Dichter, Doktor und Schlächter

PORTRÄT. Wie aus dem intellektuellen Dörfler Radovan Karadzic ein Kriegsverbrecher und Volksheld wurde.

Radovan Karadzic wirkte sympathisch. Er trug die Haare lang, war schlank, hatte markante Gesichtszüge. Damals, noch vor Beginn des Krieges in Bosnien und Herzegowina 1992, war er zumindest zu Journalisten freundlich, machte Witzchen, hörte aufmerksam zu und antwortete auf alle Fragen. Er entsprach keineswegs dem Bild eines Rechtsradikalen oder engstirnigen Eiferers.

Bevor er 1990 seine Rolle als Führer der serbischen Nationalisten in Bosnien und Herzegowina antrat, hatte er ein durchschnittliches Leben in Sarajewo geführt. Er lernte seine Frau Liljana Zelen Ende der Sechzigerjahre in jener Familie kennen, bei der er, der junge Student aus Montenegro, seine erste Unterkunft gefunden hatte. Er war gekommen, um Medizin und Psychologie zu studieren. Böse Zungen in Sarajewo behaupten heute noch, dass die dickliche Liljana in der vor Schönheiten überbordenden Stadt alles daran setzte, sich ihren Radovan zu schnappen. Wie dem auch sei: Die beiden Kinder Sonja und Sascha wurden bald darauf geboren.


Wurzeln in Montenegro

Wie kam es, dass dieser Familienmensch als Schlächter des Balkans in die Geschichte eingehen sollte, verantwortlich für den Mord an zehntausenden Bosniern? Ist er ein weiterer Beleg für die These von der „Banalität des Bösen“?

Beginnen wir bei seinen Wurzeln: Seine Eltern lebten in Petnijca, als er am 19. Juni 1945 geboren wurde. Petnijca ist ein Dorf in der Nähe der Stadt Niksic in Montenegro, einer Grenzregion zu Bosnien, das von drei orthodoxen Klöstern umgeben ist. Die Gegend ist arm, doch die Karadzics wussten sich durchzusetzen. Seine Mutter stammt aus einer dort bekannten Partisanenfamilie. Noch vor vier Jahren betrieb sein Bruder ein Fuhrunternehmen in der Stadt.

Radovan wuchs während einer Zeit auf, als der sozialistische Staat unter dem kommunistischen Staatschef Tito versuchte, das Land zu industrialisieren. In einem kurzen Zeitraum erlebte Jugoslawien einen rasanten sozialen Wandel. Waren Mitte der Fünfzigerjahre noch 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, waren es Mitte der Siebziger nur noch 20 Prozent. Die Menschen strömten in die Städte. Noch heute zeugen die Silhouetten von Belgrad, Sarajewo, Split oder Zagreb von dieser Völkerwanderung. Novi Beograd oder Novo Sarajevo heißen die gesichtslosen Hochhaussiedlungen dieses neuen Proletariats.

Die alteingesessene Stadtbevölkerung reagierte oft ablehnend auf die Neuankömmlinge mit den rauen Sitten, nannte sie „Seljaci“ (Dörfler, gemeint sind Dorftrottel). Selbst Studenten wie Karadzicfühlten diese Ablehnung.


„Tötet die Bastarde“

Es ist kein Zufall, dass die Nationalisten der 90er-Jahre zumeist aus der Schicht der entwurzelten Dörfler kommen. „Zerstört die Städte und tötet die Bastarde“, schrieb Karadzic damals in einem seiner Gedichte. Als Sammler sowie Komponist serbischer Volkslieder offenbarte er eine national geprägte Identität. Die „Bastarde“, die Menschen aus Mischehen, nahmen den Psychiater offenbar nicht ernst genug.

Aber dieser Hintergrund erklärt seine Mutation zum rabiaten Nationalisten noch nicht vollständig. „Die erfolgte in einem schrittweisen Prozess“, sagt der Literaturwissenschaftler Marko Vesovic, der ebenfalls aus Montenegro stammt und anfänglich enger Weggefährte Karadzics war, sich dann aber von ihm abwandte.

Als das kommunistische System 1990 Mehrparteienwahlen ermöglichte, zögerte Karadzic noch, erklärt Vesovic. Zunächst sei er einer der Gründer der in Bosnien bedeutungslos gebliebenen „Grünen Partei“ gewesen, bevor er sich der serbischen Nationalpartei, der „Serbischen Demokratischen Partei“ (SDS) anschloss.

Anfang 1992 schlug die Stunde von Radovan Karadzic als Politiker, der Geschichte machen konnte. Zum Präsidenten einer „Regierung” der bosnischen Serben gewählt, verhärtete der blendende Redner zusehends. Auf einer Welle der Kriegsbegeisterung drohte er schon damals mit der Vernichtung der Muslime Bosniens. Am 6. April 1992 griffen die Truppen seines Armeechefs Ratko Mladic an und eroberten mit der Unterstützung der jugoslawischen Armee und Freischärlergruppen aus Serbien etwa 70 Prozent des Landes gegen die überraschten Gegner, steckten sie in Konzentrationslager und ermordeten schon lange vor Srebrenica zehntausende Menschen.

Karadzic war auf dem Höhepunkt seiner Macht. „Und das gefiel ihm“, sagt Vesovic. Er habe sich als Herr über Leben und Tod gefühlt. Als Präsident der „Serbischen Republik“ sei er von internationalen Politikern als wichtiger Gesprächspartner akzeptiert worden. Das schmeichelte ihm. Und dann wagte er es sogar, den serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic herauszufordern.


Ein Netzwerk, das ihn schützte

Nach dem Massaker von Srebrenica und der dann folgenden militärischen Niederlage der bosnischen Serben 1995 war es aber Milosevic, der die Zügel in die Hand nahm und für die bosnischen Serben bei den Friedensverhandlungen in Dayton 1995 auftrat. Karadzics Stern begann zu sinken. Als ihn schließlich das Internationale UN-Tribunal in Den Haag als Kriegsverbrecher anklagte, musste er klein beigeben. Er musste zusehen, wie seine Stellvertreterin Biljana Plavsic sich zur Präsidentin der Republika Srpska wählen ließ und ihn kurz darauf der Korruption beschuldigte.

Doch Karadzic hielt noch einige Trümpfe in der Hand. Der Volkstribun war für viele Serben zum Helden aufgestiegen. Und er hatte auch nach seinem Abtauchen treue Anhänger bei der serbisch-bosnischen Polizei, den serbischen Geheimdiensten, in der orthodoxen Kirche sowie bei den Kriegsgewinnlern und all jenen, die selbst im Krieg Verbrechen begangen hatten. Es entstand ein Netzwerk, das ihn auf intelligente Weise, aber auch mit Geld und Gewaltandrohungen abschirmte.


Phantom und Kinderbuch-Autor

Jeder Serbe, der Karadzic verraten wollte, wusste, dass er dies nicht überleben würde. Die USA blieben auf den fünf Millionen Dollar Kopfgeld sitzen. Ihm zu Hilfe kam, dass die Institutionen der internationalen Gemeinschaft über Lecks verfügten. Mehrmals wurde Karadzic vor Razzien vorgewarnt. Zudem fürchteten manche Diplomaten, nach seiner Verhaftung könnte es zu Aufständen der serbischen Bevölkerung und zu Anschlägen kommen.

Der „Doktor“, wie die Menschen ihn nannten, wurde zum Phantom, zur Legende, zum Untergrundhelden. So sicher fühlte er sich, dass er gelegentlich am St.Veits-Tag öffentlich auftrat. In seinen wechselnden Verstecken in Belgrad, Bosnien oder Montenegro entwickelte Karadzic eine rege Tätigkeit, praktizierte als Arzt und publizierte sogar Kinderbücher. Es konnte ihm nichts passieren. Solange die serbischen Behörden ihre schützende Hand über den „Volkshelden“ hielten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2008)

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