Die Schmuggler von Kobane

Kurdische Helfer schleusen Waffen und Munition in das syrische Kobane. Polizisten und Geheimdienst dürften dabei ein Auge zudrücken.

Smoke rises from the Syrian town of Kobani, seen from near the Mursitpinar border crossing
Smoke rises from the Syrian town of Kobani, seen from near the Mursitpinar border crossing
(c) REUTERS (UMIT BEKTAS)

Suruç. Um ein Uhr nachts laufen 25 mit Kalaschnikows bewaffnete Männer gebückt und dicht hintereinander durch die Dunkelheit. Eilig steigt einer nach dem anderen durch das Loch im türkischen Grenzzaun. Der Führer der Truppe kennt den Weg durchs Minenfeld. Nach wenigen Minuten ist Syrien erreicht. Die Männer springen auf die Ladefläche von zwei wartenden Pick-ups. Der Fahrer drückt aufs Gaspedal und fährt davon.

So kommen fast täglich neue kurdische Kämpfer in die syrische Grenzstadt Kobane, die der Islamische Staat (IS) seit dem 16. September zu erobern versucht. „In Syrien ist Kobane von drei Seiten umzingelt, Nachschub kann nur von der Türkei aus in die Stadt kommen“, sagt Hussein, ein Schmuggler, der erst vor zwei Tagen wieder eine Gruppe von kurdischen Freiwilligen über die Grenze geschleust hat. Der 27-Jährige mache das im Auftrag der „Partei“ – und meint damit die Partei der Demokratischen Union (PYD), deren bewaffneter Arm (Volksverteidigungskräfte, YPG) Kobane gegen den IS verteidigt. „Mir wird gesagt, es gibt neue Kämpfer, und dann bringe ich sie rüber.“

Er ist stolz auf seine Arbeit: „Ich tue das für unser kurdisches Volk. Da ist es mir egal, was mit mir passiert – selbst wenn ich von türkischen Grenzsoldaten erschossen werden sollte.“ Seit die IS-Terrormiliz in Vororte und selbst in das Stadtgebiet vorgedrungen ist, haben die Schmuggler an der Grenze keine große Wahl mehr. „Noch vor zehn Tagen gab es viele Wege, unsere Soldaten nach Kobane zu bringen, heute sind es nur mehr drei Stellen“, erzählt Hussein.

Er versichert, dass die Kämpfer nicht ohne Waffen gehen. Und: Freilich würden auch Waffen und Munition über die Grenze gebracht, „sonst könnte die YPG ja nicht so lang gegen die Terroristen aushalten“, sagt Hussein.

 

Früchte und Gemüse über die Grenze

Die YPG haben in den vergangenen drei Wochen unzählige Angriffe des IS abgewehrt. Nach den erfolgreichen Bombenangriffen der von den USA angeführten internationalen Anti-IS-Koalition sind die Kurdenmilizen am Sonntag sogar in die Offensive gegangen, verlorene Gebiete wurden zurückerobert. Zwar ist Hussein nicht selbst am Waffen- und Munitionsschmuggel beteiligt, er wisse jedoch, wie es funktioniert: „Man einigt sich mit dem türkischen Militär. Die sehen einfach weg, wenn schwer beladene Lkw über die Grenze fahren.“ Ein Geheimnis ist der Nachschub für die YPG in Kobane jedenfalls nicht. Der türkische Geheimdienst (MIT) weiß sicherlich Bescheid und drückt offensichtlich ein Auge zu.

„Nur Früchte, Gemüse und andere Lebensmittel gehen über den normalen Grenzübergang“, versichert unterdessen Abdi Feisab, „für alles andere gibt es spezielle Wege.“ Sie ist die Ko-Vorsitzende des Legislativen Rats der autonomen Regionalregierung und für die weiblichen Truppen der YPG verantwortlich. In der türkischen Grenzstadt Suruç gibt es eine Reihe von männlichen wie weiblichen Koordinatoren, die die Versorgung der Flüchtlinge und der Stadt Kobane organisieren. Viele hunderte Tonnen Lebensmittel sind in der riesigen Lagerhalle gestapelt, dazu Berge von Kleidersäcken, tausende Matratzen und Plastikteppiche. Die Stadt Suruç hat das Gelände ihres Fuhr- und Maschinenparks zur Verfügung gestellt.

 

Versorgung von Kobane

Nach Kobane werden täglich etwa vier Lkw mit Lebensmitteln und Wasser geschickt. „Genau kann man das nicht sagen“, erklärt Feisal Salil, ein Parlamentsabgeordneter der kurdischen Demokratischen Partei der Regionen (DBP). „Alles hängt von den türkischen Behörden an der Grenze ab, wie viele unserer Lieferungen durchgelassen werden.“ Es ist eine überwältigende logistische Aufgabe, die die DBP organisiert und aus eigenen Geldern sowie über Spenden finanziert.

In einer Bäckerei brennt im großen Steinofen 19 Stunden am Tag das Feuer. 40.000 Brote werden hier täglich gebacken. Unweit der Bäckerei wird in einer Küche jeden Tag eine Tonne Gemüse und Reis verkocht, hinzu kommen hunderte Kilogramm Faschiertes und andere Fleischsorten. Yusuf Bitiç ist einer der Küchenkoordinatoren. Der 48-Jährige hat seinen Job in der Stadtverwaltung Van in der Osttürkei verlassen, um hier als Freiwilliger zu arbeiten.

„Heute haben wir 10.000 Portionen für das Mittagessen gekocht und abends noch einmal das Gleiche“, sagt Bitiç. Nicht alle Flüchtlinge müssen versorgt werden, ein Großteil kocht für sich selbst mit zugeteilten Lebensmitteln. Bitiç zeigt den Lagerraum: Elf Tonnen Reis, Nudeln, Linsen, Kichererbsen, „das reicht für die nächsten fünf Tage“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2014)

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