Serben verbittert nach weiterem Haager Freispruch

Kosovos Ex-Premier Haradinaj wurde vom Vorwurf, Kriegsverbrechen begangen zu haben, ebenso entlastet wie zuvor der kroatische Exgeneral Gotovina. Der Versöhnung auf dem Balkan dürfte das nicht zuträglich sein.

Serben verbittert nach weiterem
Serben verbittert nach weiterem
(c) REUTERS (POOL)

Belgrad/Den haag. Vor zwei Wochen Ante Gotovina, jetzt Ramush Haradinaj: Viele Serben werden sich nach den jüngsten Urteilen des Haager Jugoslawien-Tribunals in ihrer Überzeugung bestätigt sehen, dass es sich bei dem Gericht um eine antiserbische Institution handelt. In beiden Verfahren ging es um an Serben begangene Verbrechen, in beiden Fällen wurden die Angeklagten in zweiter und damit letzter Instanz freigesprochen.

Während der kroatische Exgeneral Gotovina 2011 noch zu 24 Jahren Haft verurteilt worden war, konnte sich der Kosovare Haradinaj am Donnerstag über seinen zweiten Freispruch freuen. Dem ehemaligen Premier war zur Last gelegt worden, als Kommandant der Untergrundarmee UÇK für die Ermordung, Folterung, Vertreibung und Vergewaltigung von serbischen Zivilisten im März 1998 im Westen des Kosovo verantwortlich gewesen zu sein. Es gebe keine eindeutigen Beweise für eine Schuld Haradinajs und seiner zwei Mitangeklagten, so das Urteil.

Während Haradinajs Anhänger im Kosovo die Heimkehr ihres Idols feierten, hat der Freispruch in Serbien erneut für verbitterte Reaktionen gesorgt: Vladimir Vukčević, Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen, beklagte, das „ungerechtfertigte Urteil“ sei auch das Resultat „eines unprofessionellen Zeugenschutzes“.

Tatsächlich waren schon während des Verfahrens in erster Instanz neun Schlüsselzeugen in einer Kette merkwürdiger Unfälle und Mordanschläge ums Leben gekommen. Obwohl die Zeugen über Einschüchterungsversuche und Todesdrohungen berichtet hatten, waren Haradinaj immer wieder längere Heimaturlaube gewährt worden. Aus Angst um sein Leben hatte einer der verbliebenen Schlüsselzeugen schließlich vor dem Berufungsverfahren seine Aussage zurückgezogen.

Eigentlich sollte das Haager Tribunal durch Wahrheitsfindung auch zur Versöhnung auf dem Balkan beitragen. Zumindest kurzfristig scheinen die jüngsten Urteile eher das Gegenteil zu bewirken.

Ein zeitlich zufälliges, aber starkes Symbol für die neue Eiszeit zwischen Serbien und Kroatien ist der grenzüberschreitende Zugverkehr. Beziehungsweise Nichtverkehr: Weil Serbiens Eisenbahnen die von Kroatien geforderten Transitgebühren nicht zahlen können, werden im neuen Winterfahrplan fast alle Verbindungen zwischen Belgrad und Zagreb sowie der Zug von Serbiens Hauptstadt ins bosnische Sarajevo gestrichen.

 

Gefeiert wie einen WM-Titel

Euphorisch wie einen Fußball-WM-Titel hatte Kroatiens Öffentlichkeit Mitte November die unerwarteten Freisprüche für Ante Gotovina und den Mitangeklagten Mladen Markač gefeiert. Gotovina (Interview mit dem Exgeneral unter www.diepresse.com/gotovina) und viele Kroaten werten das Urteil als Persilschein für die Operation „Sturm“. Bei dieser kamen 1995 mindestens 600 Serben (laut der Menschenrechts-NGO Helsinki-Komitee) ums Leben, 200.000 mussten fliehen.

Noch vor Jahresfrist übten sich Kroatiens Staatschef Ivo Josipović und sein damaliger serbischer Kollege Boris Tadić im Schmusekurs. Aber schon unter dessen nationalpopulistischem Nachfolger Tomislav Nikolić kühlten die Beziehungen ab. Das Urteil des UN-Tribunals hat die Funkstille noch vertieft.

Während sich nationalistische Eiferer auf beiden Seiten durch das Urteil in ihrem Weltbild bestätigt sehen, müssen sich die Kräfte, die auf die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen und echte Aussöhnung drängen, als eigentliche Verlierer des Gotovina-Urteils fühlen. Mit ihren Appellen zur selbstkritischen Sicht auf die eigene Kriegsvergangenheit dürften kroatische Menschenrechtsorganisationen noch weniger Anklang finden als bisher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2012)

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