„Ich bin in Auschwitz mehrere Tode gestorben“

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des NS-Vernichtungslagers erinnerten sich Opfer der Grauen – und Politiker mahnten vor Antisemitismus.

A man pays his respects during a commemoration ceremony for the 70th anniversary of the liberation of Auschwitz death camp, at the Jewish Cemetery in former Nazi concentration camp Terezin in Terezin
A man pays his respects during a commemoration ceremony for the 70th anniversary of the liberation of Auschwitz death camp, at the Jewish Cemetery in former Nazi concentration camp Terezin in Terezin
A man pays his respects during a commemoration ceremony for the 70th anniversary of the liberation of Auschwitz death camp, at the Jewish Cemetery in former Nazi concentration camp Terezin in Terezin – (c) REUTERS (DAVID W CERNY)

Die Dunkelheit senkt sich über die Baracken und die Waggons des Konzentrationslagers Auschwitz, und Neuschnee bedeckt draußen die Gleise und Stacheldrahtzäune, die Spuren des Holocausts. Drinnen, im Zelt vor dem „Todestor“, ertönt derweil ein Horn, und zum Abschluss des Gedenkakts zum 70. Jahrestag der Befreiung des Nazi-Vernichtungslager, in dem mehr als eine Million Menschen ihr Leben gelassen haben, spricht ein Rabbi das Kaddisch, das traditionelle Totengebet der Juden. Priester schließen sich im interkonfessionellen Gebet an.

Links vorne am Podium hatte ein Streicherquartett Platz genommen, rechts davon waren die Ehrengäste platziert, Präsidenten und Monarchen aus allen Teilen Europas, unter ihnen die Spitzen der Republik, Heinz Fischer und Werner Faymann – nicht jedoch Wladimir Putin. Der russische Präsident war wegen der politischen Turbulenzen rund um die Ukraine-Krise und der Verstimmung mit den polnischen Gastgebern der Feierlichkeiten ferngeblieben. Vom Jüdischen Museum in Moskau aus mahnte der Staatschef als Rechtsnachfolger der Befreiernation: „Jeder Versuch, die Ereignisse zu vertuschen und zu verzerren und die Geschichte umzuschreiben, sind inakzeptabel und unmoralisch.“

 

''Hölle von Hass und Gewalt'': Gedenken in Auschwitz

„Hölle von Hass und Gewalt“

In Auschwitz selbst, dem „Friedhof der Juden“, ergreift indessen erst Polens Präsident, Bronislaw Komorowski, das Wort. „Erinnern wir uns daran, wozu der Bruch internationalen Rechts auf Selbstbestimmung von Nationen führt“, sagt er, und dies ist durchaus auch als Verurteilung der russischen Annexion der Krim zu verstehen. Von Auschwitz aus, führt er weiter aus, müsse jeder Hass verdammt werden. Denn Auschwitz sei eine einzige „Hölle von Hass und Gewalt“ gewesen. Doch er beschwört das Credo: „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

Danach sind jedoch die Zeitzeugen an der Reihe, die Überlebenden, die voller Stolz das Erkennungszeichen der KZ-Opfer tragen, die tätowierten Nummern, die weiß-blau gestreiften Halsbänder, Mützen und Schärpen. Mehrere Hundert sind gekommen, aus den USA und Israel, meist weit in den Achtzigern.

Auschwitz-Befreiung: ''Es war kein Wachtraum''

Junge Helfer führen sie nach vorne ans Pult, wo als Symbol der Hoffnung eine Fackel flackert. Halina Birenbaum, eine Schriftstellerin aus Israel, geboren in Warschau und 1943 mit 14 Jahren nach Auschwitz verfrachtet, erinnert sich an das Grauen im Lager, an die geschorenen Köpfe und die Holzschuhe, die tägliche Selektion und das „Todesurteil“ in der Gaskammer. „Sie lassen uns nicht sterben“, sagt die kleinwüchsige 85-Jährige, die kaum übers Pult ragt. Die Vergangenheit lebe in ihr fort. „Ich bin mehrere Tode gestorben, vor Angst und vor Spannung, und es war nicht klar, ob wir den nächsten Tag noch überleben werden.“ Doch sie habe sich Eines geschworen: „Ich wollte nichts vergessen, um meine Erlebnisse zu teilen.“

Einer nach dem anderen tritt vor, der eine hat den Sirenenklang im Lager im Ohr, der andere den Geruch der verkohlten Leichen in der Nase. „Eine Minute war hier wie ein Tag.“ Roman Kent, Präsident des Auschwitz-Komitees, appelliert: Wir müssen den Hass im Keim ersticken, heute und in Zukunft.“

„Immerwährende Verantwortung“

In Auschwitz tun sich Steven Spielberg und Ronald Lauder, Ex-US-Botschafter und Chef des World Jewish Congress, als Warner vor dem aufkeimenden Antisemitismus, dem „Dämon der Intoleranz“, hervor. Beim Gedenkakt im Berliner Bundestag formulierte Präsident Joachim Gauck zuvor das Bekenntnis: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. Die Erinnerung an den Holocaust bleibt Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte des Landes.“ Vorher hatte Kanzlerin Angela Merkel die „immerwährende Verantwortung“ der Deutschen betont. Der Polizeischutz vor Synagogen laste wie ein „Makel auf unserem Land“.

In Auschwitz schreiten am Ende der Zeremonie die Gäste – Gauck, Fischer, Hollande – ins Freie zum Mahnmal, jeder eine Kerze in der Hand, umwirbelt von Schneeflocken.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2015)

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