Wladimir Putins Propagandamaschinerie

Seit der Ukraine-Krise feuert der Kreml-Apparat aus allen Rohren. „Russia Today“ imitiert westliche Nachrichtensender, und in St. Petersburg operieren hunderte Hacker, um das Internet zu manipulieren.

RUSSIA BUSINES  PUTIN T-SHIRT COLLECTION
RUSSIA BUSINES  PUTIN T-SHIRT COLLECTION
(c) APA/EPA/MAXIM SHIPENKOV

Wien/Moskau. Im Kaukasus tobte der Krieg, und auf allen westlichen Kanälen verbreitete Michail Saakaschwili seine Sicht der Dinge. Als im August 2008 der lange schwelende Konflikt zwischen Georgien und Russland um die autonome Republik Südossetien endgültig eskalierte, eroberte der junge, an US-Elite-Unis ausgebildete Präsident Georgiens mit seinem Vorwurf über die Aggression Moskaus die Meinungshoheit im Westen. „Wir haben den Krieg gegen Georgien gewonnen, die Propagandaschlacht aber haushoch verloren“, lautete der Tenor unter Kreml-Insidern.

Ein solches PR-Debakel sollte nicht wieder vorkommen, schwor sich die Kreml-Elite. Als Präsident Wladimir Putin im Vorjahr das neue Zentrum des russischen Auslands-TV-Senders „Russia Today“ (RT) im Nordosten Moskaus besuchte, gab er die Devise aus, „das Monopol der angelsächsischen Massenmedien zu brechen“. 300 Millionen Dollar pumpt die Regierung jährlich in den TV-Kanal, der es mit einem Stab von 2500 Mitarbeitern, aufgemotzten Studios in Washington oder London und einem Mix aus westlicher Machart und smarter Propaganda mittlerweile zum erfolgreichsten Auslandssender in vielen US-Metropolen brachte.

Deklariertes Ziel sei es, so betonte die junge RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan, diplomatisch verklausuliert gegenüber dem „Spiegel“, langfristig eine „alternative Öffentlichkeit“ im Westen zu schaffen. „Es gibt eine große Nachfrage nach Medien, die nicht den Einheitsbrei der westlichen Presse nachbeten“, ätzt sie. Ihre Mitarbeiter verstehen sich denn auch als „Informationsverteidigungsministerium Russlands“, wie sie offenherzig sagen.

 

Infiltrierung des Internets

Die Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya (Russland heute) avancierte unter ihrem Chef Dmitrij Kisseljow, einem der Sprachrohre Putins, zu einem machtvollen Propagandainstrument Moskaus.

Seit Ausbruch der Ukraine-Krise feuert Putins Propagandamaschinerie aus allen Rohren. Wie ein Mantra raunen die gleichgeschalteten Staatsmedien von „Maidan-Faschisten“, von der nationalistischen Gefahr aus Kiew oder gar von einem „Genozid“. Durch Blogs und Postings von Jungkadern kontrolliert der Staat die Internetforen an der Heimatfront.

Längst infiltriert Russland durch Provokateure – sogenannte Trolle – unter dem Tarnnamen „Anonymous International“ (AI) jedoch auch das globale Internet und die sozialen Medien, wie die „Süddeutsche Zeitung“ enthüllte. Die russische Zeitung „Wedomosti“ schrieb von Testversuchen durch prorussische Auswanderer. Durch Postings auf Facebook oder Twitter, Blogs oder YouTube-Filme versuchen die bis zu 600 Mitarbeiter in St. Petersburg, die Meinung in den Online-Netzwerken zu manipulieren. Die Hacker verbreiten Verschwörungstheorien über die Involvierung von US-Geheimdiensten und folgen klaren Regeln für die Streuung von Online-Kommentaren auf US-Medien. Mit Coups aus dem Zentrum der Macht, etwa über das Referendum auf der Krim, haben sie auf sich aufmerksam gemacht.

Zentrale Akteure bei der Operation sind der Petersburger Unternehmer Jewgenij Progoschin (Spitzname: „Putins Koch“) und dessen Firma Concord sowie Wjateschlaw Wolodin, Vizechef von Putins Präsidialkanzlei und zuständig für die Kontrolle des Internets.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2014)

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