Steinmeier platzt der Kragen: Wutrede als Hit auf YouTube

Deutschland. Ungewohnt heftig reagierte der Außenminister auf „Friedensdemonstranten“. Umfragen und SPD-Veteranen setzen ihm zu.

Frank-Walter Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier – (c) imago/Christian Thiel (imago stock&people)

Berlin. Nichts, so schien es, kann Frank-Walter Steinmeier aus der Ruhe bringen. Russische Drohgebärden, Chaos in der Ostukraine, disparate Reaktionen in der EU – und mittendrin der deutsche Außenminister, der Putin ruhig in die Schranken weist, geduldig weiter um eine diplomatische Lösung ringt und dabei stets besonnen bleibt. Bis Anfang dieser Woche. Da platzte dem SPD-Chefdiplomaten bei einer EU-Wahlveranstaltung auf dem Berliner Alexanderplatz der Kragen.

Steinmeier hatte seine Rede kaum begonnen, da übertönte ihn schon eine Gruppe von „Friedensdemonstranten“. Sie brüllten „Kriegstreiber!“, ließen ihre Trillerpfeifen hören, schwenkten „Stoppt die Nazis in der Ukraine“-Schilder. Und Steinmeier? Er brüllte mit hochrotem Kopf zurück – das aber druckreif: „Ihr solltet euch überlegen, wer hier die Kriegstreiber sind. Wer eine ganze Gesellschaft als Faschisten bezeichnet, der treibt den Krieg, der treibt den Konflikt.“ Und er spannte trotz Erregung mühelos den Bogen zum Thema Europa: „Dieser Protest da hinten zeigt, dass es immer noch Menschen gibt, die Europa nicht verstanden haben.“

Der geschliffen formulierte Wutausbruch wurde rasch zum Hit auf YouTube: 700.000 Klicks in eineinhalb Tagen für eine Wahlkampfrede, das macht Steinmeier so schnell keiner nach. Es mag ihn trösten, denn Gegenwind kommt von vielen Seiten. Ob Egon Baar oder Erhard Eppler: SPD-Veteranen überbieten sich in Verständnis für Russland und Kritik an Sanktionen. Helmut Schmidt zielt auf seinen Parteifreund, wenn er beklagt, es gebe „leider niemanden, der konstruktive Vorschläge zur Zukunft der Ukraine vorbringt“. Gerhard Schröder brüskiert seinen früheren Kanzleramtschef, indem er den russischen Präsidenten grinsend umarmt.

Weit mehr muss Steinmeier beunruhigen, wie wenig Rückhalt in der Bevölkerung seine Doktrin einer aktiveren Außenpolitik hat: 82 Prozent der Deutschen fordern weniger statt mehr Militäreinsätze. 60 Prozent wollen, dass sich ihre Politiker in internationalen Konflikten „weiterhin eher zurückhalten“, nur 37 Prozent befürworten ein stärkeres Engagement. Der von fast drei Viertel genannte Grund ist schlicht: Ihr Land habe „genug eigene Probleme“. Steinmeier gibt zu: Die „Diskrepanz“ zwischen den Erwartungen des Auslands und der Einstellung der Deutschen „könnte nicht größer sein“. Er will Brücken über den „Graben“ bauen. (gau)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2014)

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