Albanien: Wo man für Klagen über das Essen zehn Jahre Haft erhielt

In Lagern wie der Kupfermine Spac terrorisierte das frühere KP-Regime seine Gegner. Bis heute wurden die Dissidenten nicht rehabilitiert.

„Camp des Terrors“. Das ehemalige Straflager in der Kupfermine im albanischen Spac.
„Camp des Terrors“. Das ehemalige Straflager in der Kupfermine im albanischen Spac.
Albanien: Wo man für Klagen über das Essen zehn Jahre Haft erhielt – (c) Rosner

Die Gangschaltung krächzt auf dem steilen Anstieg vom zweiten in den ersten Gang. Tief unten in der Schlucht gurgelt ein Bach, während die Räder auf der unbefestigten Bergstraße über Felsen rumpeln. Nur karges Gesträuch bedeckt die Gipfel, an deren schroff abfallenden Hängen die schwindelerregende Fahrt zu einem der trostlosesten Orte Albaniens führt. Endlich tauchen die auf einem Felsvorsprung thronenden Ruinen des Quartiers der Wachmannschaften auf. Als „Camp des Terrors“ bezeichnet der einstige Insasse Edmond das frühere Straflager in der Kupfermine von Spac: „Die einen wurden bestraft und gefoltert. Die anderen hatten Angst, dass ihnen dasselbe passieren würde.“

Der 60-Jährige, der seinen vollen Namen auch heute noch lieber nicht veröffentlicht sehen will, wurde 1978 zum Opfer eines der repressivsten Regimes im Nachkriegseuropa. Der stalinistische Diktator Enver Hoxha und nach seinem Tod sein Nachfolger Ramiz Alia unterdrückten jeden tatsächlichen und vermeintlichen Widerstand im Keim: Auf rund 6000 Personen wird von Verbänden der früheren politischen Gefangenen die Zahl der Menschen geschätzt, die in den 46 Jahren von Albaniens „Steinzeit-Kommunismus“ exekutiert wurden.

Edmond wurde eine Bemerkung über das Los einer Bekannten zum Verhängnis, die als Nichte eines vermeintlichen Klassenfeinds keinen Studienplatz erhalten hatte: „Ich fragte im Freundeskreis, wie es möglich sei, dass eine solch gute Schülerin wegen eines Verwandten nicht studieren dürfe. Danach wurde ich wegen Agitation und Verbrechen gegen die Gesellschaft zu sieben Jahren Arbeitslager verurteilt.“ Der Geheimdienst Sigurimi habe damals alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen: „Sie verbreiteten Angst und Schrecken. Man wusste nicht, wer für sie arbeitete – und wer nicht.“

 

„Auf uns tropften ätzende Stoffe“

Von den einstigen Baracken stehen in Spac nur noch die Grundmauern. „Es gab weder Türen noch Fensterscheiben – und es war eiskalt im Winter“, berichtet Edmond. Jeden Morgen seien die politischen Gefangenen zur Arbeit in die dunklen Schächte der Kupfermine gezogen: „Es tropften ätzende Stoffe auf unsere entblößten Oberkörper. Unsere Rücken sahen aus, als wären sie von Peitschenhieben geschält worden.“ Arbeitsverweigerung sei genauso mit einem Monat Hungerhaft im fensterlosen „Bunker“ bestraft worden wie Lieder zu singen oder das Erlernen von Fremdsprachen: „Und wer sich über die kargen Mahlzeiten beklagte, bekam gleich noch einmal zehn Jahre Lager wegen Agitation aufgebrummt.“

Wie viele seiner Leidensgenossen wurde Edmond schon nach drei Jahren im Lager zu zehn weiteren verurteilt mit der lapidaren Begründung, dass er „zu viel rede“. Klar habe er Angst gehabt, dass er nie mehr die Freiheit sehen würde, sagt er mit einem Achselzucken. Erst das Ende des Sozialismus sollte ihm und seinen Schicksalsgenossen die Freiheit bescheren: „Manche saßen über vier Jahrzehnte in den Lagern ein.“

Lager wie Spac und Ballsh oder das berüchtigte Gefängnis von Burrel waren das Synonym des Schreckensregimes des Geheimdienstes. Ob im Straßenbau, beim Anlegen von Kanälen, dem Bau von Wohnblocks und Raffinerien oder der Zwangsarbeit im Bergbau: Es sei „stalinistische Praxis“ gewesen, die politischen Gefangenen zum „Aufbau des Sozialismus“ zu nutzen, sagt in Albaniens Hauptstadt Tirana der Publizist Fatos Lubonja, der die traumatischen Erlebnisse seiner 17-jährigen Leidenszeit in Spac und Burrel literarisch verarbeitet hat. Seine Tagebuchaufzeichnungen in der Haft notierte er heimlich auf Zigarettenpapier: „Man wurde auf die andere Seite der Welt gebracht. Man war hoffnungslos und hatte aufgehört, ein Mensch zu sein: Es war das Ende des normalen Lebens.“

Auf 20.000 bis 30.000 wird die Zahl der Menschen geschätzt, die zwischen 1945 und 1991 als politische Gefangene zum Opfer von Albaniens Gulag wurden. Ihre Familien wurden in Provinzdörfer deportiert, den Kindern der Besuch höherer Schulen verwehrt. Das Kainsmal des Klassenfeinds haftete jedem Familienmitglied an. Zehn Jahre alt sei er gewesen, als sein Vater 1963 verhaftet wurde, berichtet Menschenrechtsaktivist Besim Ndregjoni, heute Präsident des Verbands der früheren politischen Häftlinge. „Wir waren von allen gesellschaftlichen Veranstaltungen ausgeschlossen. Wir wurden wie Aussätzige behandelt.“

 

Ex-Häftling zündete sich an

Diskriminiert und ausgegrenzt fühlen sich viele der rund 2000 noch lebenden Ex-Polithäftlinge bis heute. Aus Protest gegen die verschleppte Auszahlung der 2007 gesetzlich zugesicherten Wiedergutmachungsgelder setzte sich der 53-jährige Ex-Häftling Gjergj Ndreca im Oktober selbst in Brand. Die Lage der Ex-Häftlinge sei „katastrophal“, sagt Ndregjoni. Viele seien arm, traumatisiert und litten an den Folgen der Folter: „Sie werden nicht respektiert, sondern stoßen auf den Hass der postkommunistischen Eliten. Für die Häftlinge hat sich nichts geändert: Sie gelten als Parias der Gesellschaft.“

Tirana müsse den früheren politischen Gefangenen endlich volle Rehabilitation gewähren, fordert Amnesty International. Doch eine Lobby haben die einstigen Regimeopfer in Albanien nicht. Während in anderen realsozialistischen Staaten nach der Wende frühere Dissidenten wie Lech Walesa an die Schalthebel der Macht rutschten, sind die früheren Polithäftlinge in Albanien bis heute im politischen Abseits geblieben. „Wir wurden freigelassen, aber hatten kein Brot, kein Haus, keine Arbeit“, so Ex-Häftling Edmond.

Nach der Wende hätten sich die Kommunisten in Ex- und Anti-Kommunisten gespalten, so Lubonja. Erstere, die Sozialisten, sollten bald die Schrecken des früheren Regimes nach Kräften relativieren. Die von Sali Berisha geführten Demokraten hätten das Schicksal der politischen Gefangenen zwar „rhetorisch genutzt“, aber als frühere Kollaborateure kaum Affinität zu ihnen verspürt: „Noch kein albanischer Premier oder Präsident hat das Lager in Spac besucht. Sie wollen lieber nicht darüber reden.“

Auf einen Blick

In Albanien wurde 1946 eine Sozialistische Volksrepublik ausgerufen. Enver Hoxha baute den Balkanstaat in eine stalinistische Diktatur um. Wegen der Entstalinisierungsbestrebungen in der Sowjetunion brach Hoxha aber mit Moskau und schottete Albanien total ab. Während seiner Herrschaft wurde er immer paranoider, ließ überall Bunker zum Kampf gegen mögliche Invasoren bauen und zehntausende Personen verhaften. 1985 starb er. 1991 brach Albaniens KP-Regime zusammen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2013)

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