Somalia: Der Siegeszug der Islamisten

Die al-Shabab-Milizen führen in der eroberten Stadt Baidoa die Scharia ein. Nun ringen Somalias Abgeordnete im sicheren Djibouti darum, wer neues Staats-Oberhaupt werden soll.

(c) EPA (Badri Media)

WIEN/MOGADISCHU (w.s./Reuters).Die Ansage von Sheikh Muktar Robow Mansoor war deutlich: „Baidoa wird jetzt nach den Regeln der Scharia regiert“, verkündete der Sprecher der islamistischen al-Shabab-Miliz am Dienstag vor hunderten Menschen im Fußballstadion der somalischen Stadt. „Und wir werden keine Regierung akzeptieren, die das islamische Recht missachtet.“

Bis vor Kurzem war Baidoa noch Sitz des somalischen Parlaments gewesen. Doch nun patrouillieren schwer bewaffnete Kämpfer der al-Shabab („die Jugend“) durch die Straßen. Sie waren am Montag in die Stadt eingerückt, hatten handstreichartig den Flughafen, das Parlament und andere öffentliche Gebäude besetzt, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Denn kurz vor dem Einmarsch der Islamisten hatten sich die letzten äthiopischen Soldaten aus der Stadt zurückgezogen.

 

 

Zwei Jahre lang dauerte Äthiopiens militärisches Engagement in Somalia. Die Streitkräfte Äthiopiens waren Ende 2006 mit 3000 Mann in den Nachbarstaat am Horn von Afrika eingerückt.

Dort regierte damals die „Union der Scharia-Gerichte“ – mit Terror, aber auch mit Zustimmung eines Teils der Bevölkerung. Denn vor allem die Bewohner von Mogadischu waren das jahrelange Chaos und Bandenunwesen in den Straßen der Stadt leid. Und die Islamisten versprachen, wieder für Ordnung und öffentliche Sicherheit zu sorgen.

 

Zermürbender Untergrundkrieg

Die islamistische Herrschaft in Somalia war Äthiopien – und auch den USA – jedoch ein Dorn im Auge. Mit Rückendeckung Washingtons vertrieben Äthiopiens Streitkräfte die Milizen der „Scharia-Gerichte“ und installierten Somalias Übergangsregierung, die schon vor der Machtübernahme der Islamisten die Geschicke des Landes gelenkt hatte.

Anfangs schienen Äthiopiens Truppen die Lage unter Kontrolle zu haben. Doch ihre Verluste stiegen, je länger ihr Einsatz dauerte. Die islamistischen Milizen waren in den Untergrund abgetaucht und setzen den fremden Soldaten durch immer ausgefeiltere Guerrillataktiken zu. Dazu kamen massive politische Probleme: Somalias Übergangsregierung wurde von heftigen internen Querelen erschüttert. Präsident Abdullahi Yusuf Ahmed trat schließlich Ende Dezember zurück.

Nun ringen Somalias Abgeordnete im sicheren Djibouti darum, wer neues Staatsoberhaupt werden soll. Dem Parlament gehören mittlerweile auch zahlreiche Vertreter jener Islamisten-Milizen an, die 2006 von Äthiopien von der Macht verdrängt worden waren. Und einer ihrer wichtigsten Führer, Sheikh Sharif Sheikh Ahmed, machte bereits klar, um jeden Preis Präsident werden zu wollen.

Die Einbeziehung der Islamisten dient dem Ziel einer „nationalen Versöhnung“. Eine Übergangsregierung auf möglichst breiter Basis soll Somalia endlich Frieden bringen. Und der Abzug der bei den Islamisten verhassten Äthiopier war eine Voraussetzung dafür.

 

Al-Shabab will weiterkämpfen

Doch nicht alle sind bereit, an einer gemeinsamen „Regierung der nationalen Versöhnung“ mitzuwirken. Die al-Shabab-Miliz, der die USA Verbindungen zur al-Qaida vorwerfen, will weiterkämpfen. Mit der Einnahme der Stadt Baidoa erzielte sie einen wichtigen Erfolg. Und ihre Kämpfer sind weiter auf dem Vormarsch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2009)

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