Deutschland: Liliputaner wittern ihre große Chance

Die Oppositionsparteien wollen vom Wählerunmut mit der CSU profitieren, die SPD träumt von einer „Regenbogenkoalition“.

Franz Maget
Franz Maget
(c) Reuters (MICHAEL DALDER)

MÜNCHEN. Über die satten Wiesen des Speckgürtels rund um München spannt sich ein kräftig schillernder Regenbogen, wie ihn sich Franz Maget in seinen kühnsten Träumen ausgemalt haben mag, als er die Idee einer „Regenbogenkoalition“ ventilierte. Die Heraufbeschwörung einer Anti-CSU-Allianz unter Ausschluss der Linkspartei hat etwas von einer Autosuggestion, wie Bayerns SPD-Spitzenkandidat augenzwinkernd eingesteht. „Ich musste ja ein wenig Spannung in den Wahlkampf bringen“, erzählt er im Biergarten einer Journalistenrunde im jovialen Plauderton.

Der Optimismus des netten Herrn Maget ist ungebrochen. Anno 1957 hatte zuletzt ein Sozialdemokrat Bayern regiert: Wilhelm Hoegner an der Spitze einer buntscheckigen Koalition. Zu Zeiten Edmund Stoibers hat die CSU die SPD unter die 20-Prozent-Marke und damit auf ein rekordverdächtiges Schmerzlevel gedrückt. In seinem ungelenken Bierzeltjargon dröhnt Ministerpräsident Günther Beckstein gar von einer „g'scheiten Watschen“ für die SPD: „15 Prozent sind noch zu viel.“

Obwohl die SPD augenscheinlich am wenigsten von der virulenten CSU-Krise profitiert hat, wittert Maget seit der Neuformation der Bundes-SPD auch in Bayern Morgenluft: „Es geht wieder was. Die CSU tut ja so, als hätte sie die Alpen aufgeschüttet und den Chiemsee ausgehoben.“

 

Fleisch vom Fleisch der SPD

Der feinsinnige Sohn eines Trachtenschneiders lässt nichts unversucht, die allmächtige CSU vom Sockel zu stürzen. Im TV-Duell, dem ersten in Bayern seit Menschengedenken, hat er Beckstein hart zugesetzt. Zugleich ärgert sich Maget über das Geraune um die Linkspartei. Entsprungen aus einer Abspaltung von Gewerkschaftsaktivisten, ist sie in Bayern Fleisch vom Fleisch der SPD.

In ihrer Parteizentrale unweit der Theresienwiese, wo zurzeit das Oktoberfest tobt, flößt sie sich vor der Zitterpartie des Wahlsonntags Mut ein: „Die CSU hat Angst vor uns.“ Martialisch hat CSU-Chef Erwin Huber einen „Kreuzzug“ gegen die Linke ausgerufen. Für den Berliner Linken-Capo Gregor Gysi wäre ein Einzug ins Maximilaneum, den bayerischen Landtag, ein lange gehegter Wunschtraum. Denn, so das Motto, wer es in Bayern schafft, der schafft es überall.

Sicher scheint dagegen der Sprung in den Landtag für die FDP und die Freien Wähler. Ihr Erfolg in der Wählergunst speist sich aus dem grassierenden Unmut mit der CSU. FDP-Chef Guido Westerwelle, von Stoiber einst als „Leichtmatrose“ verspottet, wird umjubelt wie selten.

Die Freien Wähler, zumeist im Zorn geschiedene CSU-Funktionäre wie Gabriele Pauli, sind auf Kommunalebene tief verwurzelt. Und die Grünen sind im zuweilen anarchischen Freistaat längst etabliert. „Geht mit Gott. Aber geht“, rufen sie in Plakaten dem CSU-Führungsduo hinterher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2008)

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