Serbien: Ein Plagiatsfall wird zur Realsatire

Nach der Dissertation des Innenministers wird nun ein Doktorat seines Betreuers infrage gestellt: Existiert es überhaupt?

Nebojša Stefanović
Nebojša Stefanović
Nebojša Stefanović – (C) Wikipedia

Belgrad. Wenn ein Minister in seiner Dissertation abschreibt, ist das eine ernste Sache (siehe Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg). Wenn eine Bildungsministerin abgeschrieben hat, entbehrt das nicht einer gewissen Komik (siehe Annette Schavan). Wenn Serbiens Innenminister in seiner Diss abschreibt, wird daraus eine Realsatire, und das kam so: Vor gut einer Woche erschien auf der Internetseite Peščanik ein Text, dessen Autoren (drei Wissenschaftler) sich mit der Dissertation von Innenminister Nebojša Stefanović befassten – und zum Schluss kamen, dass es sich bei mancher Stelle um verdecktes wissenschaftliches Recycling handle, vulgo Plagiat.

Nun ist Stefanović nicht nur jung und ehrgeizig, sondern auch ein Vertrauter von Premier Aleksandar Vučić. Der war einer der Ersten, die ausrückten, Stefanović zu verteidigen: Die Vorwürfe gehörten zum „Dümmsten“ was er je gehört habe, urteilte der Premier. Er habe selbst mit Bestnoten die juristische Fakultät absolviert und könne das also beurteilen. Es gibt da indes, wie die Zeitung „Politika“ feststellte, ein Manko: Es fehlen in Serbien Regelungen, was als Plagiat einzustufen ist, wer dafür überhaupt zuständig ist, und wie, sollte dennoch ein Plagiat auch als solches identifiziert werden, mit dem plagiiert Habenden zu verfahren sei.

 

Internetseite lahmgelegt

Die enthüllende Internetseite büßte ihre Tat mit einem Hackerangriff und war tagelang nicht zugänglich. Peščanik wäre freilich nicht Peščanik, hätte man nicht unverdrossen nachgelegt. Unter denen, die Stefanović beisprangen, war sein Betreuer Mića Jovanović, Rektor der Megatrend-Universität, der sein behauptetes wissenschaftliches Gewicht die Waagschale warf. Er dürfte mittlerweile realisiert haben, dass das keine so gute Idee war, denn nun wurde auch eine seiner zwei Dissertationen untersucht, jene angeblich an der Universität in London verteidigte. Das heißt, sie wäre untersucht worden, wenn sie denn auffindbar gewesen wäre. Die Autoren dieses zweiten Textes auf Peščanik suchten in allen relevanten Uni-Katalogen und fanden – nichts. Also fragten sie den angeblichen Betreuer Stephen Wood. Der versicherte, dass Jovanović zwar an der London School of Economics eine Dissertation eingereicht habe, diese ihm aber zum Behufe gründlicher Überarbeitung zurückgegeben worden sei. Doktorat habe Jovanović an der LSE keines erhalten.

Der Beschuldigte versprach, die „Lügen“ zu widerlegen, doch bisher kann man auf der Homepage der Privat-Uni nur das Titelblatt der Dissertation bewundern. Das beweist nur, dass er sie schrieb, wie auch die Diss-Jäger in ihrer Replik (Titel: „Rektor Jovanović, das ist noch immer kein Londoner Doktorat“) anmerkten – und Hilfe anboten: Sollte Jovanović seine Urkunde verloren haben, brauche er ihnen nur eine Vollmacht geben, sie würden ein Duplikat erwirken. Fortsetzung folgt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2014)

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