Kongo: Geschichte einer Ausbeutung

ROHSTOFFE. Vor 130 Jahren begann mit der belgischen Landnahme die Ausplünderung der Reichtümer Kongos. Die Gier nach Gold, Diamanten, Kupfer oder Coltan bezahlten bis heute Millionen von Menschen mit ihrem Leben.

Landbesitz ist eine sichere, krisenfeste Sache. Das dachte sich offenbar auch Belgiens König Léopold II. Ende der 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Und er beschloss, „sich eine Scheibe dieses großartigen afrikanischen Kuchens“ zu sichern. Die Scheibe war in der Tat groß: Das Mutterland Belgien passte etwa 75 Mal hinein. Und alles Léopolds Privatbesitz. Denn erst 1908 wurde der Kongo der Regierung unterstellt.

Von Anfang an stand die Ausbeutung der Ressourcen im Mittelpunkt. Deren Fluch begleitet die Geschichte des Kongo, wie immer das Land gerade hieß, bis heute und sorgte dafür, dass es vor allem eine kriegerische Geschichte war.

Am Anfang stand die Jagd nach Elfenbein. Bald interessierten sich die Belgier auch für Kautschuk, dank Charles Goodyear wuchs die Gumminachfrage stetig an. Die Dörfer hatten ihre Quoten; wurde nicht geliefert, konnte das den Tod bedeuten oder die Zerstörung des Ortes. Der „Gummiterror“ hinterließ im Wortsinn verbrannte Erde.

Der Kongo hatte noch mehr zu bieten: Kupfer, Kobalt, Diamanten. Zum Ende ihrer Herrschaft 1960 förderten die Belgier im Kongo 70 Prozent der Industriediamanten – weltweit. Doch nachdem König Baudouin das Land mit nobler Arroganz („Gentlemen, es ist nun an euch zu zeigen, dass ihr unser Vertrauen auch verdient“) entlassen hatte, währte die Freiheit nur kurz.

In den rohstoffreichen Provinzen Katanga und Kasai brachen – unterstützt von den Belgiern – Rebellionen aus, und der neue Premier Patrice Lumumba wurde noch im selben Jahr von Armeechef Joseph-Désiré Mobutu entmachtet. Der putschte sich 1965 mit CIA-Hilfe endgültig an die Macht und errichtete eine 32 Jahre dauernde, bizarre Diktatur.

 

Selbstbedienungsladen

Der Kongo verkam endgültig zum Selbstbedienungsladen. Mobutu verstaatlichte die Minen und gründete die Bergbaugesellschaft Gecamine, die vor allem in seine eigene Tasche wirtschaftete. Günstige Schürfrechte für ausländische Konzerne sicherten der Diktatur die Akzeptanz des Westens, französische Präsidenten zählten zum erlesenen Freundeskreis Mobutus: Immer wieder gab es Gerüchte, Valéry Giscard d'Estaing sei mit Diamanten bedacht worden, Jacques Chirac mit „Wahlkampfspenden“ in Millionenhöhe. Doch Mobutus Stern sank: Die Sowjetunion zerfiel, der Westen brauchte den Antikommunisten nicht mehr.

Ein Tutsi-Aufstand läutete 1996 den Anfang vom Ende der Mobutu-Ära ein: Rebellenchef Laurent Kabila gründete 1997 die Demokratische Republik Kongo. Doch Ruanda und Uganda zettelten eine neue Rebellion an, fielen wie Hyänen über den Kongo her und plünderten ihn hemmungslos aus. Auch andere Nachbarn mischten mit, am Ende des „ersten afrikanischen Weltkriegs“ 2003 waren mehr als vier Millionen Tote zu beklagen.

 

Mobutu-Verträge gelten weiter

Die meisten von Mobutus Verträgen sind bis heute gültig, etwa für die scheinbar unerschöpflichen Ressourcen des Kupfergürtels in der Südprovinz Katanga: Hier liegen laut der NGO „Southern Africa Resource Watch“ (SARW) ein Drittel der weltweiten Kobaltreserven und zehn Prozent des Kupfervorkommens.

Die Rohstoffe werden an der Regierung vorbei außer Landes geschafft: Auf der einzigen Asphaltstraße der Region, die bis Südafrika führt, reiht sich hier – bewacht von Milizionären mit Maschinengewehren – Lastwagen an Lastwagen. Ausfuhrzölle gibt es nicht.

Das soll sich ändern: Der 2006 gewählte Präsident Joseph Kabila, Nachfolger seines 1999 erschossenen Vaters, hat die Revision alter Verträge eingeleitet. In einem schleppenden Prozess überprüfte eine Kommission 61 Abkommen.

Dass es für neue Verträge strengere Auflagen geben soll, missfällt wiederum China, das Schürfrechte ungeahnten Ausmaßes aufkaufte. Peking investierte 2007/2008 laut SARW Milliarden Dollar in Entwicklungsprojekte – und erhielt im Gegenzug beispielsweise Schürfrechte für Kupfer und Kobalt im Wert von 14 Mrd. Dollar.

 

Krieg für Handy und Laptop

Auch im aktuellen Konflikt in Nord-Kivu spielt ein Rohstoff eine entscheidende Rolle: das Roherz Coltan, das bei der Produktion von Handys oder Laptops benötigt wird. 80 Prozent der weltweiten Vorkommen liegen in Nord-Kivu. Internationale Konzerne seien auch in den Konflikt zwischen der Regierung und Rebellenführer Laurent Nkunda verwickelt, heißt es.

Ihnen nützt das Chaos: Die Rebellen ermöglichen für geringe Schmiergelder den reibungslosen Export des Coltan. Mit dem Geld kaufen sie neue Waffen. Das Coltan wird auf geheimen Wegen vor allem über Uganda und Ruanda beiseitegeschafft. 130 Jahre nach der belgischen Landnahme hat sich also nur eines geändert: die Art der Ressourcen, für deren Ausbeutung der Kongo bluten muss.

Schließen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2008)

Kommentar zu Artikel:

Kongo: Geschichte einer Ausbeutung

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen