Kosovo-Krieg: Tausende Opfer und keine Täter

Fünfzehn Jahre nach dem Kosovo-Krieg sind die Verbrechen der serbischen Sicherheitskräfte, aber auch der kosovo-albanischen UÇK noch kaum aufgearbeitet. Zeugen werden eingeschüchtert, verurteilt werden oft nur einfache Soldaten.

Über die Berge mit Sack und Pack. Im Juni 1998 flohen rund 300 Kosovo-Albaner aus Junik, nachdem serbische Einheiten die Stadt unter Beschuss genommen hatten.
Über die Berge mit Sack und Pack. Im Juni 1998 flohen rund 300 Kosovo-Albaner aus Junik, nachdem serbische Einheiten die Stadt unter Beschuss genommen hatten.
Über die Berge mit Sack und Pack. Im Juni 1998 flohen rund 300 Kosovo-Albaner aus Junik, nachdem serbische Einheiten die Stadt unter Beschuss genommen hatten. – (c) EPA (Louisa Gouliamaki)

Zum letzten Mal hat Avni Melenica seinen Bruder am 22. Mai 1999 gesehen. Serbische Soldaten, zehn bis 15 an der Zahl, waren gegen acht Uhr Früh gekommen. Straßenzug um Straßenzug, Haus um Haus durchkämmten sie Vushtrri und trieben die albanischen Bewohner auf die Straße. Mitnehmen bräuchten sie nichts, sagte man ihnen. An einem Sammelplatz beim Friedhof würden sie Papiere bekommen: „Vor einem Haus haben sie uns plötzlich gestoppt. Sie haben uns Uhren und Schmuck weggenommen. Und dann haben sie begonnen, zu selektieren: ,Du gehst auf diese Seite, du bleibst hier.‘“ Avnis Bruder, 20, musste auf die andere Seite, ebenso drei Onkel, ein Cousin und rund 40 Menschen aus der Nachbarschaft. Der Rest musste sich wieder Richtung Friedhof in Marsch setzen. Dort warteten bereits viele tausend Menschen, erinnert sich Melenica. Viele waren erst vor Kurzem aus anderen Städten oder Dörfern geflohen.

Avni Melenica und sein Vater durften wieder gehen. Am nächsten Tag wagten sie sich in das Haus, in dem sie ihre Verwandten hatten zurücklassen müssen. „Dort war aber niemand. Wir fanden nur Kleidungsstücke, Ausweise. Und viel Blut. In den Wänden waren Einschusslöcher.“ Alle Versuche, etwas über den Verbleib der Vermissten herauszufinden, blieben fruchtlos. Vier Jahre lang. Dann standen Mitarbeiter des Roten Kreuzes vor der Tür und gaben ihnen immerhin Gewissheit: Man hatte die Leichen gefunden. In einem Massengrab in Batajnica, nahe Belgrad, hunderte Kilometer entfernt. Die DNA-Analyse ließ keinen Zweifel.


Warten auf Gerechtigkeit. Mehr als 13.000 Menschen wurden vor, während und nach dem Kosovo-Krieg, von Jänner 1998 bis Dezember 2000, getötet oder gelten bis heute als vermisst. Wobei „vermisst“ nur umschreibt, dass die Leiche noch nicht gefunden wurde. 10.527 dieser Todesopfer sind laut vorläufiger Statistik der renommierten NGO Humanitarian Law Center (HLC) Albaner, 2170 Serben, der Rest verteilt sich auf Roma und andere Minderheiten. Getötet, weil sie Albaner, Serben, oder Roma waren. Vor und während der Nato-Angriffe gegen Serbien (März bis Juni 1999), waren die Albaner die Hauptleidtragenden, nach dem Abzug der serbischen Sicherheitskräfte die Serben. In den meisten Fällen warten die Angehörigen auch nach 15 Jahren weiter auf Gerechtigkeit.

Nun gibt es in Serbien seit 2003 einen Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen auf dem Territorium Ex-Jugoslawiens. Und man nimmt Bruno Vekarić, einem seiner Stellvertreter, den guten Willen gerne ab, wenn er von der Notwendigkeit spricht, die Straflosigkeit zu beenden: „Eine ganze Reihe von Tätern ist mitten unter uns, sie gehen mit unseren Kindern zu Fußballspielen, wir laufen ihnen beim Einkaufen über den Weg.“ Doch wenn seine Behörde in diesem Tempo weiterarbeite, so die Kritik aus internationalen Justizkreisen und von NGOs, werde man die meisten Fälle ans jüngste Gericht abtreten müssen. Bis jetzt wurden erst 37 Fälle in zweiter Instanz abgeschlossen.

Doch es ist nicht nur die Quantität, die Sandra Orlović, Leiterin des HLC, Sorgen macht. Große Fische, etwa der einstige jugoslawische Ex-Generalstabschef Dragoljub Ojdanić, wurden vom Haager Jugoslawien-Tribunal verurteilt. Das serbische Sondergericht würde sich wiederum vor allem um jene Täter kümmern, die den Finger am Abzug hatten: „Aber Ojdanić hat seine Befehle ja nicht direkt an die einfachen Soldaten gegeben.“ Die Ebenen dazwischen fehlen meist, und Orlović weiß auch, warum: „Viele von diesen Leuten haben heute hohe Positionen in den Sicherheitskräften.“

Staatsanwalt Vekarić drückt es so aus: „Einige Täter sind nach wie vor in den Rängen der Polizei oder der Armee. Es gibt eine Art Schweigeübereinkommen, denn sie wissen, wenn einer zu sprechen beginnt, machen andere weiter. Das ist wie in der Cosa Nostra.“ Wer doch spricht, riskiert viel. Es gibt zwar ein Zeugenschutzprogramm, dieses ist aber im Innenministerium angesiedelt, wo auch zahlreiche Täter bis heute Dienst tun. Menschenrechtlerin Orlović weiß von Fällen, in denen Insiderzeugen von Beamten des Zeugenschutzes eingeschüchtert wurden: „Aber diese Schlüsselzeugen sind oft unerlässlich für einen Prozess.“

Zum letzten Mal hat Nataša Ščepanović ihre Eltern Mitte Juni 1999 gesehen. Nach dem Rückzug der serbischen Sicherheitskräfte fürchteten die Serben Übergriffe und Racheakte. Ščepanovićs Kinder waren klein, ein Großteil der Familie floh zu Verwandten nach Belgrad. Ihr Vater, ein 60-jähriger Schuldirektor in der Kleinstadt Istok, und seine ein Jahr jüngere Frau wollten bleiben und auf das Haus aufpassen. Es war ein Abschied für immer. „Die (Nato-Schutztruppe; Anm.) KFOR wusste, dass es zu Massakern kommen würde und hat die Evakuierung der Verbliebenen vorbereitet. Das hat die UÇK erfahren – und zugeschlagen.“ Von Augenzeugen weiß Ščepanović heute, dass ihr Vater von UÇK-Kämpfern aus dem Haus gezerrt wurde. Die Mutter habe sich mit einer Bekannten versteckt und sei ebenfalls verschleppt worden. Dann verlieren sich die Spuren.


Der KFOR-Kommandant weinte nur. Wochen später fuhr ihre Schwester nach Istok, um Informationen über den Verbleib der Eltern zu bekommen: nichts. „Der lokale KFOR-Kommandant hat mit ihr gemeinsam geweint, als sie ihm die Bilder der Eltern zeigte. Ich bin mir sicher, die KFOR wusste, was passiert war. Dass meine Eltern ermordet worden waren.“ Auch bei Ščepanović dauerte es lange, bis sie Gewissheit hatte. 2003 wurden die sterblichen Überreste eines Mannes per DNA-Analyse ihrem Vater zugeordnet. Er war neben Soldaten begraben worden – in Belgrad. Warum, das kann sie nur vermuten, denn ihr Vater habe ja nichts mit der Armee zu tun gehabt: „Die KFOR hatte ein Abkommen mit den Albanern, um die Körper getöteter serbischer Sicherheitskräfte aus dem Kosovo zu bringen. Es war für die Überführung einfacher, ihn als Soldaten auszugeben.“ Zivile serbische Opfer, das hätte das Narrativ vom „sauberen“ Befreiungskampf der UÇK gestört. Über den Verbleib der Mutter ist bis heute nichts bekannt. Ščepanović hat sich mit Leidensgenossen zusammengetan und ist heute Vorsitzende einer Vereinigung serbischer Opferfamilien.

Ist es schon mühsam, serbische Täter zu verfolgen, so ist es im Fall der ehemaligen UÇK noch schwieriger. Der Kosovo ist ein kleines Land mit ausgeprägten Familien- und Clanstrukturen. Der Schutz von Zeugen ist da kaum möglich: „Binnen zwei Stunden wissen die, wo die Mutter des Zeugen wohnt“, so formuliert es ein Jurist, der Erfahrung mit der Verfolgung von UÇK-Verbrechen hat, sich aber nur anonym äußern will, zugespitzt. Oft sagten die Zeugen im Ermittlungsverfahren noch aus, um ihr Gewissen zu erleichtern, doch im Prozess „tun sie alles, um ihre eigenen Aussagen zu unterminieren“.


Zeugen bedroht und gekauft. Vehbi Kajtazi, Spezialist für Kriegsverbrechen bei der Zeitung „Koha Ditore“, erwartet sich denn auch wenig von dem kürzlich beschlossenen internationalen Tribunal für Verbrechen der UÇK: „Auch die EU-Mission Eulex hat Zeugen nicht ausreichend schützen können. Sie wurden bedroht oder gekauft, und zogen ihre Aussagen zurück“, sagt Kajtazi und erinnert an den Fall Fatmir Limaj. Der Ex-UÇK-Kommandant und spätere Minister wurde aus Mangel an aussagewilligen Zeugen – einer beging angeblich in Deutschland 2011 Selbstmord – mehrfach vom Verdacht der Kriegsverbrechen freigesprochen, in Den Haag wie in Prishtina.

Auch Bekim Blakaj steht dem geplanten Tribunal, das sich auch mit Vorwürfen befassen soll, die UÇK hätte verschleppten Serben Organe entnommen und verkauft, kritisch gegenüber. Blakaj leitet das Büro des HLC in Prishtina, und er findet es falsch, dass das Gericht wieder eine Institution von außen sei: „Auch wenn die Institutionen des Kosovo bisher gescheitert sind, bei Kriegsverbrechen für Gerechtigkeit zu sorgen: So wird es uns nicht gelingen, im Kosovo selbst eine Herrschaft des Rechts aufzubauen.“ Er fürchtet, dass die lokale Justiz sich an dem Tribunal abputzen wird. Und dass viele Kosovaren Schuldsprüche gegen einstige Kommandanten als „Justiz von außen“ nicht akzeptieren würden. Dass gegen UÇK-Größen wie Noch-Premier Hashim Thaçi vorgegangen wird, glaubt Journalist Kajtazi aber ohnehin nicht: „Er hätte nie dem Gericht zugestimmt, wenn er keine internationalen Garantien bekommen hätte.“

Vorerst steht im Kosovo sowieso ein Regierungswechsel an. Als Premier könnte ausgerechnet Ramush Haradinaj zurückkehren, den das Haager Tribunal 2012 erneut freisprechen musste. Mehrere Zeugen waren unter dubiosen Umständen ums Leben gekommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2014)

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