Geiselnahme als „Waffe“ der Separatisten

Prorussische Rebellen entführten in Slawjansk vier OSZE-Mitarbeiter, sie sollten noch gestern freigelassen werden. In der Rebellenhochburg intensivieren sich die Kämpfe: Separatisten schossen einen Hubschrauber ab.

Ukranian businessman, politician and presidential candidate Petro Poroschenko visits Kryukov Railway Car Building Works in Kremenchuk in Poltava Region
Ukranian businessman, politician and presidential candidate Petro Poroschenko visits Kryukov Railway Car Building Works in Kremenchuk in Poltava Region
(c) REUTERS

Kiew/Donezk/Wien. Die prorussischen Separatisten in der Ostukraine setzen in ihrem „Krieg“ für die Unabhängigkeit zunehmend auf Geiselnahmen – auch von Mitgliedern internationaler Organisationen. Seit Montag ist der Kontakt zu vier Mitarbeitern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) abgerissen, die auch gestern noch in der Stadt Slawjansk festgehalten wurden.

Die OSZE-Helfer kommen aus der Schweiz, Dänemark, Estland und der Türkei. „Wir hatten die OSZE davor gewarnt, in das Gebiet zu fahren. Sie sollte unsere Meinung ernst nehmen“, sagte Rebellenkommandeur Wjatscheslaw Ponomarjow. Am Donnerstag liefen noch die Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln. „Wir überprüfen ihre Papiere und lassen sie dann gehen“, versprach er. „Wir wissen, wo sie sind, es geht ihnen gut.“

Die vier OSZE-Gesandten sind Teil einer Beobachtergruppe, der hunderte Mitarbeiter angehören und die internationale Vereinbarungen zur Deeskalation der Krise überwachen soll. Im Fall einer zweiten Beobachtergruppe im Osten der Ukraine, deren Verschleppung befürchtet worden war, gab die OSZE indes Entwarnung. Nachdem die Verbindung zu dem elfköpfigen Team – darunter ein Österreicher – kurzzeitig abgebrochen war, seien Mittwochabend alle Mitarbeiter wieder in Donezk eingetroffen. Den Angaben zufolge wurden die Beobachter längere Zeit an einer Straßensperre festgehalten.

Bei der Entführung der OSZE-Mitarbeiter handelt es sich nicht um Ausnahmen. Separatistische Gruppierungen halten in den Regionen Lugansk und Donezk mehrere Menschen fest. Unter Kiewer Journalisten wird über deutlich mehr als hundert Geiseln spekuliert, die meisten Fälle dürften nicht an die Öffentlichkeit gelangen, heißt es im ORF. Den Angehörigen ist meist daran gelegen, eine Lösung hinter den Kulissen zu erreichen. Auch auf der Krim seien Menschen verschwunden, hieß es.

 

Abschuss mit Raketenwerfer

In Slawjansk verschärft sich indes die Lage deutlich: Beim Abschuss eines ukrainischen Hubschraubers wurden am Donnerstag mindestens 14 Soldaten getötet. Unter den Opfern sei auch General Wladimir Kultschizki. Die Soldaten sollten bei einer Truppenrotation andere Kräfte in dem Kampfgebiet ersetzen. Dabei hätten die Aufständischen den Helikopter mit einem tragbaren Raketenwerfer zerstört, meldete die Regierung in Kiew.

Kiew wirft Moskau vor, die Kreml-treuen Kämpfer gezielt mit Waffen und Söldnern zu unterstützen. Moskau bestreitet das. Der designierte ukrainische Präsident Petro Poroschenko sieht den Osten der Ukraine „faktisch in einem Kriegszustand“ und kündigte unmittelbar nach seinem Wahlsieg am Sonntag an, den „Anti-Terror-Einsatz“ zu intensivieren.

Regierungstruppen führen seit mehreren Wochen eine Militäroffensive gegen die Separatisten im Osten der Ukraine. Die prorussischen Rebellen behaupteten, dass Regierungseinheiten Zivilisten, darunter auch viele Kinder, an der Flucht aus Slawjansk hinderten.

Poroschenko strebt indes ein neues Sicherheitsbündnis mit den USA und Europa an. Dies sei notwendig, um sein Land „auch militärisch zu schützen“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Er wolle den neuen Pakt zügig aushandeln. Einen schnellen Nato-Beitritt schloss er aber aus. Dafür gebe es in der Ukraine „momentan keine Mehrheit“. (Reuters/APA/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2014)

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