flüchtlinge, die sich in der Türkei in Sicherheit bringen wollten. Zwei Syrer starben, mehrere türkische Beamte in einem grenznahen Flüchtlingslager wurden verletzt.

Die türkische Regierung wandte sich nun an die UN und die Nato, die Botschafter der Allianz trafen sich noch Abend zu einer Sondersitzung. Einhellig erklärten die 28 Mitgliedsstaaten danach der Türkei ihre Unterstützung. Die Grenzverletzungen durch Syrien wurden als "aggressive Handlungen" verurteilt und als "Verstoß gegen das internationale Recht" eingestuft. Man werde die Lage in Syrien "genau beobachten".

Auch die US-Regierung schaltete sich am Abend ein: „Wir sind empört darüber, dass Syrer über die Grenze geschossen haben", sagte Außenministerin Hilary Clinton - dieses Statement fiel aber noch vor den Berichten über den türkischen Gegenangriff. Beobachter glauben, dass die Türkei über den Vergeltungs-Beschuss hinaus keine weiteren militärischen Aktionen in Syrien plant. Ankara dürfte den Vorfall aber heranziehen, um die Forderung nach einer Schutzzone auf syrischem Gebiet zu untermauern. Allerdings sei kaum zu erwarten, dass der Westen nach den Ereignissen vom Mittwoch nun rasch auf diese Forderung der Türkei eingehen werde, sagte der Istanbuler Politologe Ilter Turan der Zeitung „Hürriyet".

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