China schafft die Umerziehungslager ab

Der Volkskongress fixierte gestern, Samstag, offiziell bereits angekündigte Reformen. Auch die Ein-Kind-Politik wird gelockert.

(c) EPA (DIEGO AZUBEL)

Peking. Der Ständige Ausschuss des chinesischen Volkskongresses hat am Samstag offiziell die Abschaffung der Umerziehungslager sowie eine Lockerung der Ein-Kind-Politik beschlossen. Das meldete die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Die Reformen waren bereits im November angekündigt worden.

Zu Jahresbeginn 2013 gab es in China nach Angaben des Justizministeriums noch 260 Arbeitslager mit 160.000 Festgehaltenen. Die meisten sollen laut Berichten von Staatsmedien bereits leer oder umgewandelt worden sein. Das System der Lager war in den 1950er-Jahren in Anlehnung an die berüchtigten Gulags in der Sowjetunion eingerichtet worden. Selbst für kleine Vergehen konnte die Polizei Kriminelle oder Dissidenten bis zu vier Jahre in den Anstalten verschwinden lassen. Der Beschluss eines Richters war dafür nicht nötig.

Die Ein-Kind-Politik wurde 1979 eingeführt, um eine Bevölkerungsexplosion zu verhindern. Das wachsende Riesenvolk musste ernährt und die knappen Ressourcen geschützt werden. Daher entschloss sich die Staatsführung zu dem drastischen Schritt.

Bis heute verringerte die strikte Familienpolitik die Bevölkerung um schätzungsweise 300 Millionen Menschen. Wegen Zwangsmaßnahmen und Abtreibungen in vorgerückter Schwangerschaft wurde die Familienpolitik immer kritisiert. Zuletzt wurde sie zunehmend gelockert. Es gibt Ausnahmen für Minderheiten. Bauern, die als Erstes ein Mädchen bekommen, dürfen nochmals versuchen, einen männlichen Stammhalter zu bekommen. Auch Paare, bei denen beide Partner selbst Einzelkinder waren, können ein zweites Kind bekommen. So trafen die Beschränkungen zuletzt nur auf ein Drittel der Familien zu. Die Lockerung wird ohnehin keinen Babyboom auslösen, sind sich die meisten Experten einig. Grund ist Chinas wirtschaftliche und soziale Entwicklung: „Viele wollen heute nur ein Kind“, sagt der Sozialwissenschaftler Liang Zhongtang. Er geht davon aus, dass die Zahl der Babys um etwa zehn Millionen ansteigen wird. Viele Paare fürchten, dass sie nicht genug Geld für ein zweites Kind haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2013)

Kommentar zu Artikel:

China schafft die Umerziehungslager ab

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen