„Wir müssen in das System eindringen, um es dann in die Luft zu jagen“

Dank des Wahlerfolgs des Ex-Komikers wird ein Heer an unerfahrenen, jungen Politikern ins Parlament einziehen. Laut Aktivistin und Neopolitikerin Paola Carinelli ist das ein großer Vorteil.

(c) Reuters (GIORGIO PEROTTINO)

Mailand. Eines muss man Beppe Grillo lassen: Der Ex-Komiker wird dank seines Wahlerfolgs dem geriatrischen italienischen Parlament eine radikale Verjüngungskur verpassen. 56Prozent der Kandidaten der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung sind unter 40 Jahre alt. Zudem schickt der Profi-Demagoge einen kunterbunten Haufen nach Rom: Hausfrauen, Ärzte, Ingenieure, Studenten, Arbeiter, Angestellte sind darunter. Sie alle haben keine politische Erfahrung – außer freilich als Grillo-Aktivisten.

 

„Gerechtigkeit und Transparenz“

Dass den „Grillini“ krasser Mangel an Professionalität zum Vorwurf gemacht wird, bringt Aktivistin Paola Carinelli auf die Palme: „Schauen Sie sich doch die italienischen Politiker an. Wenn Sie das als professionell bezeichnen, dann haben wir wirklich nichts zu befürchten“, sagt die 33-jährige Mailänderin zur „Presse“. „Wir haben sehr gut ausgebildete Leute in unserer Bewegung.“ Etwas höhnisch betont sie: „Was uns freilich fehlt, ist die Routine, Geld verschwinden zu lassen und uns von irgendeiner Allianz erpressen zu lassen. Aber ist das so negativ?“

Der politische Lebenslauf der Angestellten eines Exportunternehmens liest sich wie ein Handbuch für eine Karriere bei Beppe Grillo: Von Anfang an – also gleich nach der Gründung der Grillo-Bewegung im Jahr 2009 – war die studierte Sprachwissenschaftlerin dabei. Damals jobbte sie noch auf dem Mailänder Flughafen. „Ich hatte das Gefühl, etwas verändern zu müssen. Es war alles so deprimierend, die Situation statisch, die politische Klasse alt, so weit weg von unseren Problemen. Viele Freunde von mir zogen ins Ausland, weil sie in Italien keine Chancen sahen.“

Sie begann, auf Grillos Internetplattform mit Gleichgesinnten ihren Frust auszutauschen, nahm an den immer erfolgreicheren Events des Ex-Komikers teils. Bald engagierte sie sich in Mailand aktiv, „im Bereich der Kommunikation“. Später ernannte sie die Grillo-Community zur Parlamentskandidatin. „Ich bin so weit gekommen, ohne irgendjemandem einen Gefallen zu tun. Das geht nur bei unserer Bewegung“, so Carinelli stolz.

Die Ziele der Politikerin sind dann doch eher weit gefasst – „Gerechtigkeit, Transparenz, Kampf gegen die ungerechten Privilegien in Wirtschaft und Politik, mehr Rechtsstaatlichkeit“, lauten ihre Wahlkampfparolen. Auch weiß sie, wie die leeren Kassen Italiens wieder gefüllt werden sollen: Die Anzahl der Parlamentarier müsse reduziert, eine Obergrenze für Pensionszahlungen eingeführt und alle Provinzen müssten abgeschafft werden.

 

Euro-Austritt und direkte Demokratie

Wie man das alles umsetzen will, wenn Grillo höchstpersönlich jegliche Zusammenarbeit mit den etablierten Parteien ablehnt? „Wir wollen eine radikale direkte Demokratie, jegliche politische Entscheidung soll per Volksabstimmung abgesegnet werden“, so Carinelli bestimmt. Die Wirtschaftskrise will die Grillo-Bewegung bekämpfen, indem sie aus dem Euro austritt. „Die von Deutschland und Brüssel diktierte Sparpolitik hat Italien geschadet.“ Den wirtschaftlichen Ruin Italiens befürchtet Carinelli nicht. „Wieso? Mit der Lira ging es uns ja auch besser. Und wir bleiben ja in Europa, ich bin überzeugte Europäerin.“

Wie hart die politische Realität dann doch sein kann, musste Grillos Bewegung am eigenen Leib erfahren: Seit der Kandidat der Fünf-Sterne-Bewegung im norditalienischen Parma die Bürgermeisterwahl gewonnen hat, herrscht dort das Chaos: Die Bewegung hat die internen Finanzen dermaßen wenig im Griff, dass sie die Preise für Kinderkrippen drastisch erhöhen musste, um die Stadtkassen zu füllen – obwohl sie im Wahlkampf großspurig kostenlose Krippenplätze für alle fordert. Interne Streitereien und Machtkämpfe haben das Image der Bewegung zusätzlich beschädigt.

In Parma zumindest. Denn für Paola Carinelli ist das alles nebensächlich. Ihrer Meinung nach hat die Fünf-Sterne-Bewegung ohnehin ein viel weiter gefasstes Ziel: „Beppe Grillo gibt uns Bürgern die Gelegenheit, ins Herz des Systems einzudringen. Wir müssen es in die Luft sprengen. Um etwas radikal Neues zu gründen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2013)

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