Hongkong singt: „China, meine Mutter“

Vor zehn Jahren wurde die britische Kronkolonie zur „Sonder-verwaltungszone“ der Volksrepublik.

(c) EPA

PEKING. Mit Tränen in den Augen und nass vom Regensturm, der durch die Straßen peitschte, verließ der letzte britische Gouverneur Christopher Patten in der Nacht zum 1. Juli 1997 seinen Posten in Hongkong. Nach 156 Jahren britischer Herrschaft verwandelte sich die alte „Kronkolonie“ an der südlichen Küste Chinas an diesem Tag in eine „Sonderverwaltungsregion“ der Volksrepublik China. Der „Union Jack“ wurde eingeholt, die Rote Flagge mit den fünf goldenen Sternen gehisst.

Damals begann ein einzigartiges Experiment: Unter dem Motto „ein Land, zwei Systeme“ versprach die Kommunistische Partei den fast sieben Millionen Einwohnern der Hafen- und Finanzmetropole, sie dürften fast genauso weiterleben wie bisher. Bis zum Jahr 2047, so gestand Peking zu, sollten die Hongkonger sich weitgehend eigenständig verwalten dürfen. Sie sollten ihre Freiheiten, die unabhängige Justiz und die freie Presse behalten. So steht es im „Grundgesetz“, auf das sich London und Peking in zähen Verhandlungen geeinigt hatten.


300.000 packten ihre Koffer

Die Hongkonger erlebten das Ende der Kolonialzeit mit gemischten Gefühlen. Viele waren froh, nicht mehr chinesischer Untertan der britischen Königin und damit Bürger zweiter Klasse zu sein. Andere fürchteten um ihre Freiheit – vor allem jene, deren Familien einst aus der Volksrepublik nach Hongkong geflohen waren. Rund 300.000 meist wohlhabende Hongkonger packten ihre Sachen und zogen nach Kanada, Australien oder in die USA.

Freudig begrüßten die einflussreichen und milliardenschweren Hongkonger Tycoons die neuen kommunistischen Machthaber. Es waren Leute wie der durch Immobilien- und Reedereigeschäfte zum reichsten Mann Asiens aufgestiegene Li Ka-shing und der Casinokönig Stanley Ho, die sich mit den Mächtigen in Peking arrangiert und enge wirtschaftliche Beziehungen geknüpft hatten.

Die Tycoons wussten, dass die KP keineswegs vorhatte, in Hongkong den Kommunismus einzuführen. Im Gegenteil: Pekings Interesse war es, das Erbe der Briten so gut wie möglich zu bewahren. Die Sonderverwaltungsregion sollte politisch stabil und wirtschaftlich erfolgreich sein.

In den Augen Pekings spielte die Ex-Kolonie mit ihren hochspezialisierten Finanzjongleuren, den Logistikern und Händlern mit Kontakten in die ganze Welt, mit der Börse, dem modernen Containerhafen und den lebendigen Universitäten von Anfang an eine Schlüsselrolle bei den Wirtschaftsreformen. Nach Hongkong schicken Chinas Konzerne und Behörden bis heute junge Manager, um sie für den internationalen Wettbewerb fit zu machen.


„Offene Gesellschaft geblieben“

Deshalb hat die KP ihr Versprechen, die bürgerlichen Freiheiten und unabhängigen Gerichte nicht anzutasten, weitgehend eingehalten: „Hongkong ist eine offene Gesellschaft mit einem rechtsstaatlichen System geblieben“, urteilt Ex-Gouverneur Patten. Die Presse ist immer noch frei, wenn auch viele Journalisten inzwischen ihren Schreibtisch räumen mussten und andere eine Schere im Kopf haben. In den Gerichtssälen sitzen neben chinesischen Juristen auch britische und australische Anwälte und Richter.

Der Bischof der vatikantreuen katholischen Kirche, die jenseits der Grenze auf dem Festland verfolgt wird, kann in Hongkong ungehindert seine Messe lesen und öffentlich Kritik an Peking üben. Sogar Falun Gong-Anhänger dürfen ohne Angst um ihr Leben gegen die Repression in China demonstrieren. Gleichwohl sind viele Hongkonger enttäuscht. Denn die im „Grundgesetz“ versprochene politische Reform, die den Bewohnern der Enklave erlauben würde, Parlament und Regierungschef frei zu wählen, ist in den vergangenen zehn Jahren nicht vorangekommen.


Peking setzt auf Zeit

Das letzte Wort über die Zukunft Hongkongs behält sich die KP vor. Und das soll so bleiben.

Nach dem Versuch, ein von Peking initiiertes Anti-Subversionsgesetz in Hongkong durchzudrücken, gingen 2003 eine halbe Million Menschen auf die Straße. Die Regierung musste den Gesetzentwurf zurückziehen. In Peking setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Hongkonger politisch wacher sind als angenommen.

Gleichzeitig setzt Peking auf Zeit und die Wirkung unentwegter „patriotischer“ Propaganda, die vor allem die jungen Hongkonger erreichen soll. Lieder wie „China, meine Mutter“, „China, ich liebe Dich“ gehören zum Standardprogramm öffentlicher Veranstaltungen. Nach einer neuen Umfrage bezeichnen sich Hongkongs Schüler mehrheitlich als „Chinesen“. Vor zehn Jahren hatten sie auf dieselbe Frage noch geantwortet: „Hongkonger“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2007)

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