Israel: "Wir spielen nicht Pingpong mit Heinz Fischer"

Israels Parlamentspräsident Edelstein bereitet es "Unbehagen", dass Präsident Fischer eine Iran-Reise erwägt. Vom Vorwurf, Österreich habe nie Verantwortung für den Holocaust übernommen, distanziert er sich: "falsche Zitierung".

(c) APA/HERBERT NEUBAUER

Die Presse: Sie sagten der „Times of Israel“, Österreich habe nie Verantwortung für den Holocaust übernommen. Haben Sie die Reden von Vranitzky, Klestil oder Fischer vergessen?

Yuli Edelstein: Das ist ein Missverständnis, eine falsche Zitierung. Österreich übernahm die Verantwortung für den Holocaust zu spät und leistet sicher nicht als erstes Land Wiedergutmachung. Doch Kanzler Vranitzky und Präsident Klestil entschuldigten sich während ihrer Besuche in Israel klar. Wer über die Lehren aus dem Holocaust spricht, muss aber auch über die Gegenwart sprechen. Ich möchte keine Vergleiche zum Holocaust ziehen, aber wenn es heute Staats- und Regierungschefs gibt, die offen zur Zerstörung Israels aufrufen...

Wen meinen Sie?

Mehrere Staaten, das offensichtlichste Beispiel ist der Iran. Gedenkveranstaltungen sind sehr wichtig. Aber man kann nicht an einem Tag sagen, man habe die Lehren aus dem Holocaust gezogen und sich am nächsten Tag mit Holocaust-Leugner an einen Tisch setzen.

Kein österreichischer Präsident traf je Irans Ex-Präsident Mahmoud Ahmadinejad.

Die jetzige iranische Führung ist nicht sehr viel anders: Erst vor Kurzem hat Irans Oberster Führer, Ayatollah Khamenei, wieder zur Zerstörung Israels aufgerufen.

 

Glauben Sie, Österreich ist gegenüber dem Iran zu nachgiebig?

Ich kenne kein anderes europäisches Land, in dem die Staatsspitze auch nur darüber diskutiert, Teheran einen Besuch abzustatten. Das bereitet mir Unbehagen.

 

Auf Ihrem Besuchsprogramm in Wien stand auch ein Treffen mit Präsident Heinz Fischer. Er sagte öffentlich, Israels Militäraktion in Gaza sei extrem unverhältnismäßig gewesen. Ihre Reaktion?

Wir spielen nicht Pingpong mit Präsident Heinz Fischer. Ich bin absolut sicher, dass ich einen erfahrenen Staatsmann wie Fischer zumindest zum Nachdenken bringen kann. Hat sich irgendein anderer demokratischer Staat im Kampf gegen Terrororganisationen besser verhalten und mehr Rücksicht auf Zivilisten genommen? Wer weiß, vielleicht lerne ich im Gespräch mit Heinz Fischer etwas dazu – oder auch er.

 

Ja, aber wie begegnen Sie dem Vorwurf, dass Israel in Gaza zum Schaden von Zivilisten übers Ziel geschossen hat?

Während der Militäroperation in Gaza starben hunderte Hamas-Terroristen; ich werde nicht einmal versuchen vorzugeben, dass mir ihr Tod leidtut. Zweitens starben hunderte Palästinenser, die Opfer der Hamas-Terroristen waren. Andere Fälle gab es nicht. Denn niemand auf der ganzen Welt – auch nicht Präsident Fischer – glaubt, dass Israel aus heiterem Himmel Gaza angegriffen und absichtlich Zivilisten ins Visier genommen hat.

 

Trägt Israel denn keine Verantwortung für den Tod hunderter Zivilisten während der israelischen Militäraktion in Gaza?

Die Hamas trägt 100 Prozent der Verantwortung.

 

Die internationale Gemeinschaft hat eine Allianz gegen Isis gebildet. Ist Isis nicht gefährlicher als der Iran?

Nein. Natürlich ist Isis gefährlich, aber ich habe schlechte Nachrichten für Sie: Vor Isis gab es al-Qaida und andere, und jetzt gibt es auch noch Hisbollah, Hamas und 20 Gruppen in Syrien, deren Namen ich mir nicht einmal gemerkt habe. Und wenn die Allianz hoffentlich Isis den Garaus gemacht hat, wird eine andere radikale islamistische Gruppe auftreten, die dann Misis, Bisis, Tisis oder wie auch immer heißt. Der Kampf gegen den Terror wird sehr lang dauern.

 

Wollen Sie Hamas und Isis in einen Topf werfen?

Sie sind unterschiedliche Terrororganisationen, haben aber dasselbe Ziel. Die Hamas hat nichts dagegen, den Islamischen Staat im gesamten Nahen Osten zu errichten, Isis auf der ganzen Welt. Der Iran ist das wirkliche Problem. Und ich fürchte, dass der sehr wichtige Kampf gegen Isis die Aufmerksamkeit von einem großen bösen Wolf namens Iran ablenkt, der nicht nur Atomwaffen vorbereitet, sondern auch Langstreckenraketen, die weit über Israel hinausreichen.

 

Bei den Atomverhandlungen mit dem Iran scheint doch ein Durchbruch möglich.

Ich bin kein Kriegstreiber. Wenn wir dieselben Ziele durch Verhandlungen erreichen können, wäre das wunderbar. Aber: Die USA verhandelten mit Libyen und Nordkorea. Libyen hat keine Atomwaffen, weil es seine Zentrifugen und Entwicklungszentren zerstören musste. Nordkorea durfte sein Atomprogramm behalten, und damit letztlich auch sein Waffenarsenal, es spuckt nun auf die ganze Welt. Die Verhandlungen mit dem Iran folgen dem Modell Nordkorea.

ZUR PERSON

Yuli Edelstein, Vorsitzender des israelischen Parlaments, hat in Wien Bundespräsident Heinz Fischer getroffen. Davor hat Edelstein mit Nationalratspräsidentin Doris Bures einen Kranz am Mahnmal für die österreichischen Opfer der Shoah auf dem Judenplatz niedergelegt und im Nationalrat mehrere Österreicher als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. [ APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2014)

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