"Saudiarabien ist die heilige Kuh des Westens"

König Abdullah inszeniert sich in Wien als Reform-König, während es in Saudiarabien keine Religionsfreiheit gibt, sagt die Wissenschaftlerin al-Rasheed.

Die saudiarabische Hauptstadt Riad.
Die saudiarabische Hauptstadt Riad.
Die saudiarabische Hauptstadt Riad. – (c) Reuters (FAISAL NASSER)

Die Presse: Der Erzfeind Iran schließt einen Atomdeal mit dem Westen ab. Ein schwerer Rückschlag für Saudiarabiens Machtansprüche im Nahen Osten?

Madawi al-Rasheed: Ja, Saudiarabien sieht den Atomdeal als Niederlage, als Verrat durch Washington und als Bedrohung. Ökonomisch fürchtet Riad, dass künftig durch eine Rückkehr des Irans auf den Ölmarkt die Abhängigkeit vom saudischen Öl sinkt – und politisch, dass ihr Hauptverbündeter, die USA, nach 35 Jahren Eiszeit wieder enge Beziehungen zum Erzfeind Iran aufnehmen könnte. Die Saudis wollten, dass man den Iran bombardiert und nicht, dass man mit ihm verhandelt.

In dieser Frage sind Saudiarabien und sein zweiter großer Rivale Israel einer Meinung.

Ja, das ist eine Ironie. Künftig könnte es mehr Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Ländern geben. Es haben auch Gespräche über eine Kooperation im zivilen Technologiebereich stattgefunden. Offiziell leugnet Saudiarabien aber jede Kooperation mit Israel.

Im Verhältnis zwischen Saudiarabien und den USA gibt es dagegen deutliche Spannungen. Zugleich sinkt die Abhängigkeit Washingtons von Ölimporten. Geht da eine Partnerschaft zu Ende?

Das denke ich nicht. Diese beiden Länder sind sowohl wirtschaftlich - etwa über den Petrodollar - als auch militärisch viel zu eng miteinander verwoben. Diese Partnerschaft lässt sich gar nicht so einfach auflösen.

Wie wird Saudiarabien also auf den relativen Machtverlust an den Iran im Nahen Osten reagieren?

Der große Testfall wird Syrien. Dort unterstützt der Iran Bashar al-Assad. Saudiarabien drängt die Rebellen zu einer kompromisslosen Haltung und zögert damit jede friedliche Lösung hinaus. Im Kampf gegen den Einflussverlust spendet Saudiarabien zudem Geld an die Regierung in Kairo. Wenn Saudiarabien auch noch Ägypten verlieren würde, hätte es nämlich ein riesiges Problem. Seinen Einfluss im Irak und im Libanon hat Riad ja schon an den Iran verloren.

Ist dieser drohende Einflussverlust auch der Grund, warum Saudiarabien auf seinen Sitz im UN-Sicherheitsrat verzichtete?

Das war ein infantiler Protest. Saudiarabien schadet sich damit selbst. Es hätte über den UN-Sicherheitsrat versuchen können, seine Agenda durchzubringen und zu vermitteln. Stattdessen wird es nun als Saboteur der internationalen Diplomatie betrachtet.

Den Sitz im UN-Menschenrechtsrat hat Riad dagegen angenommen. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie erfahren haben, dass Saudiarabien in das Gremium gewählt wurde?

Ich war bitter enttäuscht. Denn Saudiarabien hat eine lange Liste an Menschenrechtsverletzungen. Ohne seine wirtschaftliche Stärke hätte es diesen Sitz nicht bekommen. Es wäre isoliert.

Ist diese Wirtschaftsstärke der Grund dafür, dass sich Regierungen im Westen mit Kritik, etwa an der nicht vorhandenen Religionsfreiheit, auffallend zurückhalten?

Ja, Saudiarabien ist so etwas wie die heilige Kuh des Westens. Es geht dabei um Öl, Investitionen und Sicherheitspolitik. Denn die Saudis erpressen die Regierungen: „Wenn ihr uns unter Druck setzt wegen der Menschenrechte, dann machen wir den nächsten Waffendeal eben mit einem anderen europäischen Land. Oder wir kooperieren dann nicht mehr mit euren Geheimdiensten.“ Es gibt daher eine Konkurrenz um die Zuneigung Saudiarabiens.

Auch in Wien wurde mit freundlicher Unterstützung Österreichs ein Zentrum für interreligiösen Dialog durch Saudiarabiens König Abdullah errichtet ...

... ja, das ist Teil der Selbstinszenierung von Abdullah als Reformkönig. Dabei gibt es in Saudiarabien im Grunde keine Religionsfreiheit. Es darf keine Gotteshäuser von anderen Religionen geben und so weiter. Aber im Ausland - auch in Wien - sucht der König den interreligiösen Dialog.

Wie reagiert die saudische Gesellschaft auf die Deals mit dem Westen, insbesondere mit den USA?

Einige Gruppen sagen: „Haben wir euch nicht gesagt, ihr sollt den USA nicht trauen und nicht alles auf eine Karte setzen? Jetzt haben sie euch verraten und sich mit unserem Erzfeind Iran ausgesöhnt.“ Die Waffendeals halten viele Saudis für eine Geldspende an den Westen.

Manche Experten glauben, dass die saudische Monarchie trotz des Anscheins von Stabilität schon bald kollabieren könnte.

Noch decken die Öleinnahmen viele Probleme zu. Auch die religiösen Führer helfen dabei, die Bevölkerung ruhig zu halten, indem sie das Demonstrationsverbot unterstützen. Aber dieses System kann so nicht für immer existieren. Es kommt etwas in Bewegung: Die Leute stellen immer mehr Fragen: Warum gibt es so viel Korruption? Wohin fließt das Geld?

Kann das Königshaus wegen seiner historischen Abhängigkeit von den religiösen Führern das System überhaupt modernisieren,  ohne sich damit selbst zu Fall zu bringen?

Bisher war das System reformresistent. Und natürlich: Wenn es sich der König mit den religiösen Führern verscherzt, dann werden diese den Menschen sagen: "Okay, es ist euer Recht, zu demonstrieren." Derzeit gibt es eben diesen Pakt mit den religiösen Führern: Sie halten die Bevölkerung ruhig, dafür bekomme sie Privilegien.

Sie leben in London. Was ist für Sie der größte Unterschied zu Saudiarabien, wo Sie aufgewachsen sind?

Die intellektuelle Freiheit. Ich kann in London im Rahmen der Gesetze denken und schreiben, was ich will. In Saudiarabien wäre das unmöglich. Dort ist es ein Verbrechen, meine Bücher zu besitzen. Ein älterer Richter fasste 15 Jahre Haft aus. Einer der Vorwürfe war, dass er eines meiner Bücher besaß.

Besuchen Sie Ihre Verwandten in Riad von Zeit zu Zeit?

Nein, denn ich würde vielleicht nicht zurückkehren.

ZUR PERSON

Madawi al-Rasheed ist unter anderem Gastprofessorin am Middle East Centre der London School of Economics. Der Forschungsschwerpunkt der 51-Jährigen liegt auf der Geschichte und Gegenwart Saudiarabiens, wo sie in einer prominenten Familie aufgewachsen ist. Die al-Rasheed-Dynastie herrschte bis 1921 über ein Emirat auf dem Gebiet des heutigen Saudiarabien. [ Archiv]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2013)

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