Brendan Simms: Deutsches Dilemma im Herzen Europas

Der irische Historiker und Buchautor Brendan Simms sieht Deutschland als Dreh- und Angelpunkt der europäischen Geschichte. Ein Gespräch mit der "Presse am Sonntag".

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Wenn der Buchmarkt ein Spiegel nationaler Befindlichkeiten und Obsessionen ist, dann findet in Großbritannien momentan ein Paradigmenwechsel statt, was die Wahrnehmung Deutschlands anbelangt. Herrschte in den vergangenen Jahrzehnten die Karikatur des kriegssüchtigen deutschen Schurken vor – die von der Komikertruppe Monty Python Anfang der 1970er-Jahre auf die Spitze getrieben wurde –, bemühen sich Intellektuelle seit einigen Jahren um ein nuancierteres Bild.

Im britischen Literaturbetrieb stechen diesbezüglich drei Namen hervor: Peter Watson, der in seinem 2010 erschienenen Bestseller „The German Genius“ den deutschen Ideenreichtum feiert, Christopher Clark, der in „The Sleepwalkers“ (2012) mit dem Vorurteil aufräumt, das Reich trage die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg sowie Brendan Simms, der in seinem heuer publizierten Opus magnum „Europe: The Struggle for Supremacy, 1453 to the Present“ Deutschland in den Mittelpunkt der europäischen Geschichte stellt. Der Cambridge-Historiker sprach mit der „Presse am Sonntag“ über die kriegerische Vergangenheit, die sanftmütige Gegenwart und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als Vorbild für die EU.

 

In Ihrem jüngsten Buch stellen Sie die These auf, dass sich die Geschichte Europas in den letzten 500 Jahren immer um die Frage des Umgangs mit Deutschland gedreht hat. Inwieweit ist heute die EU Teil dieser Fragestellung?

Brendan Simms: Die Frage handelte immer von politischer Macht oder ihrer Absenz – ist Deutschland Subjekt oder Objekt in Europa? Das gesamte europäische Vereinigungsprojekt nach 1945 wurde unter der Prämisse der Friedenssicherung entworfen, und die Einbindung Deutschlands war ein Hauptteil dieses Bauplans. Die „Deutsche Frage“ drehte sich allerdings nicht nur um die Zähmung Deutschlands, sondern stets auch darum, wie die deutschen Energien am besten für das gemeinsame Wohl eingesetzt werden können. Dieser Aspekt war mindestens genauso wichtig wie die Suche nach Containment-Strategien.

 

Der Aspekt der Zähmung scheint heute jedenfalls keine Rolle mehr zu spielen. Die Hoffnungen ruhen vielmehr auf der deutschen Wirtschaft, die Europa aus der Krise führen soll.

Das stimmt, ist aber nichts Neues. Als in den 1950er-Jahren über die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik debattiert wurde, gab es Bemühungen, die Streitkräfte der BRD in eine größere europäische Struktur einzubetten. Heute haben wir es mit einem ähnlichen Spannungsfeld zu tun: Auf der einen Seite Kritik an der deutschen Austeritätspolitik, auf der anderen Seite die Forderung an Angela Merkel, endlich Führungskraft zu zeigen.

Apropos Merkel: Seit einiger Zeit wird die Kritik an der vermeintlich zögerlichen Bundeskanzlerin immer lauter. Selbst Polens Außenminister Radek Sikorski fürchtet sich dieser Tage mehr vor einem untätigen als vor einem mächtigen Deutschland. Ist dieses Zögern ein neues Phänomen? Schließlich war Preußen im 19.Jahrhundert nicht gerade für Zurückhaltung bekannt.

Nein, das ist kein neues Muster. In der deutschen Geschichte gab es zwei unterschiedliche Modelle: den Machtstaat und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Während der erste Ansatz protogermanisch und militaristisch war, bemühte sich das militärisch und außenpolitisch schwache Reich stets darum, seine Probleme auf dem Rechtsweg zu lösen. Das heutige Deutschland knüpft an diese Tradition an. Man könnte sogar sagen, dass das Modell des Heiligen Römischen Reichs nach Europa exportiert wurde. Das Reich erinnert mit seinen Stärken und Schwächen in vielerlei Hinsicht an die EU – wobei die Schwächen überwiegen.

 

Andererseits hat sich das Heilige Römische Reich in seiner fast tausendjährigen Geschichte von den Karolingern bis Napoleon als ein extrem überlebensfähiger politischer Organismus erwiesen. Für die EU ist es doch ein schönes Vorbild.

Das Reich machte eine Sache gut: Es schaffte einen formellen Rahmen, innerhalb dessen die Deutschen miteinander umgehen konnten, ohne einander gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Aber diese Struktur war zu schwach, um die deutschen Kräfte zu bündeln und sich gegen die Einmischung fremder Mächte zu wehren. Aus der Perspektive der inneren Befriedung betrachtet ist die EU zweifellos ein Erfolg. Was die politische und wirtschaftliche Kohärenz anbelangt, wird die Union – ähnlich wie einst das Reich– weit unter ihrem Wert gehandelt.

Im Zusammenhang mit der Schuldenkrise liest man immer wieder, dass die Eurozone nur zwei Optionen hat: die Vereinigten Staaten von Europa oder den Untergang. Bietet die Erfahrung des Heiligen Römischen Reichs nicht eine dritte Alternative?

Ja, das wäre die Variante des Durchwurstelns. Sie ist verlockend, aber gefährlich. Denn einerseits ist es richtig, dass eine Struktur wie das Reich lange Bestand haben kann. Andererseits bedeutet dieses Arrangement, dass fundamentale Probleme nicht gelöst werden können. Nur zur Erinnerung: Das Reich kollabierte 1806, weil es zu schwach war. In gewisser Hinsicht gibt es Parallelen zu Brüssel, wo ebenfalls die Überzeugung vorherrscht, man werde die Herausforderungen schon meistern – die Grundannahme, es gibt immer eine zweite Chance. Das stimmt aber nicht immer.

 

Hat Deutschland aufgrund seiner Erfahrung mit den legistischen Komplexitäten des Reichs einen Startvorteil in der EU?

Ich halte die föderale Struktur der Bundesrepublik für relevanter. Das Konzept der nationalen Souveränität ist in Deutschland verdünnter als anderswo– was die Arbeit mit und innerhalb der europäischen Institutionen erleichtert. Ein starkes Symbol der deutschen Souveränität war einmal die Deutsche Mark, doch dieser Zug ist mit der Einführung des Euro abgefahren.

 

Zugleich gibt es innerhalb Deutschlands keine separatistischen Tendenzen. Warum eigentlich?

Regionale Identitäten können in Deutschland gelebt werden, die föderale Struktur fungiert als ein Sicherheitsventil – anders als etwa in Spanien oder Italien, wo es starke zentralistische Bestrebungen gab, die Abwehrreaktionen in den Regionen provozierten. Aber selbst Deutschland ist gegen separatistisches Gedankengut nicht immun, man denke etwa an den Slogan „Bayern kann es auch allein“. Paradoxerweise hat die EU diese Strömungen verstärkt...

 

...indem sie ein großes europäisches Dach geschaffen hat, unter das alle Kleinen schlüpfen können.

Genau. Auch Deutschland ist nicht davor gefeit.

 

In Ihrem Buch warnen Sie, die Deutschen würden sich langsam von der EU abwenden. Jüngste Umfragen zeigen aber das genaue Gegenteil, die Union ist in Deutschland beliebter als anderswo in Europa.

Diese Zeilen wurden vor zwei Jahren geschrieben, als im Zuge der Eurokrise die D-Mark wieder hochgelobt wurde, insofern sind Sie nicht am Puls der Zeit. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass es in der deutschen Gesellschaft Zentrifugalkräfte gibt – auf der einen Seite wird die EU als die einzige Alternative gesehen, auf der anderen Seite gibt es eine wachsende Unzufriedenheit mit dem Rettungseinsatz in Südeuropa. Die EU war immer auch ein Vehikel zur Rehabilitierung Deutschlands, doch diese Funktion erfüllt sie nicht mehr, das ist passé.

 

Meinen Sie, dass Europa aus deutscher Perspektive seine Schuldigkeit getan hat und nicht mehr benötigt wird?

Das ist eine zu harsche und manipulative Sichtweise. Es ist wohl eher ein Prozess des Auseinanderlebens.

 

Ein Bestandteil der innereuropäischen Kohäsion war stets die Angst vor der Vergangenheit. Wirkt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg immer noch als politischer Klebstoff?

Sehr lehrreich sind in dem Zusammenhang die Beispiele Polens und Kroatiens – beides Länder, in denen nationale Selbstbestimmung großgeschrieben wird. Und beide haben sich bewusst für die europäische Form des Supranationalismus entschieden und sind der EU beigetreten. Meiner Ansicht nach deshalb, weil man in Warschau und Zagreb zur Überzeugung gelangt ist, dass nationalstaatliche Alleingänge heute keine Chance auf Erfolg haben. Die EU ist gemäß dieser Lesart der sicherste Hafen in einer stürmischen Welt.

 

In London scheint man diese Sichtweise jedenfalls nicht zu teilen. Großbritannien kann sich ein Leben ohne EU derzeit gut vorstellen.

Das heutige Europa flößt keine Furcht ein, während in der Vergangenheit Großbritannien stets mit mächtigen Feinden auf dem Festland rechnen musste: Spanien, das absolutistische Frankreich, das Deutsche Reich. Ein vereinigtes Europa stellte damals eine fundamentale Bedrohung für Großbritannien dar, deswegen war man stets darum bemüht, diesen kontinentalen Zusammenschluss zu verhindert. Mittlerweile hat aber ein Paradigmenwechsel stattgefunden, im britischen Establishment fürchtet man sich mehr vor dem Chaos, das ein Kollaps der Eurozone auslösen würde, und sieht den Rückzug aus Europa als geringeres Übel.

 

Woher kommt diese Überzeugung? Schließlich wollen selbst die USA, dass Großbritannien in der EU verbleibt.

Die Antwort auf diese Frage verbirgt sich in der britischen Überzeugung, ein Ausnahmefall zu sein. Demnach ist man groß und organisiert genug, um allein bestehen zu können. Die meisten europäischen Länder sind zu klein dafür, und Deutschland ist zu groß.

 

Und was ist mit Frankreich?

Paris hat fünf Jahrzehnte lang die bequeme Sichtweise gepflegt, wonach der europäische Rahmen nur für Deutschland bestimmt ist, während Frankreich nach seinen eigenen Spielregeln spielt – die eigene Atombombe, das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat. Angesichts der Machtverschiebung innerhalb der Union sehe ich de facto nur zwei Möglichkeiten: Entweder werden die französischen Attribute der Macht europäisiert oder Deutschland wertet sich machtpolitisch auf. Aus der französischen Perspektive würde die Gefahr dieser zweiten Variante dafür sprechen, mehr Europa zu wagen.

 

Das wäre aber eine angstgetriebene Entscheidung.

Ja, aber nicht aus einer atavistischen Angst, sondern aus der Sorge vor wachsenden strategischen Ungleichgewichten.

Zur Person

Brendan Simms unterrichtet derzeit am Centre of International Studies der Universität Cambridge. Der gebürtige Ire befasst sich mit der Geschichte der europäischen Außenpolitik, sein jüngstes Buch trägt den Titel „Europe: The Struggle for Supremacy, 1453 to the Present“ und ist 2013 bei Allen Lane erschienen. Davor beschrieb er unter anderem die britische Rolle in den Balkankriegen der 1990er-Jahre sowie den Aufstieg des britischen Empires im 18.Jahrhundert. privat

Deutsche Höhen und Tiefen

800 Karl der Große wird von Papst Leo III. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt.

1517 Martin Luther macht seine Thesen publik – die Ära der Glaubenskriege beginnt.

1648 Der Dreißigjährige Krieg endet mit dem Westfälischen Frieden. Weite Teile Mitteleuropas sind verwüstet.

1701 Unter Friedrich I. wird Preußen zum Königtum.

1806 Infolge französischen Drucks löst Kaiser Franz II. das Heilige Römische Reich auf.

1862 Otto von Bismarck wird Ministerpräsident Preußens.

1870/71 Der deutsch-französische Krieg endet mit Frankreichs Niederlage. Das zweite Deutsche Reich wird gegründet.

1914 Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die „Mittelmächte“ Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei kämpfen gegen die französisch-britisch-russische Entente.

1945 Niederlage Hitler-Deutschlands (seit 1933). Das Land wird von den Alliierten geteilt.

1957 Mit Frankreich, den Beneluxstaaten und Italien gründet Westdeutschland die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG, den Vorläufer der EU.

1989 Die Berliner Mauer fällt, BRD und DDR werden 1990 wiedervereinigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2013)

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