Syrische Kurden sehen sich kurz vor Sieg in Kobane

Bei einem US-Luftangriff kam es zu einem tödlichen Fehler: Statt Jihadisten wurden Kurden getroffen. Der türkische Premier hat seine Pläne für eine Pufferzone in Syrien konkretisiert.

TURKEY SYRIA Kobane
TURKEY SYRIA Kobane
(c) APA/EPA/TOLGA BOZOGLU (TOLGA BOZOGLU)

Istanbul. Nach rund einem Monat der Kämpfe um Kobane sehen sich die kurdischen Verteidiger der nordsyrischen Stadt dem Sieg nahe. Das Kriegsglück habe sich zugunsten der Kurden gewendet, sagte der Chef der syrischen Kurdenpartei PYD, Salih Müslim, bei einem Besuch im Nordirak. „Wir hoffen, dass wir der Welt bald die gute Nachricht von der Befreiung Kobanes überbringen können.“ Mehrere Dutzend Luftangriffe der Alliierten in den vergangenen zwei Tagen haben dem „Islamischen Staat“ (IS) bei Kobane nach US-Angaben schwere Verluste zugefügt. Die Dschihadisten widersprachen dieser Darstellung.

Seit Mitte September belagert der IS die Stadt an der türkischen Grenze. Mit Panzern und tausenden Kämpfern sind die sunnitischen Extremisten den Kurden in der Stadt militärisch klar überlegen. Seit einigen Tagen bombardieren die USA und ihre arabischen Verbündeten den IS in Kobane jedoch massiv. Admiral John Kirby, Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, bezifferte die Zahl der Luftangriffe auf Kobane seit Wochenbeginn auf 50. Nach Berichten von der türkisch-syrischen Grenze wurden die Luftangriffe auch am Donnerstag fortgesetzt.

Die USA und ihre Verbündeten erhalten die Angriffskoordinaten inzwischen direkt von den kurdischen Verteidigern Kobanes. Doch dabei gab es jetzt einen tödlichen Fehler: Die kurdische Nachrichten-Website Rudaw meldete, mindestens sechs Kurden in Kobane seien bei einem fehlgeleiteten US-Angriff ums Leben gekommen.
Mehrere hundert IS-Kämpfer sind nach Kirbys Worten bei den Luftangriffen getötet worden. Die Luftschläge haben den Dschihadisten demnach nicht nur herbe Verluste beigebracht, sondern auch viel Kriegsgerät zerstört und die Bewegungsfreiheit der Islamisten eingeengt. Rudaw zitierte Kurdenvertreter in Kobane mit den Worten, der IS kontrolliere inzwischen weniger als 20 Prozent der Stadt.
Dagegen berichtete die IS-nahe türkische Internetseite Takvahaber am Donnerstag, die Dschihadisten kontrollierten rund 80 Prozent von Kobane. Die Website veröffentlichte Videoaufnahmen, die IS-Kämpfer mit Panzerfäusten und schweren Maschinengewehren beim Häuserkampf in Kobane zeigten.

Anschlag auf Bagdad möglich

Sowohl für den IS als auch für die Kurden und die USA ist die Stadt zu einem Symbol geworden. Eine Niederlage des IS in Kobane wäre nicht nur militärisch, sondern auch psychologisch eine Schlappe für die Extremisten, die in den vergangenen Monaten in Syrien und im Irak große Gebiete erobert hatten. Sollte der IS bei Kobane geschlagen werden, dürften die Dschihadisten versuchen, mit einer anderen spektakulären Aktion den Image-Verlust wieder auszugleichen. Michael Knights vom Institut für Nahost-Politik in Washington schrieb im Magazin „Politico“, die sunnitischen Extremisten des IS könnte versuchen, vor dem schiitischen Ashura-Fest am 3. November große Anschläge auf schiitische Pilger bei Bagdad zu verüben. Ein Angriff auf die irakische Hauptstadt selbst ist ebenfalls möglich. In Kobane könnte es auch nach einem Ende der IS-Belagerung weiter Spannungen geben.

Türkei errichtet Pufferzonen

Erstmals enthüllte der türkische Premier Ahmet Davutoglu jetzt, wo die Türkei die geplanten Pufferzonen in Syrien errichten will: Kobane gehört zu den anvisierten Gebieten. Die türkisch-kurdische Rebellengruppe PKK hatte bereits vor Wochen erklärt, sie werde den Krieg gegen Ankara neu beginnen, wenn die Türkei das kurdische Gebiet um Kobane einer Pufferzone einverleiben sollte. Die Kurden befürchten, Ankara wolle die Pufferzonen benutzen, um die kurdische Autonomie in Nordsyrien zu ersticken.

Pufferzonen sollten auch im Süden und im Osten der türkischen Grenzprovinz Hatay, nördlich der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo sowie bei Haseke im Nordosten Syriens eingerichtet werden, sagte Davutoglu dem Sender Al-Jazeera. Er bekräftigte, die Türkei wünsche sich ein Mandat der Vereinten Nationen für die Pufferzonen. Sollte dies unmöglich sein, sollte über Syrien ein Flugverbot eingerichtet werden, forderte der türkische Premier.

Ein Flugverbot würde sich in erster Linie gegen die Armee des syrischen Staatsschefs Baschar al-Assad richten, nicht gegen den IS, der keine Luftwaffe besitzt. Die Türkei dringt darauf, die internationalen Kampfeinsätze in Syrien auf Assads Armee auszuweiten, um den syrischen Staatschef zu entmachen. Nur unter dieser Bedingung will sich Ankara aktiv am Kampf gegen den IS beteiligen.

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