Netanjahu bei „Israels bestem Freund“

Die Prager Regierung lehnte als einzige in der EU eine Aufwertung der Palästinenser ab. Die engen Beziehungen haben eine lange Tradition. Prag sei der „beste Verbündete“ Israels in Europa, lobte Netanjahu.

(c) AP (Petr David Josek)

Prag. Gute Freunde lässt man nicht warten: Noch am Abend der Abstimmung in der UN-Vollversammlung über den Beobachterstatus der Palästinenser klingelte bei Tschechiens Premier, Petr Nečas, das Telefon. Es war Israels Regierungschef, Benjamin Netanjahu, und er rief an, um sich dafür zu bedanken, dass Tschechien als einziges EU-Land mit „Nein“ gestimmt hatte. Prag sei der „beste Verbündete“ Israels in Europa, lobte Netanjahu. Andere EU-Staaten wie Deutschland, die Niederlande, Ungarn und Großbritannien hatten sich nur der Stimme enthalten.

Am Mittwoch kam Netanjau noch einmal persönlich vorbei, um sich „im Namen des ganzen israelischen Volkes“ zu bedanken. Tschechien habe aus seiner Geschichte gelernt, sagte Netanjahu unter Hinweis darauf, dass in den 1930er-Jahren die Westmächte vor Hitler kapituliert und die Tschechoslowakei für einen erhofften Frieden geopfert hatten. „Fast die ganze Welt hat seinerzeit Beifall geklatscht. Israel ist nicht bereit, seine Interessen zu opfern, damit die ganze Welt Beifall klatscht.“

 

Unerfreulicher Termin in Berlin

Nečas betonte noch einmal, dass eine Zwei-Staaten-Lösung nur in direkten Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern erreicht werden könne. „Einseitige Schritte wie der in der UN-Vollversammlung verkomplizieren den Friedensplan nur.“

Netanjahu reiste am Abend zu deutsch-israelischen Regierungskonsultationen in Berlin weiter. Dieser Teil seiner Reise dürfte nicht so angenehm werden. Im Interview mit der Online-Ausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ bedauerte Netanjahu die Haltung Berlins und der restlichen EU-Staaten, mit Ausnahme Tschechiens, in der UNO. Die Gespräche sind auch durch die Ankündigung Israels belastet, den Siedlungsbau im besetzten Westjordanland auszuweiten. In Prag hat man die Entscheidung über die neuen Wohneinheiten nicht kommentiert.

 

Waffenhilfe für das junge Israel

Die besondere Freundschaft zwischen Tschechen und Israelis hat in der Tat ihren Ausgangspunkt in der „Opferung“ der Tschechoslowakei durch die Westmächte gegenüber Hitler. Heute haben die Tschechen den Eindruck, dass Israel einem imaginären Frieden in Nahost geopfert werden könnte. Das ist der ideologische Zusammenhang.

Es gibt aber auch einen ganz praktischen Grund: Als Israel 1948 entstand, gehörte Prag zu den wichtigsten Aufbauhelfern, gerade auch im militärischen Bereich: Seinerzeit wurden streng geheim an die 100 israelische Kampfpiloten in der Tschechoslowakei ausgebildet. Mehr noch: Prag lieferte via Jugoslawien 25 Jagdflugzeuge. Sie bildeten den Grundstock für die spätere Luftwaffe Israels. Einer der Piloten, die die Maschinen nach Israel flogen, war der spätere Staatspräsident Ezer Weizmann. Prag umging ein internationales Waffenembargo, das sogar von den USA unter Präsident Truman noch verschärft wurde. Die Flugschülerausbildung fand auf Basen bei Budweis, Olmütz und Königgrätz statt. Die angehenden Piloten waren jüdische Freiwillige, zumeist aus englischsprachigen Ländern, aber auch der Tschechoslowakei.

Zwar schwenkte die sozialistische Tschechoslowakei später auf Geheiß Moskaus um und schlug sich auf die Seite der Palästinenser. Aber nach der Revolution 1989 führte einer der ersten Auslandsbesuche den neuen Präsidenten Václav Havel bewusst nach Israel.

In Israels Bevölkerung wisse man um die geschichtlichen Zusammenhänge, sagt der Historiker Zdenek Klima, der über die geheime Ausbildung der israelischen Piloten ein Buch geschrieben hat: „Die Hilfe der Tschechoslowakei gerade in Israels Anfangsjahren gilt bis heute als unvergessen.“

Auf einen Blick

Tschechien stimmte als einziges EU-Land vergangene Woche gegen den Antrag der Palästinenser, in der UNO als Beobachterstaat zugelassen zu werden. Einige EU-Staaten wie Deutschland oder Großbritannien enthielten sich, andere, darunter auch Österreich, stimmten zur Verärgerung Israels dafür. Der Antrag ging mit großer Mehrheit durch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2012)

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