Wulff und Co.: Das neue Leben der Politik-„Opfer“

Der gescheiterte Bundespräsident schreibt sich in „Ganz oben, ganz unten“ seinen Zorn über die Medien von der Seele. Guttenberg erklärt Amerikanern die Welt, Westerwelle stiftet. Schavan amtiert bald in Rom.

Former German President Wulff presents his book 'Ganz Oben. Ganz Unten' during news conference in Berlin
Former German President Wulff presents his book 'Ganz Oben. Ganz Unten' during news conference in Berlin
(c) REUTERS

Berlin. Er wollte keine Abrechnung schreiben, und doch ist es eine geworden. Seine Ehre hat Christian Wulff durch den Freispruch von Korruptionsvorwürfen zurückgewonnen, gesellschaftliches Ansehen bleibt dem zurückgetretenen Bundespräsidenten aber weiter verwehrt. Mit der Autobiografie „Ganz oben, ganz unten“ will der 54-Jährige nun die Deutungshoheit über seinen Absturz zurückgewinnen. Die Schuld daran sieht er bei übereifrigen Staatsanwälten, treulosen Parteifreunden und vor allem den Medien: „Aufgeputscht durch Gerüchte, Halbwahrheiten und Unwahrheiten der ,Bild‘-Zeitung, hatten sich viele in einen kollektiven Wutrausch geschrieben.“

Doch die Analyse trägt Züge einer Verschwörungstheorie: Die Springer-Presse habe ihn ins Visier genommen, erklärt Wulff, seit er Sarrazin kritisiert und den Islam zu Deutschland gehörig erklärt hatte. Er „wollte nicht zulassen“, dass die „Bild“-Zeitung „mit konstruierten Vorwürfen“ „am Staatsoberhaupt ein Exempel statuiere“. Aber die „gefährliche Verschiebung der Machtverhältnisse“ konnte er nicht verhindern. Hat eine solche, teils larmoyante Rechtfertigungsprosa das Zeug zum Bestseller? Die Erfahrung lehrt: eher nicht. Schon die Erinnerungen von Exgattin Bettina erreichten nur mit Mühe eine zweite Auflage. Dabei hatten dort noch haltlose Gerüchte über eine angebliche Rotlichtvergangenheit das Interesse geschürt. Wer, so wie Ex-FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle, nur schlüpfrige Bemerkungen zu einer Journalistin in die Skandalwaage legen kann, muss zusehen, wie seine Memoiren in den Regalen des Buchhandels verstauben – trotz des aufrüttelnden Titels: „Jetzt rede ich!“.

Allgemein gilt: Über Gestürzte und Gescheiterte will das Publikum nichts mehr lesen, sobald Gras über diverse Skandale gewachsen ist. Da wirkt Guido Westerwelle weiser, der sich in seiner wiedergewonnen Freizeit lieber „ganze Stapel ungelesener Bücher“ vornimmt, statt selber eines zu schreiben. Der Ex-Außenminister hat die Westerwelle-Foundation gegründet. Von stuckverzierten Büros am Berliner Ku'damm aus analysiert und berät der entsorgte Liberale ehrenamtlich Länder „im Umbruch und Aufbruch“.

 

Doktor h.c. für Ministerin a.D.

Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich Washington zum neuen Operationszentrum erkoren. Der Politstar von einst nutzt am Center for Strategic and International Studies die Distanz: In Amerika wissen wenige von seiner Plagiatsaffäre. Die Signatur „früherer Verteidigungsminister von Deutschland“ macht sich in Gastbeiträgen für die „New York Times“ oder das „Wall Street Journal“ weiterhin prächtig. Annette Schavan, die als Bildungsministerin ebenfalls über einen nicht lupenrein erworbenen akademischen Titel gestolpert ist, wurde wieder zur Doktorin erhoben – freilich nur honoris causa von der Uni Lübeck. Ansonsten titellos wird sie in Kürze ihr neues Amt antreten, als deutsche Botschafterin beim heiligen Stuhl. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2014)

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