Japan: Inselstreit überschattet Wirtschaftsgipfel

Bei den Treffen von IWF und Weltbank in Tokio fehlten Vertreter Chinas, obwohl es mehr Macht in internationalen Organisationen fordert. Grund: der Inselstreit mit Japan.

Inselstreit ueberschattet Wirtschaftsgipfel
Inselstreit ueberschattet Wirtschaftsgipfel
(c) REUTERS (YURIKO NAKAO)

Tokio/Lill. „Ich denke, die Chinesen verpassen hier etwas“, sagte Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), vor Tagen in scharfem Ton. Beim Jahrestreffen von IWF und Weltbank an diesem Wochenende würde so viel Wichtiges besprochen, bei dem China eine zentrale Rolle spiele: die Erholung der Weltwirtschaft mithilfe chinesischer Im- und Exporte, eine Reform der Stimmanteile im IWF sowie Entwicklungspolitik.

Aber wegen des derzeit hochkochenden Konflikts mit Japan über eine rohstoffreiche, doch unbewohnte Gruppe von Felseninseln im Ostchinesischen Meer sagte ein Offizieller aus China nach dem anderen die Teilnahme ab. Schließlich war Austragungsort der Treffen Japans Hauptstadt Tokio.

Zunächst hatten die drei großen Staatsbanken Bank of China, China Construction Bank und Agricultural Bank of China abgesagt. Später überraschend Chinas Finanzminister sowie der Notenbankchef, der eigentlich am Sonntag die Hauptrede hätte halten sollen. So überschattete der Inselstreit zwischen der zweit- und drittgrößten Volkswirtschaft der Welt das Zusammentreffen internationaler Topentscheider.

 

„Unzuverlässiges China“

Von vielen Seiten hieß es, dass Chinas Bestrebungen, mehr Gewicht im IWF und anderen internationalen Organisationen einzunehmen, durch die Abstinenz in Tokio nicht gerade Unterstützung erhalten würden. „So etwas ist sinnlos. China stellt sich nur als unzuverlässiger Partner heraus“, kritisierte etwa Bloomberg-Journalist Fraser Howie. Christine Lagarde mahnte, beide sollten sich ihrer Verantwortung für Asien und die Welt bewusst sein; ihr Konflikt beeinflusse auch die Erholung der Weltwirtschaft. Japans Firmen mussten zuletzt vermehrt Produkte aus China abziehen, was internationale Produktionsketten unterbreche und dritten Ländern schade.

In Tokio wurde der Konflikt derweil weiter angeheizt: Trotz der hermetisch abgesperrten Tagungsgebäude konnten Nationalisten der Kleinpartei „Happiness Realization Party“ auf dem Gelände Flugblätter verteilen. Darauf hieß es, China könne auf die Senkaku-Inseln, die in China „Diaoyu“ heißen, keinen historischen Anspruch erheben. Erst seit in deren Umgebung Rohstoffe vermutet würden, interessiere sich auch China dafür. Zudem verzerre China die Geschichte: Auch das Massaker von Nanking 1937, als japanische Soldaten 20.000 chinesische Frauen vergewaltigten und die zehnfache Zahl an Zivilisten ermordeten, sei „chinesische Propaganda“.

 

Zehenspitzen-Diplomatie

Gerade der Umgang mit dem Krieg ist ein heikles Thema zwischen den beiden Staaten, das bei vielen Konflikten mitschwingt. Wohl daher übte man sich im Zuge der Jahrestagung in Tokio besonders in Diplomatie. Ein japanischer Regierungssprecher äußerte sehr vorsichtig, es sei „besonders bedauerlich“, dass die hohen Vertreter aus China nicht gekommen seien, da die bilateralen Beziehungen wichtig seien. Über die Flugblätter und die Frage, wer ihr Verteilen autorisiert hatte, äußerte sich aber niemand. iWF-jahrestagung Seite 9

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)

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