Ukraine: Klitschkos Zweifronten-Kampf

Dem Oppositionsführer droht die Kontrolle über den Maidan zu entgleiten. Präsident Janukowitsch gibt sich derweil kompromissbereit und kündigt eine Regierungsumbildung an.

Vitali Klitschko
Vitali Klitschko
Vitali Klitschko – APA/EPA/ROMAN PILIPEY

Wien/Kiew. Für Vitali Klitschko ist es eine ungewohnte Situation. Bei seinen Boxkämpfen gab es einen Gegner, auf den sich der Champion im Vorfeld einstellen konnte, und auf den er im Ring seinen ganzen Fokus richtete. Hier aber, als Oppositionsführer im politischen Ring des „Euro-Maidan“, der seit Ende November andauernden Protestbewegung gegen den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, ist Klitschko in einem Zwei-Fronten-Kampf gefangen: Auf der einen Seite die Frontstellung gegen den Präsidenten, auf der anderen Seite der Kampf um die heterogene Schar der Demonstranten, der täglich neu geführt werden muss. Verlieren Klitschko und die anderen beiden Oppositionsführer Arsenij Jazenjuk und Oleg Tjagnibok diesen Kampf, so können sie den anderen nicht gewinnen.

Fast zwei Monate lange gelang es ihnen mit Geschick, die Menschen auf dem Maidan bei der Stange zu halten und sie trotz Schnee, Eis und scharfen Minusgraden tagtäglich zu Tausenden, ja Zehntausenden auf die Straßen zu bringen – und damit Janukowitschs Taktik des Aussitzens ins Leere laufen zu lassen. Doch in der Nacht auf Freitag schien sich das Blatt erstmals zu wenden: „Schande, Schande“, riefen die Demonstranten auf dem Maidan. Und meinten damit nicht Janukowitsch, sondern Klitschko. Denn die drei Oppositionsführer waren mit leeren Händen vom Krisengipfel mit dem Präsidenten zurückgekehrt. Das einzige, was sie vorweisen konnten, war die vage Zusage des Regimes, inhaftierte Demonstranten freizulassen. Instinktiv schaltete Klitschko auf Offensive und rief dazu auf, die Proteste auszuweiten: „Heute nur ein paar Städte – morgen werden es mehr. Heute ein paar Barrikaden – morgen noch mehr.“

 

Verwaltungsgebäude gestürmt

Genau dies geschah am Freitag auch: Eine Gruppe von etwa 1000 Menschen blockierte Zufahrten zum Amtssitz des Präsidenten, andere besetzten das Landwirtschaftsministerium: „Wir brauchen das Gebäude, damit sich unsere Leute aufwärmen können“, rechtfertigte sich ein Demonstrant gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax. In mehreren anderen Städten wurden Verwaltungsgebäude gestürmt.

An sich ist das Trio der Oppositionsführer eine gute Mischung: der zupackende Klitschko, der sich auch mal zwischen gewaltbereite Demonstranten und Sicherheitskräfte wirft, um die Situation zu deeskalieren, der gut vernetzte Ex-Außenminister Jazenjuk, ein Vertrauter der inhaftierten Julia Timoschenko, und der Nationalist Tjagnibok, der sich mit seinen radikalen Sprüchen derzeit auffallend zurückhält, wohl im Wissen, dass Antisemitismus in Brüssel nicht wirklich gut ankommt. Sie sprechen unterschiedliche Segmente der Demonstranten an, was taktisch wichtig ist, und sie haben es bis vor kurzem auch geschafft, die Proteste friedlich zu halten.

Doch über ein kleines Segment der Regimegegner verlieren sie zusehends die Kontrolle: jenen gewaltbereiten Block, der sich schlicht „Rechter Sektor“ nennt, und der in den vergangenen Tagen teils mit großer Brutalität auf die Sicherheitskräfte losgegangen ist. Das sind Bilder, die die Oppositionsführer gar nicht brauchen können, diskreditieren sie doch die Protestbewegung insgesamt.

Gleichzeitig sind sie aber gerade auf diese Leute angewiesen, die sich zu einem großen Teil aus kampferprobten Fußball-Hooligans rekrutieren, wenn es hart auf hart geht und man sich eines Angriffs der Sicherheitskräfte erwehren muss. Es ist ein wenig wie vor drei Jahren am Kairoer Tahrir-Platz, wo Hooligans des Vereins El-Ahly die Speerspitze der Revolution bildeten.

 

Wird Premier geopfert?

Präsident Janukowitsch hat sich derweil einmal mehr Zeit erkauft: Er kündigte am Freitag für kommende Woche eine Kabinettumbildung an. Bereits am Donnerstag hatte er eine Dringlichkeitssitzung des Parlaments einberufen, auf der sowohl über einen Rücktritt der Regierung als auch über eine Rücknahme der Verschärfungen des Demonstrationsrechts debattiert werden soll.

Gut möglich, dass Janukowitsch Premier Asarow über die Klinge springen lässt. Damit kann er sich im In- und Ausland als kompromissbereit darstellen, und für die Demonstranten ist rein gar nichts gewonnen, wenn der Präsident einfach einen anderen Getreuen als Premier einsetzt. Denn er selbst wird bleiben.

AUF EINEN BLICK

Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch kündigte für kommende Woche eine Umbildung der Regierung an. Damit kommt er den Forderungen der Demonstranten etwas entgegen. Diese haben ihre Aktionen am Freitag ausgeweitet, die Barrikaden in Kiew verstärkt und in mehreren Städten Verwaltungsgebäude gestürmt. Den Oppositionsführern fällt es immer schwerer, die radikalen Segmente der Protestbewegung zu kontrollieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2014)

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