Australien: „Sorry“ für die „geraubte Generation“

Regierung will Versöhnung mit den Ureinwohnern, aber keine Entschädigung.

EPA

WIEN/CANBERRA. Stammestänze und seltsame Töne aus Didgeridoos: Für Australien-Touristen sind Aborigines nur Folklore. Weiße Australier jedoch verbinden mit ihnen das Gefühl der Schuld, die sie im Umgang mit den Ureinwohnern auf sich geladen haben. Keine verjährte Schuld wie in Amerika: Die Wunde ist jung und bricht immer wieder auf. Von 1870 bis 1970 nahmen Behörden den Aborigines über 100.000 Kinder weg, steckten sie in Waisenhäuser oder zu weißen Pflegeeltern. Ohne zwangsweise Integration, so glaubte man, hätten sie keine Zukunft. In vielen Bundesstaaten wurden bis 1967 die „Rechte“ der Aborigines nur in Gesetzen zum Umgang mit Wildtieren erwähnt.

Viele Opfer der „geraubten Generation“ fordern heute Wiedergutmachung, symbolisch und finanziell. Der konservative Ex-Premier John Howard hatte eine offizielle Entschuldigung elf Jahre lang verweigert, aus Furcht vor Entschädigungsforderungen. Erst kurz vor seiner Wahlniederlage im November sprach er vom „größten Schandfleck in der Geschichte“ – eine „Konversion am Totenbett“, wie Medien meinten. Denn sein Nachfolger, der linksliberale Kevin Rudd, machte die nationale Versöhnung erfolgreich zum Wahlkampfthema und versprach den ersehnten Kniefall. Im Februar wird das Parlament eine Erklärung abgeben, an deren Text mit Stammesältesten gefeilt wird.


Der Fluch Alkohol

Um die Frage eines Entschädigungsfonds drückte sich freilich auch Rudd herum. 590 Mio. Euro forderten die Vertreter der Aborigines, mit einem aktuellen Präjudiz als Rückenwind. Nun hat Rudds Labour Party ihrem Wunsch eine Absage erteilt: Ja zu Mitteln für Gesundheit und Bildung in den Stammesgebieten, nein zu einem Fonds.

Der Hintergrund: Die Stimmung hat sich gedreht. Für viele Australier sind nicht die Fehler der Vergangenheit, sondern die 460.000 Aborigines von heute der wahre „Schandfleck“. Tatsächlich bleiben viele Stammesgebiete auch 40 Jahre nach der Gleichstellung ein Stück Dritte Welt im reichen Australien – mit einer um 17 Jahre niedrigeren Lebenserwartung, 38 Prozent Arbeitslosen und dem Fluch Alkohol, dem „Wasser des weißen Mannes“. In seinem Gefolge kommt es immer öfter zu sexuellen Übergriffen auf Kinder.

Ein Übel, dem Howard im Vorjahr mit Polizei und Militär Herr zu werden versuchte. Wer wollte sagen, wo die Verantwortung der Weißen für die Missstände endet, wo die der Ureinwohner beginnt? Ein bitteres Fazit: Die Opfer sind Kinder, damals wie heute.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2008)

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